LEITARTIKEL: Der Soziopath ist die Leerstelle der Gesellschaft

"Erstaunlich ist nicht, dass diese Tat passieren konnte. Erstaunlich ist, dass solche Dinge nicht häufiger vorkommen." Das schreibt der stellvertretende Chefredaktor Andri Rostetter in seinem Samstags-Leitartikel zur Kettensäge-Attacke in Schaffhausen.

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Die Altstadt von Schaffhausen musste abgeriegelt werden. (Bild: KEYSTONE)

Die Altstadt von Schaffhausen musste abgeriegelt werden. (Bild: KEYSTONE)

Was muss im Leben eines Menschen schiefgehen, damit er andere mit einer Kettensäge angreift? Diese Frage musste stellen, wer sich vergangene Woche mit dem Attentäter von Schaffhausen befasste. Und an dem Mann vorbei kam man kaum. Zu abstrus war die Tat, zu absonderlich der Täter. Sogar CNN und BBC berichteten über die «Switzerland chainsaw attack». Hätte der Mann ein profanes Küchenmesser geschwungen, das öffentliche Interesse wäre deutlich schneller erschöpft gewesen. So aber hatte die Geschichte ihren eigenen, archaischen Reiz, das grobe Mordinstrument stachelte die Fantasie geradezu an. Wer war der Mann, der seit Monaten in einem Auto im Wald lebte und eines Morgens mit einer Kettensäge gezielt auf die Filiale einer Krankenkasse lossteuerte?

Schon kurz nach der Attacke waren auf dem Online-Boulevard Details zu dem Mann erhältlich, die sonst nicht einmal in Gerichtsakten auftauchen. Kinderfotos, abgelaufene Pässe, ein Saisonabonnement einer Badeanstalt, Aussagen von Ex-Nachbarn: Mehr oder minder aussagekräftige Bruchstücke eines Lebens, das offensichtlich aus den Fugen geraten ist. Und mehr als genug Stoff für uns Alltagsvoyeure.

Es dauerte auch nicht lange, bis die übliche braune Brühe durch die sozialen Medien schwappte. «Woher stammt eigentlich der Kettensäge-Täter und IV-Rentner? Tönt nicht nach Turbenthal und Schweizerischer Eidgenossenschaft.» Diese Twitter-Einlassung eines bekannten Zürcher SVP-Politikers war noch von der harmloseren Sorte. Ähnlich vergiftete Reaktionen waren schon zu hören gewesen, als vor einem Jahr ein Mann in einem Regionalzug im Rheintal Passagiere mit einer brennenden Flüssigkeit attackierte und zwei Menschen tötete. Diese Reaktionen zeigen vor allem eines: In der breiten Öffentlichkeit ist das Verständnis für die menschliche Psyche noch immer sehr gering.

Zwar hat man «Gemütsleiden» bereits im 19. Jahrhundert als soziales, politisches und medizinisches Problem wahrgenommen. Auf uneingeschränkte gesellschaftliche Akzeptanz warten Betroffene aber noch heute. Psychische Krankheiten sind nach wie vor mit einem Stigma behaftet. Und je stärker das Leiden, desto grösser ist die Gefahr, dass sich jemand aus der Gesellschaft zurückzieht. Genau so scheint sich auch das Vorleben des Täters von Schaffhausen abgespielt zu haben: Aus einem etwas skurrilen, aber freundlichen Sonderling wurde über die Jahre ein gewaltbereiter Psychopath. Erstaunlich ist nicht, dass diese Tat passieren konnte. Erstaunlich ist, dass solche Dinge nicht häufiger vorkommen. Laut Schätzungen des Bundes leben in der Schweiz 95'000 Personen mit einer schizophrenen Erkrankung, 100'000 leiden unter Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. Geradezu epidemische Ausmasse angenommen haben affektive Störungen, zu denen etwa Depressionen zählen: Gemäss den Zahlen des Bundes sind in der Schweiz 1,3 Millionen Personen davon betroffen. Alles potenzielle Kettensägen-Attentäter? Kaum. Aber lässt man Betroffene zu lange allein, ist die soziale Isolation rasch Realität.

Unter welchen Störungen der Täter von Schaffhausen leidet, ist noch nicht geklärt. Dass er ein Fall für die Psychiatrie ist, dürfte allerdings kaum bestritten sein. Den Behörden war schon länger klar, dass der Mann über erhebliche kriminelle Energie verfügt. Er war bereits wegen Verstössen gegen das Waffengesetz verurteilt. Wegsperren konnte man ihn deswegen nicht, juristisch waren die Verstösse zu gering. Dennoch: In diesem Fall haben weder staatliche Frühwarnsysteme versagt, noch hat sonst ein Sicherheitsdispositiv nicht gegriffen. Hier hat schlicht die Psyche eines Einzelnen versagt – mit brutalen Folgen. Vorher- sagen oder steuern lassen sich solche Ausbrüche nicht. Der ausser Kontrolle geratene Soziopath ist die Leerstelle der Gesellschaft, die nie geschlossen werden kann.

Andri Rostetter
andri.rostetter@tagblatt.ch