Reportage

Lesbisches Paar erfüllt sich Kinderwunsch in Spanien – ab Mittwoch verhandelt das Parlament über die Vorlage «Ehe für alle»

Nun kommt die Ehe für alle ins Parlament. Und damit die Hoffnung von lesbischen Paaren, eine Familie sein zu dürfen wie alle anderen auch.

Anna Miller
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Manchmal werden Leonie und Sonja gefragt, wer das Mami von Josh sei. «Wir beide», sagen sie.

Manchmal werden Leonie und Sonja gefragt, wer das Mami von Josh sei. «Wir beide», sagen sie.

Bild: Severin Bigler (11. März 2020)

2010, Leonie ist 19 Jahre alt, sie spielt Handball, Trainingslager der Schweizer Juniorinnen in Deutschland. Da steht sie plötzlich, Sonja, zehn Jahre älter, sie kennen sich vom Sehen, eine neue Frauenfreundschaft, nichts weiter. Sie verstehen sich gut, reden viel, lachen, gehen Kaffee trinken. Die ersten im Team fragen, ja, sagt mal, warum seid ihr immer zusammen? Leonie und Sonja, bis dahin beide immer in Männer verliebt, mit Männern zusammen, Leonie wollte schon immer Kinder, eigentlich mit einem Mann.

Und nun sitzen die beiden da und merken: Das hier ist anders. Wir verlieben uns gerade. Ist das normal?

Leonie und Sonja ziehen zusammen, beide sind in Kreisen unterwegs, die kein Problem daraus machen, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat, kein Thema, ausser manchmal, wenn Fragen kommen, interessierte Fragen, keine, die damit zu tun hätten, dass sie ausgeschlossen werden, aber viele Fragen, die damit zu tun haben, dass Menschen nicht viel darüber wissen, wie man das gleiche Geschlecht liebt. Familie zeugt. Heiratet. Welche Gesetze gelten, bei Homosexuellen.

Das Kind soll von beiden Elternteilen etwas haben

14. Juni 2016, Standesamt, im August dann das Hochzeitsfest, Leonie und Sonja tragen beide ein weisses, bodenlanges Kleid mit Spitze, sie lassen Hochzeitsfotos machen, die aussehen, als hätte man sie einem Brautmodekatalog entnommen. Ein Pfarrer predigt, an der Party legt ein DJ auf, sie lachen beide sehr, und beide halten Blumen in den Händen, eine ganz normale Hochzeit, im Grunde, ausser juristisch, aber wir wollten uns den Spass nicht nehmen lassen, sagt Leonie.

Leonie sagt, in den grossen Ideen einer Partnerschaft unterscheiden wir uns nicht von allen anderen modernen, heterosexuellen Paaren, die sich Fragen stellen zur Rollenaufteilung, zum Beruf, zum Garten und sich darüber unterhalten, wer den Müll rausbringt. Eigentlich, sagt Leonie, haben wir sogar den Vorteil, dass wir unsere Beziehung ganz neu denken müssen, zwei Frauen, wer ist denn hier der «Mann», gibt es überhaupt einen? Dieser total gleichberechtigte Start zweier Menschen, um den sie manch eine Frau oder ein Mann beneiden würde, keine Erwartungshaltung aufgrund des biologischen Geschlechts.

Die Ehe für alle, aber ...


Das Parlament berät in der Sommersession über die Vorlage «Ehe für alle». Gleichgeschlechtliche Paare sollen in Zukunft dieselben Rechte und Pflichten erhalten wie heterosexuelle. Insbesondere sollen sie auch Kinder adoptieren dürfen. Der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin ist jedoch ein grosser Streitpunkt. Es ist davon auszugehen, dass die Samenspende für lesbische Paare in der Schweiz verboten bleibt. Bis dahin weichen homosexuelle Paare aufs Ausland aus, gebären und schlängeln sich dann durch die bürokratischen Verfahren einer Adoption.

Sonja und Leonie fahren in den Flitterwochen nach Spanien, eine Sache von ein paar Tagen, für dieses Kind, das sie sich so sehnlichst wünschen. Ein paar Hormone, Eizelle raus, In-vitro-Befruchtung, Eizelle einsetzen. Die erste Fehlgeburt, nach ein paar Wochen. Dann ein zweites Mal einsetzen, eine Eizelle aus der ersten Entnahme. Alles geht gut. Sonja trägt Josh aus, Sonja gebärt Josh. Darauf haben sich die beiden Frauen geeinigt, sie wollten, dass das Kind von beiden Elternteilen etwas hat, die Eizelle von Leonie, den Mutterleib von Sonja. Die Samenspende stammt aus Spanien, anonym, einziges Kriterium: Das Sperma sollte Genmaterial enthalten, das die optische Ähnlichkeit zur genetischen Nicht-Mutter garantiert.

Eine unkomplizierte Schwangerschaft und Geburt

Neun Monate später werden Leonie und Sonja Eltern. Emotional zumindest. Im Alltag. Juristisch wird es nur Sonja. In der Schweiz gilt als leibliche Mutter, wer das Kind gebärt. Die andere Person ist, sofern gleichgeschlechtlich, eine Art entfernte Bekannte. Falls Sonja das Kind entführen würde, gäbe es keine Konsequenzen. Müsste das Kind ins Spital, darf Leonie Josh nicht sehen. Würde sich Leonie aus dem Staub machen, müsste sie für nichts aufkommen, weder juristisch noch finanziell. Ausser, die Eltern entscheiden sich für die Stiefkindadoption. Was Leonie und Sonja taten. Was auch in Ordnung ist. Und trotzdem nicht das Gleiche. Weil Josh nun mal kein Stiefkind ist. Sondern von Beginn weg da war. In diese Familie hineingeboren. Auch wenn Einige denken: Zwei Frauen machen keine Familie.

Josh ist ein kleiner, feiner Junge, er ist nun zwei Jahre alt, er läuft in der Wohnung umher, eine Wohnsiedlung im Kanton Zürich, ländlich, mit Riegelhäusern und kleinen Brücken, die über den Dorfbach führen, 25 Minuten mit der S-Bahn nach Zürich. Josh war ein absolutes Wunschkind, sagt Leonie, Jahre geplant, wie wäre es auch anders möglich, natürlich zeugen konnten wir ja nicht, lacht sie kurz auf, ein bisschen Spass hat der Logik der Biologie noch nicht geschadet. Josh, die grosse Liebe seiner Eltern, eine unkomplizierte Schwangerschaft, eine unkomplizierte Geburt. Sonja, sagt Leonie, war fürs Schwangersein gemacht. Manchmal, wenn beide Frauen auf dem Spielplatz stehen und Josh dabei zusehen, wie er seine Runden dreht, fragen andere Mamis interessiert, wer denn das Mami sei. Leonie und Sonja sagen dann, wir beide, und das Gegenüber hakt dann nach und fragt: Ja, schon, aber wer ist das richtige Mami? Wer hat ihn geboren?

In den Köpfen vieler Menschen macht das Gebären noch eine echte Frau aus. Viele Frauen in heterosexuellen Beziehungen tragen lange Traumata mit sich herum, wegen der Kaiserschnitte, wegen der Muttergefühle, die ausblieben, wegen ihrer Figur oder der Unfruchtbarkeit. Der Druck der Natürlichkeit um jeden Preis, in den Köpfen. Auch wenn die Realität eine andere ist. Ein Drittel aller Paare nicht sofort ein Kind bekommt, vielleicht gar nie. Tausende In-vitro-Befruchtung machen müssen.

Das Kinderkriegen ist schon lange nicht mehr etwas, das einfach vom Himmel fällt, und doch noch immer mystisch so aufgeladen. Zwei Lesben, die Kinder kriegen, ist gegen die Natur, sagen einige. Zwei Schwule, die Kinder kriegen, abartig. Weil Mann und Frau das Kind gebären, so will es die Natur. Und der Herzschrittmacher?, fragt Leonie. Und die künstliche Beatmung, obwohl der Tod schon da ist? Jeder darf seine Meinung haben, sagt Leonie, sie verstehe auch alle, die ihre Entscheidung nicht mittragen. Und doch: Wir wollen gesetzliche Grundlagen, die es uns erlauben, als mündige Bürger die Freiheit zu haben, unser Leben so zu gestalten, wie wir das möchten, solange es die Freiheit eines anderen nicht tangiert. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.

Im Januar 2020 hat der Bundesrat bekräftigt, dass er die «Ehe für alle» unterstützt. Sie soll rasch und ohne Verfassungsrevision realisiert werden. Gleichgeschlechtliche Paare sollen in Zukunft dieselben Rechte und Pflichten erhalten wie heterosexuelle. Insbesondere sollen sie auch Kinder adoptieren dürfen. «Weitere Fragen – insbesondere der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin – sollen vertieft geprüft und zu einem späteren Zeitpunkt gesondert diskutiert werden», heisst es in seiner Stellungnahme.

«Wir hatten Glück. Wir sind privilegierte Bisexuelle»

Seit 2007 können Frauen- und Männerpaare in allen Kantonen mit gegenseitiger Unterschrift ihre Beziehung eintragen lassen. Die Rechte und Pflichten sind mit denen einer Ehe weitgehend vergleichbar. Aber es gibt Ausnahmen, beispielsweise bei der Witwenrente. In der Realität gibt es bereits Tausende sogenannte Regenbogenfamilien in der Schweiz. Es ist nicht strafbar, als gleichgeschlechtliche Partner Kinder zu haben. Oder eine Ehe einzugehen. Es ist nur so, dass es von Gesetzes wegen in der Schweiz nicht möglich ist. Deshalb weichen gleichgeschlechtliche Paare wie Leonie und Sonja ins Ausland aus.

Euch zwei, sagt ein Freund, finde ich schön zusammen. Aber bei zwei Männern kriege ich das Kotzen.

Im Grunde, sagt Leonie, hatten wir Glück. Wir sind privilegierte Bisexuelle. Weil wir zwei Frauen sind. Weil wir so heteronormativ sind, wie’s eben geht. Das heisst: beide hübsch, keine kurzen Haare. Wir sind Bünzlis, sagt Leonie. Heirat, Kind, Haus, die netten Schwiegereltern und eine fein säuberlich aufgereihte Ordnerfront im Regal im Arbeitszimmer, alles fast normal. Wir bedrohen die geltende Ordnung nur ein bisschen, sagt Leonie. Der Weg zum Kind hat Leonie und Sonja 20000 Franken gekostet. Vielleicht gibt es irgendwann ein Geschwisterchen für Josh, schön wäre das, eine kleine Familie mit Garten, Hund, Haus.

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