«Lieber Ungehorsam als Tod!»: Genfer Cafétiers und Restaurateure rebellieren

Es brodelt in der zweitgrössten Stadt der Schweiz, der am stärksten betroffenen Corona-Region Europas. Nach dem erneuten Lockdown protestieren die Gewerbler - und drohen nun sogar die Regeln der Regierung zu missachten.

Benjamin Weinmann aus Genf
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Seit dem 2. November herrscht in Genf ein erneuter Lockdown, von dem Restaurants, Café, Bars und Geschäfte betroffen sind.

Seit dem 2. November herrscht in Genf ein erneuter Lockdown, von dem Restaurants, Café, Bars und Geschäfte betroffen sind.

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

In Genf sieht es seit zwei Wochen so aus, wie es in der ganzen Schweiz im März aussah: Die Geschäfte und Restaurants sind zu. Es herrscht ein zweiter Lockdown. Doch während es beim ersten «confinement» viel Verständnis für die ausserordentliche Situation gab, hat sich der Wind inzwischen gedreht. Es brodelt in der zweitgrössten Stadt der Schweiz.

Am Samstag fand in der Innenstadt ein hitziger Protest statt, an dem die Händler und Restaurateure die sofortige Wiedereröffnung ihrer Geschäfte forderten. Doch bei den Protesten bleibt es nicht. Der Verband der Cafetiers und Restaurateure hat sich in einem Schreiben an die Genfer Regierung gewandt und droht darin mit ziviler Ungehorsamkeit, wie lokale Medien berichten. Man sei bereit, den Vorgaben des Regierungsrats nicht zu folgen und trotz des Verbots die Toren wieder zu öffnen. Für Donnerstag ist eine weitere Kundgebung angekündigt.

Protest-Brief mit Drohung

Im Protest-Brief schreiben die Absender laut der «Tribune de Genève», dass man nicht zum Chaos aufrufe und sie sich nicht als Anarchisten oder Rebellen sähen. Aber sie würden die Ungehorsamkeit dem Tod vorziehen. Der Brief sei ein letzter, nicht-aggressiver Vorstoss angesichts einer nicht tragbaren Situation, um nicht in Stille zu sterben.

Im Stadtteil Carouge mit vielen trendigen Cafés, Boutiquen und Kunst-Ateliers haben manche Händler Schilder vor ihren Geschäften installiert, auf denen es weiss auf schwarz heisst: «Nicht-essenziell?! Für wen!»

Pikant: Selbst im Regierungsrat herrscht Uneinigkeit. Nathalie Fontanet (FDP), welche das Wirtschaftsdossier vom gescholtenen Ratskollegen Pierre Maudet übernommen hat, verlangte gegenüber RTS eine Wiedereröffnung so bald wie möglich, da sie sich um die wirtschaftlichen Kollateralschäden Sorgen mache, aber auch um den sozialen Zusammenhalt. Die Genfer Covid-Task-Force und der renommierte Epidemiologe Antoine Flahault warnen hingegen davor.

Rückendeckung vom Manor-Chef

Im Interview mit dieser Zeitung brach Manor-Chef Jérôme Gilg diese Woche eine Lanze für seine Branche. «Ich verstehe diese Proteste und wenn kleine Händler sagen: Das können wir nicht mehr akzeptieren! Dieser Mini-Lockdown schmerzt das ganze Gewerbe, klein und gross.» Der Druck sei enorm, auch weil man sich in der wichtigen Vorweihnachtszeit befände.

Gilg bezeichnet den kantonalen Alleingang von Genf als «kontraproduktiv» und «bizarr». Denn seit dem Genfer Lockdown weichen die Konsumenten aus der Rhone-Stadt einfach in die Waadt aus. «In unserem Warenhaus in Chavannes, unweit der Kantonsgrenze, sind die Umsätze seither um 40 Prozent gestiegen.»

Genf ist seit mehreren Tagen die am stärksten betroffene Corona-Region ganz Europas (CH Media berichtete). Die Genfer Ständerätin Lisa Mazzone (Grüne) verteidigt denn auch die harten Massnahmen: «Genf musste reagieren und konnte nicht länger zuwarten. Der Kanton hat gehofft, dass die anderen ihm folgen würden.» Sie spricht von einer angespannten Atmosphäre. «Die Hoffnung, dass nach der ersten Welle alles bald vorbei sein könnte, ist verschwunden.»