KOSTENENTWICKLUNG: Verfrühte Frühlingsgefühle in der Gesundheitsbranche

Das vergangene Jahr brachte einen überraschenden Rückgang bei den stationären Spitalbehandlungen – eine Trendwende ist aber noch lange nicht in Sicht.

Balz Bruder
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Ist im rund 80 Milliarden Franken teuren Schweizer Gesundheitswesen eine Trendwende eingetreten? Es gibt in der Tat Indizien, die darauf hindeuten. Die Entwicklung der Kosten im stationären Bereich zum Beispiel ist im vergangenen Jahr erstmals leicht rückläufig. Immerhin minus 2,8 Prozent beträgt der Rückgang bei den Behandlungen, die die Spitäler 2017 durchgeführt haben. Oder, anders aus­ge­drückt: Noch 797 Franken betrugen die Kosten pro versicherte Person und Jahr – ein Rückgang um 23 Franken. Wobei die Unterschiede von Kanton zu Kanton erheblich sind. 1152 in Basel-Stadt stehen 642 Franken in Zug gegenüber.

Doch das ist nicht alles: Auch bei der ambulanten Kostenentwicklung ist ein Rückgang festzustellen. Allerdings nicht in der Gesamtsumme, sondern bloss im Wachstum der Kosten: Es lag noch bei 4,6 Prozent, nachdem es in den Vorjahren regelmässig deutlich höher lag. Dies, obwohl einige Kantone die Verlagerung vom stationären in den ambulanten Bereich aus Kosten- ebenso wie aus Qualitätsgründen forcieren.

Spitalverband ist skeptisch

Der Kanton Luzern beispielsweise – Vorreiter bei der Liste jener Eingriffe, die in der Regel ambulant vorgenommen werden – hat seit der Einführung dieses Operationskatalogs Mitte 2017 nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Franken eingespart. Wobei Sparen ein grosses Wort ist. Tatsache ist, dass die Kosten im ambulanten Bereich vollumfänglich von den Krankenversicherungen übernommen werden, derweil es im stationären Bereich einen Kostenteiler gibt, der höchstens 45 Prozent bei den Kassen und mindestens 55 Prozent bei den Kantonen verortet.

Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+, hält denn auch wenig von verfrühten Freudensprüngen über eine Trendwende bei den Gesundheitskosten. Erstens sind die Kantone erst seit dem vergangenen Jahr verpflichtet, mindestens 55 Prozent der stationären Kosten zu übernehmen. Zweitens könnten tiefere Fallzahlen sowie die Verlagerung ins Ambulante eine Rolle spielen. Drittens könnten auch tiefere Fallpreise ins Gewicht fallen. Sicher ist für Wegmüller nur eines: «Die 17er-Zahlen widersprechen der immer wieder geäusserten Behauptung, die Spitäler und Kliniken kompensierten den Kostendruck durch immer mehr Leistungen.» Skeptisch über die Aussagekraft einer behaupteten Trendwende ist auch der Krankenversicherungsverband Santésuisse, wie Sandra Kobelt, Leiterin Politik und Kommunikation, sagt.

Santésuisse fordert einheitliche Finanzierung

Zum einen lägen bei den Versicherern bis dato keine Daten über den Verlagerungseffekt ins Ambulante vor. Das heisst: Was der Steuerzahler spare, sei zwar bei der Kostenersparnis des Kantons sichtbar, nicht aber, was am Prämienzahler hängen bleibe. Vor allem ambulante kardiologische Untersuchungen und Behandlungen seien bei Abrechnung mit dem Einzelleistungstarif Tarmed teuer, betont Kobelt. Zum anderen gebe es bei den Fallzahlen auch im stationären Bereich keine Hinweise auf einen Rückgang.

Für Santésuisse ist klar: Ob stationär oder ambulant muss eine Frage der medizinischen Indikation sein – und nicht von Kostenart und -teiler. Die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen tue deshalb not, sagt Kobelt. Nur so könnten Fehlanreize eliminiert und Prämien- beziehungsweise Steuerzahler nicht einseitig be- oder entlastet werden. Zudem: Wenn schon eine Verlagerung von stationären zu ambulanten Behandlungen stattfinde, müssten logischerweise auch die Spitalinfrastrukturen überprüft werden. Bei allem Jubel in Luzern beispielsweise lasse der Kanton diese Frage noch unbeantwortet.

Balz Bruder