Lawinenunglück in Andermatt: Kritiker warnten früh vor Gefahren

Nach dem Lawinenniedergang in Andermatt zeigt sich: Es gab durchaus Hinweise auf die Gefährlichkeit des Geländes.

mim/Watson
Drucken
Teilen
Beim Lawinenunglück in Andermatt wurden sechs Personen verschüttet – wie durch ein Wunder konnten alle geborgen werden.

Beim Lawinenunglück in Andermatt wurden sechs Personen verschüttet – wie durch ein Wunder konnten alle geborgen werden.

Quelle: keystone

Am 14. Dezember 2018 kamen Heerscharen von Menschen an die Feier zur Vollendung der Skiarena Andermatt-Sedrun. Für die damalige Urner Regierungsrätin Heidi Z'graggen wurde damit «eine Vision zur Realität», wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Auch für den Investor Samih Sawiris war der Tag von Bedeutung: «Andermatt ist jetzt eine Destination, die überall anerkannt ist.»

An jenem Tag vor etwas mehr als einem Jahr wurde in Sedrun die Gondelbahn, mit der man den Schneehüenerstock erreicht, eröffnet. Nur wenige Tage später wurde auch die dazugehörende Piste «Hinter Felli» in Betrieb genommen. Damit war der Zusammenschluss der Skigebiete Sedrun und Andermatt Realität.

Der damalige CEO von Andermatt Swiss Alps AG, Franz-Xaver Simmen, erklärte: «Bisher gab es über den Oberalppass nur die Strasse und die Schiene. Heute eröffnen wir die dritte Dimension, nämlich die Verbindung über die Berge.»

Gerade mal ein Jahr später geschieht das, was jedem Tourismusverantwortlichen Alpträume bereitet: Während der Weihnachtsferien kommt es am 26. Dezember zu einem Lawinenniedergang – mitten auf eben jener Piste, die ein Jahr zuvor eröffnet worden ist. Sechs Personen werden verschüttet. Es grenzt an ein Wunder, dass alle Verschütteten geborgen werden konnten. Lediglich zwei davon wurden leicht verletzt, die restlichen vier kamen mit dem Schock davon.

Retter bei ihrem Einsatz nach dem Lawinenniedergang.

Retter bei ihrem Einsatz nach dem Lawinenniedergang.

Quelle: keystone

Das Unglück wirft nun einige Fragen auf: Weshalb kann eine gesicherte Piste von einer Lawine getroffen werden? War das Prestigeprojekt Grund dafür, dass ein hohes Risiko vernachlässigt wurde?

Im September 2018 stufte das Bundesamt für Verkehr das Lawinenschutzkonzept für den «Schneehüener-Express» und die Piste «Hinter Felli» offiziell als gut ein. Zudem erhielt das Skigebiet im letzten Winter von den Experten von Seilbahnen Schweiz das Gütesiegel «geprüfte Pisten» – Alarmzeichen schien es keine zu geben.

Romano Pajarola von der Beratungsstelle Sicherheit Schneesportanlagen sagte gegenüber der «NZZ am Sonntag»: «Ich persönlich habe die fragliche Piste homologisiert. Sie ist einwandfrei.» Doch weshalb konnte auf einer geprüften Piste trotzdem eine Lawine niedergehen? Pajarola dazu: «Ein Skigebiet wird alle drei Jahre von unseren Experten besucht.» Bei einem solchen Besuch wird jeweils das Sicherheits- und Rettungskonzept sowie die Pistensignalisation geprüft. «Die Verantwortung für die Sicherung der Pisten liegt jedoch immer beim Bergbahnunternehmen. Dieses entscheidet, ob geöffnet werden kann oder nicht.»

«In dieser hochalpinen Lage ist die nötige Sicherheit für den Betrieb eines Skigebiets fast immer eine Gratwanderung.»

Doch so ungefährlich war das Gelände indes nicht, wie Maren Kern, die Geschäftsführerin von Mountain Wilderness weiss: «Bei der Planung der neuen Skiarena haben die Umweltschutzverbände mehrmals darauf hingewiesen, dass das Gebiet kein Skigebietsgelände ist. Neben Natur- und Landschaftsschutzproblemen stellen sich auch Fragen aufgrund der Topografie und des Untergrundes.» Der südexponierte Hang über den die Piste «Hinter Felli» führt, ist über 30 Grad steil – diese Neigung ist stark genug, dass ich Lawinen lösen können. An diesem 26. Dezember war die Lawinengefahr «erheblich».

Pia Tresch von Pro Natura Uri sieht für die Pisten am Schneehüenerstock ein weiteres Problem: Die vielen Steine an diesem Teil des Skigebietes erlauben ein Öffnung der Pisten nur dann, wenn viel Schnee liegt. Doch bei viel Schnee steigt auch die Lawinengefahr deutlich. «In dieser hochalpinen Lage ist die nötige Sicherheit für den Betrieb eines Skigebiets fast immer eine Gratwanderung.»

Die Verantwortlichen des Skigebietes betonen, dass der Traum des Prestigeprojektes nicht auf Kosten der Sicherheit ging. Das bestätigt auch der Sprecher der Andermatt Swiss Alps AG, Stefan Kern: «Die Sicherheit der Gäste und der Mitarbeitenden hat immer oberste Priorität.» Vor Eröffnung der Pisten am 26. Dezember seien zahlreiche Sicherheitssprengungen durchgeführt worden. «Es gibt keinen kommerziellen Druck, Pisten zu öffnen.»

Noch offen ist die Frage, wie es mit der Skiarena nach dem Unglück weitergeht. Werden zur Steigerung der Sicherheit Lawinenverbauungen in den Hang gestellt? «Diese Option ist nicht ausgeschlossen», wie Kern meint. Doch bevor Massnahmen ergriffen werden, wartet man nun noch den Untersuchungsbericht der Kantonspolizei Uri ab. Die Piste «Hinter Felli» ist bis auf Weiteres nicht befahrbar.

Mehr zum Thema