Lasst den Mädchen ihre Leidenschaft!

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Thomas Bornhauser,
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Stellen Sie sich vor, liebe Leserinnen und Leser: Ihr drei-, vierjähriger Sohn entwickelt ein auffälliges Interesse für Barbie-Puppen. Was denken Sie sich da? Und vor allem: Was tun oder unterlassen Sie ganz gezielt als verantwortliche Eltern?

Sie mögen sich fragen, weshalb ich Ihnen diese ziemlich irrelevant wirkende Frage stelle. Nun, mir geht es hier um nichts weniger als um eines der fundamentalen Menschenrechte. Und um die öffentliche Bedeutung, gerade auch für die Schweiz, eines unmittelbar bevorstehenden internationalen Sportevents. Im Klartext: Ich denke an die gesellschaftliche Chance der am Sonntag in den Niederlanden startenden Fussball-Europameisterschaft der Frauen. Da geht das deutsche Team als Titelverteidiger an den Start. Derweil die Schweizerinnen es zum ersten Mal überhaupt an dieses Turnier geschafft haben.

Nur: Was um Himmels Willen soll derlei Unterhaltungsspektakel mit «fundamentalen Menschenrechten» zu tun haben? Die Trainerin des Schweizer Teams, die 49-jährige Deutsche Martina Voss-Tecklenburg, hätte zu diesem Thema so einiges zu sagen. «Ist es denn heute für ein Mädchen normal, zu sagen, es möchte Fussball spielen?», wollte vor dem Start zur letzten WM die «NZZ am Sonntag» von ihr wissen. Voss-Tecklenburg antwortete: «Das hoffe ich. Aber ich glaube, dass es für Mädchen mit einem gewissen familiären oder religiösen Hintergrund immer noch nicht normal ist.»

Die Antwort hat es in sich. Denn auch in den Augen dieser Expertin müssen Mädchen noch immer mit Hindernissen rechnen, wenn ihre Leidenschaft dem Fussball gehört. Weshalb? Weil sie Mädchen sind! Und ich wage die These, dass diese Hindernisse bei uns besonders hoch und zahlreich sind. Wir sind stolz auf unsere institutionell gesicherten Freiheiten. Gleichzeitig aber schauen wir in unserem Denken und Handeln ängstlich nach links und rechts und schränken so unsere reale Freiheit laufend ein.

Auch dann, wenn es um das vermeintlich unbedeutende Thema Frauenfussball geht. Man muss sich keineswegs als Feminist gebärden, um auch hier für wirklich freie Entwicklung der Menschen zu plädieren. Auch nonverbale geschlechterspezifische Barrieren verstossen gegen rudimentäres Menschenrecht. Im konkreten Fall heisst das: Zwar gibt es längst keine primitiven Fussball-Verbote mehr, wie sie etwa nach dem 1. Weltkrieg in Grossbritannien oder nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland gegen kickende Frauen ausgesprochen worden waren. «Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand», so hatte etwa in Deutschland 1955 der zuständige Fussballverband sein Verbot gegen Frauenfussball begründet.

Heute haben derlei Formulierungen Unterhaltungspotenzial. Die Frage ist nur, ob mitsamt den antiken Regulierungen auch das antiquierte Denken überwunden ist. Ist es – ehrlich! – okay, wenn ein Dreikäsehoch mit Glamour-Puppen spielt wie anno dazumal mein älterer Sohn? Geht es nicht doch auf Kosten der Weiblichkeit, wenn Ihre Tochter leidenschaftlich dem Ball hinterherrennt? Ich habe meinen Sohn damals mit Barbie-Puppen geradezu eingedeckt, mitsamt Ersatzkleidchen fürs An- und Ausziehen. Er sollte sein Ding ausleben können, je früher, desto besser. Heute steht dieser «Bub» auf seinen eigenen, erwachsenen und ziemlich männlichen Beinen, mitsamt seiner Familie und mitsamt seiner 4-jährigen Tochter, die auffällig lustvoll Bällen hinterherrennt ...

Wenn ich diese (weit weg in Asien lebende) Enkelin hier zu hüten hätte, dann würde ich mit ihr ab Sonntag ab und an vor die Kiste sitzen. Zumindest für die Partien «unserer» Girls in ihren Gruppenspielen gegen Österreich, Island und Frankreich. Und danach ginge es im Freien darum, das Gesehene dem Praxistest zu unterziehen. Mit allem Drum und Dran, mit Ball und Shirt und Stollenschuhen und dergleichen mehr.

Weil die Freiheit der Menschen, erst recht der kleinen, viel wichtiger ist als alles, was die lieben Nachbarn oder Kollegen allenfalls denken.

Thomas Bornhauser,

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