Leiter der Corona-Taskforce zu Cluböffnung: «Aus wissenschaftlicher Sicht bedenklich»

Nicht nur das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bewertete in seiner internen Risikoanalyse eine Cluböffnung als Gefahr, auch die Taskforce des Bundes warnte ausdrücklich davor. «Wir hätten sicherlich nicht so viel auf einmal geöffnet», sagt Matthias Egger, Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes.

Helene Obrist / watson.ch
Drucken
Teilen
«Die Gefahr, dass die Zahlen weiterhin ansteigen, ist da», sagt Matthias Egger, Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes.

«Die Gefahr, dass die Zahlen weiterhin ansteigen, ist da», sagt Matthias Egger, Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes.

Keystone

Herr Egger, in der Risikoanalyse des Bundes, die per Öffentlichkeitsgesetz publiziert werden musste, erscheint die Bar- und Cluböffnung tiefrot. Es seien weder Distanzregeln noch Schutzmassnahmen möglich. Sah das die Taskforce genauso?

Matthias Egger: Wir haben bereits im April von einer Wiederöffnung abgeraten und die Risiken im Rahmen unserer öffentlichen Policy Briefs publiziert. Vor allem weil die Nachverfolgung der Fälle schwierig ist und weil Distanz- und Hygienemassnahmen kaum eingehalten werden können.

Also waren sich das BAG und die Taskforce einig, dass mit der Öffnung der Clubs ein grosses Risiko in Kauf genommen wird. Ist der Bund zu schnell vorgeprescht?

Wir hätten sicherlich nicht so viel auf einmal geöffnet. Die Taskforce hat stets für eine etappenweise Öffnung plädiert. Denkbar wäre gewesen, zuerst Restaurants zu öffnen und dann zwei Wochen abzuwarten und zu schauen, wie sich die Fallzahlen entwickeln. Nun hat man ziemlich alles auf einmal geöffnet, inklusive der Grenzen, wo es noch keine Schutzkonzepte gibt. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht bedenklich.

Schutzmassnahmen können «kaum getroffen» werden, heisst es in der internen Risikoanalyse des BAG.

Schutzmassnahmen können «kaum getroffen» werden, heisst es in der internen Risikoanalyse des BAG.

Screenshot/Risikoanalyse des Bundes

Das klingt nicht gerade hoffnungsvoll ...

Wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen. Es ist auch möglich, dass wir den R-Wert wieder unter 1 bringen und sich die Infektionszahlen auf relativ tiefem Niveau bei zum Beispiel 50 pro Tag einpendeln. Das wäre ein Szenario, das wir bewältigen können. Aber die Gefahr, dass die Zahlen weiter ansteigen, ist da.

Wenn zusehends mehr Bars- und Clubs als Infektionsherde fungieren, wäre es nicht der konsequente Schluss, diese wieder zu schliessen?

Wenn sich die Clubbesucher aufgrund falscher Angaben nicht tracen lassen, dann muss man über eine erneute Schliessung diskutieren. Es hat sich aber gezeigt, dass das Contact Tracing der Clubbesucher im Flamingo Club ziemlich gut funktioniert hat. Eine wichtige Rolle könnte hier auch die freiwillige SwissCovid-App spielen. Sie hat den Vorteil, dass sie potentiell schneller und effizienter ist als das klassische Contact Tracing der Kantone.

Steigen die Fallzahlen wieder an, werden auch die Kantone stärker mit dem Social Tracing ausgelastet sein. Wie weit reichen die kantonalen Kapazitäten, allen infizierten Personen nachzutelefonieren?

Das ist leider immer noch schwierig zu beurteilen. Die Kantone sind sicher viel besser vorbereitet als im März. Wie hoch die Kapazitäten aber wirklich sind und wie schnell sie hochgefahren werden könnten, weiss niemand. Es gibt keine nationale Koordination, die den Überblick hätte. Zudem fehlt auch weiterhin eine zentrale Datenbank, wo die Resultate des Contact Tracing von den Kantonen in Echtzeit eingespeist werden könnten.

Die Schweiz befindet sich wieder in der besonderen Lage. Nun liegt es primär an den Kantonen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Hätte der Bundesrat die ausserordentliche Lage besser noch verlängert?

Eine Pandemie ist eine enorme Herausforderung für einen föderalistischen Staat, das Virus macht ja nicht halt vor den Kantonsgrenzen. Es ist nun extrem wichtig, dass die Kantone und das BAG eng zusammenarbeiten und dass Probleme und Nachteile sehr rasch adressiert und verbessert werden. Jeder Tag zählt.

Mehr zum Thema