«Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger...»

Reden zum Nationalfeiertag verfassen ist eine Herausforderung. Das gilt wohl auch für Bundespräsidentinnen und -präsidenten. Kommt dazu: Kaum gehalten, sind diese Reden auch schon wieder vergessen. Wer erinnert sich schon an den Inhalt der Reden der letzten zehn Jahre?!

Richard Clavadetscher
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Reflexe Interview mit alt Bundesrat Samuel Schmid an der BDP Delegiertenversammlung im Fürstenlandsaal Gossau (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Reflexe Interview mit alt Bundesrat Samuel Schmid an der BDP Delegiertenversammlung im Fürstenlandsaal Gossau (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

2005

Wir klagten viel, aber auf hohem Niveau, Bundespräsident Samuel Schmid hält den Schweizern den Spiegel vor. Dabei gebe es doch viel zu loben: die Schönheit unserer Landschaft, die meist intakte Umwelt, die topmoderne Infrastruktur, das hochstehende Gesundheits- und Bildungswesen, die geringe Teuerung, die tiefe Arbeitslosigkeit, den Arbeitsfrieden, den Schutz der Minderheiten, die direkte Demokratie, die politische Stabilität. Unseren Klagen hält Schmid deshalb das Leben einer Appenzeller Bergbauernfamilie entgegen, die er kurz davor getroffen hat. Sie kämpfe beispielhaft mit widrigen Umständen und gebe doch nie auf. Sie packe selbstbewusst, kompetent und eigenverantwortlich an – statt zu jammern. Das verlangt der Bundespräsident auch von den «lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgern»: Selbstbewusst nach vorne schauen!

2006

Moritz Leuenberger steigt mit einer Nationalfeiertags-Erinnerung aus seiner Jugendzeit in die Rede ein: wie die Mutter belegte Brötli machte und mit Tomaten und Emmentaler Schweizerkreuze formte, was ausländische Gäste respektlos fanden gegenüber dem Land. Leuenberger aber gefällt diese unverkrampfte, fröhliche Darstellung des Schweizerkreuzes – und sie sei erst noch appetitlich. Diesen légèren Umgang mit dem Schweizerkreuz erlebt Leuenberger bis in die heutige Zeit: Aufs Gesicht gemalte Schweizerkreuze von Fans der Fussball-Nationalmannschaft etwa. Dieser fröhliche Patriotismus sei indes nicht allein urschweizerisch, am feurigsten jubelten nämlich die Secondos und Terzos. Darum gehe es ja eigentlich jedem Staat, so Leuenberger weiter: Er wolle, dass die Menschen glücklich sein könnten. Die wichtigste Kraft, die uns zufrieden und glücklich mache, sei jedoch nicht der Staat, das seien wir selber. Davon gehe auch unsere Bundesverfassung aus: «Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei.» Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, sei etwas, das viele Menschen zufrieden und glücklich mache. Dies zeige auch das enorme Ausmass der Freiwilligenarbeit in unserem Land. Was wir aber hier, in der Schweiz, anstrebten, das müssten wir doch eigentlich für die ganze Welt wollen. Denn unser Glück habe nur Bestand, wenn wir es auch anderen ermöglichten.

2007

Wir lebten in einer Zeit, in der an vielen Orten der Welt die Zeichen auf Unruhe und Sturm deuteten, so Micheline Calmy-Rey. Und es gebe etliche neue Gefahren: Terrorismus, Umweltkatastrophen, Epidemien, Zivilkonflikte. Deshalb könnten wir stolz sein und uns glücklich schätzen, dass wir gerade in diesen Zeiten in einem Land leben dürften, das seit Jahrhunderten dem Frieden verpflichtet sei und es durch die Zeiten immer geschafft habe, das Alte zu bewahren und sich für das Neue zu öffnen. Trotz unterschiedlicher Kulturen und Sprachen könnten die Schweizer miteinander zusammenleben, und sie hätten etwas Gemeinsames geschaffen: einen funktionierenden Staat, der seine Bevölkerung schütze und ihr im besten Sinne Heimat gebe. Rechte und Werte seien aber nicht auf ewig garantiert, so Calmy-Rey. Wir müssten sie schützen und uns für sie engagieren. Dies gelte gerade in der Zeit der Globalisierung – in einer Zeit mithin, wo die Kluft zwischen hohen und tiefen Einkommen immer grösser werde. Demokratie heisse auch Chancengleichheit – und Chancengleichheit sei Integration.

2008

Nicht einen militärischen Sieg oder Geburt oder Tod eines Nationalhelden feierten wir am 1. August, so Pascal Couchepin. Die Schweiz erinnere sich am Nationalfeiertag dafür an eine Verschwörung – eine Verschwörung mit dem Ziel, den sich verbündenden Gemeinschaften mehr Freiheit und mehr Rechtssicherheit zu geben. Die Schweiz habe also von Anfang an nach einer Gesellschaft gestrebt, in der sich jede Gemeinschaft und jede einzelne Person entfalten und in Freiheit und Recht leben könne. Dieses Erbe, diese Tradition sei es, was wir am 1. August feierten. Eine Tradition achten heisse aber, sie in verändertem Umfeld neu beleben. Dies meine die Bundesverfassung, wenn sie festhalte, «dass nur frei ist, wer seine Freiheit gebraucht». Couchepin zeichnet im weiteren ein Bild der Schweiz, der es gut geht – auch wenn die Konjunktur zurzeit Sorgen mache. Und er zeichnet das Bild einer solidarischen Schweiz. Diese Solidarität könne sich aber nicht nur auf die Menschen in unserem Land beschränken. Dafür seien wir zu klein. Wir müssten uns vielmehr für den Frieden auf der ganzen Welt einsetzen und unsere Beziehungen zu anderen Ländern, besonders aber zu den direkten Nachbarn und zur EU stärken.

2009

Der schlechte Gang der Wirtschaft hinterlässt auch Spuren in der Rede von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz, der darauf hinweist, dass angesichts der für Schweizer Verhältnisse hohen Arbeitslosigkeit wohl nicht allen zum Feiern zumute sei. Betroffene richteten ihren Blick deshalb auf den Staat und erwarteten Hilfe von ihm. Die Sozialwerke könnten das jetzige wirtschaftliche Tief zwar mildern, aber nicht beseitigen, so Merz. Wir müssten uns eingestehen, dass wir in den Jahren zuvor überbordet hätten, müssten wieder bescheidener werden. Die Wirtschaft aber sei nun zu Mut und Erfindungsgeist anzuspornen. So sei die Krise auch eine Chance. Unsere soliden Institutionen, aber auch bewährte Eigenschaften wie Fleiss, Qualität und Zuverlässigkeit würden uns aus der Krise führen, zeigt sich Merz überzeugt. Gerade der 1. August sei geeignet, uns daran zu erinnern, dass unsere Vorfahren in schwierigen Zeiten zusammen gestanden seien und mit gemeinsamem Handeln Schwierigkeiten überwunden hätten.

2010

Bundespräsidentin Doris Leuthard spricht vom Lindenberg über dem Aargauer Reusstal. Hier spüre sie das Wechselspiel von Nähe und Ferne, von Heimat und Weltoffenheit, das die Schweiz ausmache. Auch sie muss Bezug auf die Wirtschaftskrise nehmen und findet, dass wir vor diesem Hintergrund alle unseren Beitrag zu leisten hätten, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Als Herausforderungen nennt sie die demographische Entwicklung und die Anpassung der Sozialwerke daran, die Bewältigung der zunehmenden Mobilität und die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen. Leuthard ruft dazu auf, sich an diesen Debatten zu beteiligen. Um weiterzukommen, brauche es die Ideen aller Menschen. Demokratie heisse schliesslich Engagement – und nicht nur protestierend die Faust im Sack machen.

2011

Wir feierten den 720. Geburtstag der Schweiz in einer Zeit der Globalisierung, einer neuen Zeit, die unsere Identität in Frage stelle und die Art und Weise, wie wir die heutigen Herausforderungen angingen, so Micheline Calmy-Rey. Der Wandel, dem wir ausgesetzt seien, schaffe Gewinner und Verlierer. Auswirkungen der Finanzkrise seien ebenfalls noch zu spüren. Zum ersten Mal seit 60 Jahren stünden wir deshalb vor einer schwierigen Zukunft, und es sei uns dabei bewusst, dass unser Alltag immer stärker abhängig sei von dem, was anderswo geschehe. Von Anfang an und bis heute sei die Schweiz offen für Handel und Austausch mit dem Ausland gewesen, so Calmy-Rey. Das Land habe sich stets eingesetzt für Toleranz, und es habe dabei eine humanitäre Tradition entwickelt. Diesen Geist müssten wir uns bewahren – gerade in der heutigen Zeit. Denn eine ängstliche Nation habe keinen Erfolg.

2012

Von einer Bündner Bundespräsidentin wird erwartet, dass sie nicht nur die Mitbürgerinnen und Mitbürger anspricht, sondern auch die «charas convischinas e chars convischins». Eveline Widmer-Schlumpf erfüllt diese Erwartung. Sie spricht aus Juf, der höchstgelegenen ganzjährig bewohnten Siedlung Europas. Von dort hat man Weitblick, und daran knüpft die Bundespräsidentin an: Die Welt sei unberechenbarer geworden, mit Rettungsschirmen müssten Banken und der Euro gestützt werden. Klar sei, dass auch die Schweiz unter Wasser stehe, wenn Europas Dämme brächen. Deshalb müssten wir Lasten mittragen– etwa beim internationalen Währungsfonds. Der Wind werde künftig noch rauher wehen; umso wichtiger sei es, dass wir die Reihen schlössen. Wichtig sei heute, den Staatshaushalt in Ordnung zu halten, in Forschung und Bildung, in Präzision und Qualität zu investieren, damit unsere Wirtschaft sich behaupten könne. So blieben auch die sozialen Pfeiler unserer Gesellschaft intakt. Auf diese Weise habe die Schweiz stets Erfolg gehabt. Es sei deshalb auch künftig darauf zu bauen, so Widmer-Schlumpf, die sich so verabschiedete, wie es von einer Bündner Bundespräsidentin erwartet wird: «En il num dal Cussegl federal giavisch jau a Vus tuts, a Vossas famiglias ed a Voss amis ina bella ed allegraivla festa per il prim d'avust.»

2013

Bundespräsident Ueli Maurer nimmt den 1. August zum Anlass, erneut das anzusprechen, was ihn auch sonst beschäftigt: «Dass die Souveränität kleiner Staaten mehr und mehr missachtet wird.» Internationale Organisationen und grosse Staaten setzten immer mehr auf Macht statt auf Recht. Das bekomme die Schweiz zu spüren. Gerade in solchen Zeiten müssten wir uns nun an unsere Ursprünge erinnern: Weil unsere Vorfahren frei werden wollten, hätten sie dieses Land gegründet. Und weil sie frei bleiben wollten, hätten sich Generationen vor uns immer wieder aufs Neue für dieses Land eingesetzt. Er sei optimistisch, dass dies weiter so bleiben werde – vorausgesetzt wir Schweizerinnen und Schweizer seien uns zumindest in einem einig: «Dass die Werte der Schweiz nicht verhandelbar sind; dass wir unsere Freiheit und Unabhängigkeit niemals aufgeben werden.»

2014

Die Erfolgsgeschichte der Schweiz ist auch für Bundespräsident Didier Burkhalter Anknüpfungspunkt. Noch mehr allerdings betont er, der Aussenminister, das internationale Engagement unseres Landes – gerade in Zeiten, in denen in Europa wieder Krieg herrsche. Die Schweiz engagiere sich international, weil es in ihrem ureigenen Interesse liege, sich für den Frieden einzusetzen. Es entspreche zudem unseren Grundwerten. Zu den Schweizer Stärken gehörten Unabhängigkeit, Unparteilichkeit, Neutralität – aber auch die Fähigkeit, den Dialog zu fördern und Brücken zwischen Kulturen zu bauen. Es erstaune darum nicht, dass gerade in Genf immer wieder nach Friedenslösungen gesuchte werde. Die Schweiz setze sich international für Stabilität ein. Denn Instabilität sei immer auch eine Bedrohung für unser Land.

Ermatingen TG - Moritz Leuenberger spricht im Kellertheater Breitenstein in Ermatingen über das Thema "Muss in der Politik gelogen werden?". Bild: Nana do Carmo / Thurgauer Zeitung 30.05.2015 (Bild: Nana do Carmo / TZ)

Ermatingen TG - Moritz Leuenberger spricht im Kellertheater Breitenstein in Ermatingen über das Thema "Muss in der Politik gelogen werden?". Bild: Nana do Carmo / Thurgauer Zeitung 30.05.2015 (Bild: Nana do Carmo / TZ)

Interview mit Bundesraetin Micheline Calmy Rey im Sitzung Zimmer im Bundeshaus Susann Basler 18. April 2005

Interview mit Bundesraetin Micheline Calmy Rey im Sitzung Zimmer im Bundeshaus Susann Basler 18. April 2005

Berlingen TG - Alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz spricht bei der Seniorenakademie in Berlingen über Humor in der Politik. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Berlingen TG - Alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz spricht bei der Seniorenakademie in Berlingen über Humor in der Politik. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Bundesrätin Doris Leuthard an der Infrastrukturtagung in der HSG. Im Interview für das Tagblatt. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bundesrätin Doris Leuthard an der Infrastrukturtagung in der HSG. Im Interview für das Tagblatt. (Bild: Hanspeter Schiess)

BDP Delegiertenversammlung im Fürstenlandsaal Gossau: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

BDP Delegiertenversammlung im Fürstenlandsaal Gossau: Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

ISC 43 St. Gallen Symposium, Uni St. Gallen, Ueli Maurer Bundesrat (Bild: HANSPETER SCHIESS SCHIESSFOTOGRA)

ISC 43 St. Gallen Symposium, Uni St. Gallen, Ueli Maurer Bundesrat (Bild: HANSPETER SCHIESS SCHIESSFOTOGRA)

epa04742898 Swiss Foreign Minister Didier Burkhalter arrives for a meeting with Luxembourg Foreign Minister Jean Asselborn (not pictured) at the Foreign Ministry in Luxembourg, 11 May 2015. The meeting takes place as a working visit of the Swiss Foreign Minister, various subjects are to be discussed such as the two countries relationship, the future Luxembourg Presidency of the European Council and the main international political subjects. EPA/MATHIEU CUGNOT (Bild: MATHIEU CUGNOT (EPA))

epa04742898 Swiss Foreign Minister Didier Burkhalter arrives for a meeting with Luxembourg Foreign Minister Jean Asselborn (not pictured) at the Foreign Ministry in Luxembourg, 11 May 2015. The meeting takes place as a working visit of the Swiss Foreign Minister, various subjects are to be discussed such as the two countries relationship, the future Luxembourg Presidency of the European Council and the main international political subjects. EPA/MATHIEU CUGNOT (Bild: MATHIEU CUGNOT (EPA))

Interview mit Bundesraetin Micheline Calmy Rey im Sitzung Zimmer im Bundeshaus Susann Basler 18. April 2005

Interview mit Bundesraetin Micheline Calmy Rey im Sitzung Zimmer im Bundeshaus Susann Basler 18. April 2005

Das Mikrofon am Rednerpult in dem noch leeren Saal der Generalversammlung der Schweizerischen Volkspartei (SVP) des Kantons Neuenburg am 3. Juli 2007 in Boudevilliers. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) (Bild: ky/Martin Rütschi)

Das Mikrofon am Rednerpult in dem noch leeren Saal der Generalversammlung der Schweizerischen Volkspartei (SVP) des Kantons Neuenburg am 3. Juli 2007 in Boudevilliers. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) (Bild: ky/Martin Rütschi)