Am 11. Mai gehen die Schulen wieder auf : Warum Lehrer und Schulleiter einen Flickenteppich befürchten

Mit welchen Regeln dürfen die Schulen wieder öffnen? Der Bund macht dazu nur wenige Vorgaben – das verunsichert die Betroffenen.

Sven Altermatt und Lucien Fluri
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Eine Primarlehrerin allein im Klassenzimmer.

Eine Primarlehrerin allein im Klassenzimmer.

Bild: Keystone (Gurbrü, 23. April 2020)

Es sind zwei Botschaften, die der Bundesrat gestern an die Schulen gesendet hat. Die erste lautet: Die Primar- und die Sekundarstufe dürfen am 11. Mai definitiv den Präsenzunterricht wieder aufnehmen – sie müssen aber nicht. Will ein Kanton darauf verzichten, muss er zumindest ein Betreuungsangebot schaffen. Und die zweite Botschaft: Wie genau der Schulbetrieb funktionieren soll, wird nicht vorgeschrieben. Zwar legt der Bundesrat ein Konzept vor, das Eckwerte aufführt, die berücksichtigt werden müssen. Doch konkrete Schutzvorgaben sollen die Kantone ausarbeiten, und sie wiederum könnten diese Aufgabe an die Gemeinden delegieren.

Die Eckwerte beruhen laut dem Bund auf dem Umstand, dass Erwachsene zwar das Coronavirus an Kinder weitergeben können, insbesondere kleine Kinder jedoch kaum Erwachsene anstecken. «Kinder haben meist mildere Verläufe mit wenigen oder keinen Symp­tomen», heisst es. Im Kern sieht das Konzept Folgendes vor:

  • Der Unterricht im Klassenzimmer soll dem Alter der Schülerinnen und Schüler angepasst werden. Unter Zehnjährige müssen untereinander keine Distanz einhalten. Ziel ist es, dass sich insbesondere Kinder tieferer Klassen «möglichst normal» verhalten können.chreibung
  • Für Kinder ab zehn Jahren gibt es ebenfalls keine Distanzvorschriften, die Kantone können aber solche oder andere Massnahmen anordnen.
  • Lehrer sollen untereinander und – wenn möglich – zu den Schülern einen Abstand von zwei Metern einhalten.
  • Wer im Schulhaus verkehrt, soll die gängigen Verhaltens- und Hygieneregeln beachten. Die Klassenzimmer müssen nach jeder Schulstunde gelüftet werden. Die Kinder sind dazu angehalten, ihr Znüni nicht zu teilen.
  • Maskenempfehlungen gibt es keine. Solche wären nicht sinnvoll, findet der Bundesrat. Allerdings könne «in gewissen Situationen» für Lehrer und über 16-Jährige das Benutzen von Masken in Betracht gezogen werden.
  • Für Lehrer, die einer Risikogruppe angehören, und für Kinder, die mit besonders gefährdeten Personen in einem Haushalt leben, sollen individuelle Lösungen gefunden werden. Grundsätzlich sollen die Schüler wenn immer möglich am Unterricht teilnehmen.
  • Allgemein gilt: Positiv auf das Coronavirus getestete Personen werden isoliert. Wer mit ihnen Kontakt hatte, wird informiert und unter Quarantäne gestellt. Dass wegen dieser Regelung ganze Schulen schliessen müssen, will der Bund offenbar verhindern: «Das Miteinander der Kinder im schulischen Setting wird nicht als enger Kontakt definiert», schreibt er. Falls sich die Fälle jedoch häuften, müsse unter Umständen doch eine Quarantäne angeordnet oder Gruppen innerhalb der Schule müssten voneinander getrennt werden.

Die einen sehen Spielraum, die anderen Wildwuchs

Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren begrüsst die Eckwerte des Bundesrates. Sie liessen den Kantonen den nötigen Spielraum für die Umsetzung. Einige Kantone wollen bereits heute Donnerstag darüber informieren, wie sie den Unterricht ausgestalten und wie ihre Schutzkonzepte aussehen.

Bei Lehrern und Schulleitern ist die Verunsicherung nach den gestrigen Entscheiden derweil gross. Es entstehe ein kantonaler Flickenteppich, der das Vertrauen der Eltern in die Schule nicht fördere, kritisiert Dagmar Rösler, die oberste Lehrerin des Landes.

Zwar freue er sich, dass der Schulbetrieb wieder starte, sagt auch Thomas Minder, Präsident des nationalen Schulleiterverbandes. Gleichzeitig befürchtet er einen föderalistischen Wildwuchs: «Wenn die Kantone das Konzept des Bundes ganz unterschiedlich umsetzen, wachsen Unsicherheit und Unverständnis.» Es könne nicht sein, dass ein Kanton den Unterricht in Halbklassen durchführt, während sein Nachbarkanton auf regulären Präsenzunterricht setzt. Der Schulleiterverband bittet die Kantone in einem Aufruf eindringlich, auf Alleingänge zu verzichten, sich gegenseitig abzustimmen und die Verbände zu konsultieren

Keine Berufsmaturitätsprüfungen

Jeder Kanton kann selbst festlegen, ob er schriftliche Maturaprüfungen schreiben lässt oder ob es gar keine Maturaprüfungen gibt. Das hat der Bundesrat gestern entschieden. Die mündlichen Prüfungen waren bereits abgesagt worden. Auch Berufsmaturitätsprüfungen wird es nicht geben, wie der Bundesrat entschied. Die Abschlussnoten werden aufgrund der Erfahrungsnoten erstellt. Die Absage der Prüfungen wird nicht überall glücklich aufgenommen. So hatte Yves Flückiger, Präsident der Schweizer Hochschulrektoren, auf die Durchführung von Prüfungen gehofft. Ohne Prüfung bleibe ein Makel haften, hatte er in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt. An den Gymnasien findet weiterhin kein Präsenzunterricht statt. Erlaubt werden der Musikunterricht und Veranstaltungen bis fünf Personen. (lfh)