Lombardi liebäugelt mit Bundesrat

BERN. CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi gilt als schillernde Figur. Dass er Bundesratsambitionen hat, ist in Bern ein offenes Geheimnis. Für Tessiner Politiker ist es an der Zeit, dass ihr Landesteil wieder einen Vertreter stellt.

Tobias Gafafer
Drucken
Teilen
Ständerat und CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi hat einen guten Draht zu Bundesrätin Doris Leuthard. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Ständerat und CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi hat einen guten Draht zu Bundesrätin Doris Leuthard. (Bild: ky/Peter Klaunzer)

Für Schweizer Verhältnisse ist es eine aussergewöhnliche politische Karriere. Vor einigen Jahren war Ständerat Filippo Lombardi an einem Tiefpunkt angelangt, als er sich einmal mehr wegen Verkehrsdelikten vor Gericht verantworten musste. Mehr noch: 2004 gab er zu, bei einer Tessiner Lokalzeitung die Auflagenzahlen gefälscht zu haben. Doch während andere Politiker längst erledigt gewesen wären, rappelte sich Lombardi wieder auf. In letzter Zeit ging es sogar aufwärts: Seit gut einem Jahr ist er Fraktionschef der CVP.

Die Karriere krönen würde eine Wahl in den Bundesrat. In der CVP-Fraktion, aber auch bei Politikern anderer Parteien ist es ein offenes Geheimnis, dass Lombardi mit dem Amt liebäugelt. Als Fraktionschef hat er einen guten Draht zu CVP-Bundesrätin Doris Leuthard: Einmal pro Woche trifft er sich laut eigenen Angaben mit ihr und Parteipräsident Christophe Darbellay zur Sitzung. Dass sich die Fraktionschefs mit «ihren» Bundesräten austauschen, ist zwar auch bei anderen Parteien üblich. Laut dem Umfeld mehrerer anderer Bundesräte finden die Treffen aber meist nicht in dieser regelmässigen Kadenz statt.

Leuthard müsste zurücktreten

Das CVP-Fraktionspräsidium war schon für Arnold Koller und Kurt Furgler eine Art Sprungbrett für den Bundesrat. Lombardi antwortet auf die Frage ausweichend. Das ist im Bundeshaus üblich; potenziellen Anwärtern schadet es meist, wenn sie sich zu früh exponieren. «Es gibt viele CVP-Fraktionschefs, die nicht Bundesrat geworden sind, und nur wenige, die es geworden sind», sagt er. 246 Parlamentarier würden das Amt gerne übernehmen. Priorität hat für den 58-Jährigen jetzt der eidgenössische Wahlkampf. Die Frage einer Kandidatur stelle sich zurzeit nicht: «Doris Leuthard ist im Amt. Sie macht ihre Aufgabe gut und ist sehr populär.»

Die CVP wird auf absehbare Zeit – und ohne Union mit der BDP – kaum wieder einen zweiten Bundesratssitz erhalten, da sie Wähleranteile verloren hat. Deshalb müsste für Lombardis Kandidatur erst die Verkehrs- und Energieministerin ihren Sitz räumen. Doris Leuthard hält sich wie üblich bedeckt: «Ich weiss auf jeden Fall noch nicht, wann ich zurücktreten werde», sagte sie Ende 2014 im Interview mit der «Ostschweiz am Sonntag». Die Freude und die Energie für die Arbeit seien noch da. In Leuthards Umfeld heisst es, sie wolle 2017 ein zweites Mal Bundespräsidentin werden und schwierige Vorlagen wie die Energiewende ins Trockene bringen.

«Ein super Aussenminister»

Absehbar ist, dass Lombardi keine schlechten Wahlchancen hätte, wenn ihn seine Partei aufstellen würde. Seit Flavio Cottis Rücktritt stellt das Tessin keinen Bundesrat mehr. Politiker machen seit langem Druck, dass die Minderheit nicht mehr übergangen wird. Andere Parteien könnten Lombardi wählen – zumal kein anderer Tessiner in Sicht ist, der eher in Frage kommen könnte. Vertreter des Südkantons starten einen Werbespot, wenn sie auf Lombardi angesprochen werden. «Er hätte gute Chancen und hat die Statur und Fähigkeiten für das Amt», sagt etwa FDP-Nationalrat Ignazio Cassis. Das Tessin sei seit 16 Jahren nicht mehr im Bundesrat vertreten. «Das ist keine Frage des Kantons, sondern eines Landesteils.» Für Cassis steht bereits fest, welches Departement Lombardi übernehmen könnte: «Er wäre ein super Aussenminister.»

Sprachgewandt und charmant

Dass Lombardi gerne auf dem internationalen Parkett auftritt, bewies er 2013 als Präsident des Ständerats. Er spricht mehrere Sprachen fliessend und ist charmant. Der Tessiner reiste so häufig ins Ausland, dass vom «Schattenaussenminister» die Rede war. Das Parlament musste einen Nachtragskredit beantragen. Für Kritik sorgte, dass Lombardi trotz der Ukraine-Krise nie einen Hehl aus seiner Sympathie für Russland machte. Zudem gilt er mit seinen vielen Mandaten als Briefträger von Lobbyisten. Selbst Parteikollegen macht misstrauisch, dass der Präsident des Eishockeyclubs Ambri-Piotta auf so vielen Hochzeiten tanzt.

Dennoch hat sich die CVP-Fraktion an Lombardi gewöhnt. Ständerat Ivo Bischofberger lobt seine «gewinnende Art». Die Fraktion hole ihn auf den Boden zurück. Mit der Unterstützung des Generalsekretariats sei er gut organisiert. Und dass der Tessiner für Überraschungen gut sein kann, hat er bereits gezeigt.