LEITARTIKEL: Die Schweiz braucht mehr böse Mädchen

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Deshalb sei es wichtig, die Frauenfrage in Bundesbern mit Nachdruck in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Dies schreibt "Tagblatt"-Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Leitartikel.

Drucken
Teilen
Wenn die FDP nicht von allen guten Geistern verlassen ist, dann spurt sie die nächsten Wahlen so vor, dass Ständerätin Karin Keller-Sutter nicht erneut auf der Strecke bleibt oder – noch schlimmer – desillusioniert auf eine Kandidatur verzichtet. (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Wenn die FDP nicht von allen guten Geistern verlassen ist, dann spurt sie die nächsten Wahlen so vor, dass Ständerätin Karin Keller-Sutter nicht erneut auf der Strecke bleibt oder – noch schlimmer – desillusioniert auf eine Kandidatur verzichtet. (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Und wieder blieb die Frau auf der Strecke: Während Ignazio Cassis souverän gewählt und Pierre Maudet immerhin respektabel nichtgewählt wurde, schiffte Nationalrätin Isabelle Moret im zweiten Wahlgang der Bundesratswahlen regelrecht ab. Seither wird in- und ausserhalb des Bundeshauses die These herumgeboten, da sei einmal mehr eine fähige Frau abgestraft worden, nur weil sie eine Frau ist. FDP-Nationalrätin Doris Fiala spricht von einem «Debakel», Regula Rytz, die Präsidentin der Grünen, gar von einer «Demütigung der Frauen». Mit Verlaub, meine Damen: Das ist Unsinn.

Isabelle Moret ist, das wissen im Bundeshaus alle, eine doch ziemlich durchschnittliche Politikerin. Ihr Scheitern ist weder auf die fehlende Frauensolidarität noch auf unsäglichen Machismus zurückzuführen. Die Waadtländerin figurierte auf dem FDP-Ticket, weil es sich die Partei schlicht nicht leisten konnte, die einzige Frau im Umzug schon vorher auszusortieren. Bei dieser Wahl ging es in erster Linie um die regionale Repräsentanz. Es war zentral, die italienischsprachige Schweiz wieder in den Bundesrat zu integrieren. Das ist der Hauptgrund, warum mit Pierre Maudet auch der talentierteste Kandidat gescheitert ist.

Dennoch ist es richtig, wenn die Frauenfrage jetzt mit Nachdruck in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Nach der Wahl ist schliesslich vor der nächsten Wahl. Und die Tessinfrage ist geklärt. Alle Parteien müssen sich bewusst sein, dass die strategische Ausrichtung allein auf Männer keine Option mehr ist. Es ist tatsächlich peinlich, dass unser Land seit 1848 nur gerade sieben Bundesrätinnen erlebt hat. Eine davon musste frühzeitig zurücktreten (Elisabeth Kopp). Eine zweite wurde abgewählt (Ruth Metzler). Und der dritten wäre dasselbe Schicksal widerfahren, hätte sie sich nicht freiwillig aus dem Staub gemacht (Eveline Widmer-Schlumpf).

Im Bundesrat zeichnen sich in den kommenden zwei Jahren drei Vakanzen ab. Mit Doris Leuthard tritt auch eine Frau zurück. Der Frauenanteil in der Regierung könnte damit auf einen Siebtel sinken. Ein unhaltbarer Zustand. Es ist zwingend, jetzt nach kompetenten Frauen Ausschau zu halten. Beim Freisinn steht mit Karin Keller-Sutter eine starke Frau in den Startlöchern, die bei den Bundesratswahlen 2010 Opfer bürgerlicher Männerseilschaften und argwöhnischer linker Frauen wurde. Wenn die FDP nicht von allen guten Geistern verlassen ist, dann spurt sie die nächsten Wahlen so vor, dass Keller-Sutter nicht erneut auf der Strecke bleibt oder – noch schlimmer – desillusioniert auf eine Kandidatur verzichtet.

Etwas dünner ist die weibliche Personaldecke bei der CVP. Hinter der Übermutter Doris Leuthard klafft eine beträchtliche Lücke, die sich nicht so schnell schliessen lässt. Noch schwieriger gestaltet sich die Suche nach einer bundesratstauglichen Frau bei der SVP, deren Magistrat Ueli Maurer ebenfalls im Pensionsalter ist.

Wenn wir in diesem Land längerfristig mehr Frauen in wichtigen Positionen wollen, dann bedarf dies einerseits einer systematischen Förderung. Bei Parteien, Verbänden und in der Privatwirtschaft braucht es einen Gesinnungswandel. Frauen in Spitzenpositionen zu wissen ist nicht einfach nett, es ist zwingend, gerade auch weil durchmischte Teams erwiesenermassen besser performen als einseitig zusammengesetzte. Es wäre andererseits falsch, Frauen als Schwächlinge darzustellen, die externer Hilfe bedürfen. Sie existieren, die starken, durchsetzungsfähigen Frauen. Vor allem aber gibt es in unserem Land immer noch viel zu viele Frauen, die in Anlehnung an die Psychologin Ute Ehrhardt lieber «gute Mädchen» sein wollen. Die freiwillig aus Beruf und Karriere aussteigen, um sich gänzlich Haus und Kindern zu widmen. Die weder ellbögeln noch Machtspiele mitmachen wollen.

Es sei ihnen unbenommen. Wer aber über Frauenmangel klagt, darf diese verbreiteten Mechanismen nicht ausblenden. Doch so kommt Frau nicht in die Regierung. Die guten Mädchen kommen bloss in den Himmel. Die bösen aber überall hin. Vielleicht sogar in den Bundesrat.

Stefan Schmid
stefan.schmid@tagblatt.ch