KOPF DES TAGES: Die Nationalrätin, die zu viel sagte

Die Aargauer FDP-Parlamentarierin Corina Eichenberger, ihre Rolle im Fall Daniel M. und der Preis, den sie für Transparenz am falschen Ort zahlt.

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FDP-Politikerin Corina Eicheberger tritt Mitte Jahr zurück. (Bild: Keystone)

FDP-Politikerin Corina Eicheberger tritt Mitte Jahr zurück. (Bild: Keystone)

Dass sie dereinst über eine Spionageaffäre stolpern würde und das Vizepräsidium der Geschäftsprüfungsdelegation (GPDel) niederlegen müsste, war im Karriereplan von Corina Eichenberger, 63-jährige Aargauer FDP-Nationalrätin, mit Bestimmtheit nicht vorgesehen. Und wahrscheinlich hat sie nicht einmal bös geträumt davon. Denn die seit zehn Jahren dem Parlament angehörende Rechtsanwältin und Mediatorin ist eine, die gut kalkuliert, wenn es darum geht, eine Sprosse auf einer nach oben offenen Leiter zu nehmen. Das war schon früher so, als sie für die Freisinnigen das Fraktionspräsidium im Kantonsparlament führte und später Grossratspräsidentin wurde.

Und nun dies. Mitte Jahr tritt sie als GPDel-Vize zurück und gesteht im Nachhinein auch Fehler ein. Die Medien bezeichnen sie als «erstes Opfer» der Affäre um Spion Daniel M., nachdem sie sich dem Boulevard gegenüber Anfang Mai erstaunlich offen darüber geäussert hatte, die Geschäftsprüfungsdelegation habe sich schon vor fünf Jahren mit dem Fall beschäftigt. Konkret: Deutschland habe zu diesem Zeitpunkt unrechtmässige Wirtschaftsspionage betrieben, weshalb der Nachrichtendienst des Bundes im Rahmen der Spionageabwehr habe herausfinden wollen, wer den Auftrag erteilt hatte. Und Daniel M. dafür einsetzte. Die im Dunstkreis der geheimen Informationsbeschaffung etwas gar transparenten Aussagen machten eindrücklich Karriere.

Die Ereignisse überschlugen sich in der Folge. Gleichentags traf sich die GPDel zu einer ausserordentlichen Sitzung, an der Eichenberger in den Ausstand trat. Ein Faktum, das allerdings erst fast vier Wochen später ans Tageslicht kam – Anfang dieser Woche eben. «Eine bemerkenswerte Verzögerung», wie die NZZ vermerkte. Dann ging die Post dafür richtig ab: Regelrecht zum Rücktritt gedrängt worden sei sie, heisst es in Bundesbern, ehe sie selber zur Einsicht gelangt sei, dass es besser ist, wenn sie die GPDel verlässt. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit, insbesondere. So jedenfalls sind die Worte von Delegationspräsident Alex Kuprecht (SVP/SZ) zu deuten.

Der Vorgang muss Corina Eichenberger, die politisch lange auf der Sonnenseite stand, schmerzen. Sie, die sich in den vergangenen Jahren geschickt und fundiert in der Sicherheitspolitik etabliert hat, wäre die logische Kuprecht-Nachfolgerin an der Spitze der GPDel gewesen. Eine Aufgabe, die Einfluss und Renommee der ambitionierten viel Beschäftigten weiter gemehrt hätte. So wie vor Jahren im Aargau, als sie gegen Ende ihrer politischen Karriere im Kanton Bankrätin der Staatsbank wurde.

Allerdings: Ein kleines Déjà-vu wird Eichenberger haben, wenn sie daran denkt, wie sie sich vor vier Jahren Knall auf Fall aus dem Kantonalbank-Gremium verabschieden musste. Damals nahm sie ein zusätzliches Mandat im Verwaltungsrat der Basler Privatbank Dreyfus an und wollte bei der Staatsbank zurücktreten – aber nicht subito. Das wiederum schmeckte der Aargauer SVP nicht, was schliesslich dazu führte, dass Eichenberger unter Druck per sofort demissionierte.

Es sind Situationen, die sie, früh verwitwete Mutter zweier erwachsener Kinder, nicht mag. Persönlich nicht, weil sie gleichzeitig zugänglich und vorsichtig ist – und sich die Fäden nicht gern aus der Hand nehmen lässt. Beruflich und politisch nicht, weil es bei der Vielzahl der Engagements, die sie als Funktionärin – von der Nagra über die Gesellschaft Schweiz-Israel bis zur Zofinger Tagblatt AG – innehat, nie nur um die einzelne Naht, sondern stets um das ganze Netz geht. Und dieses spannt sich zwischenzeitlich ziemlich weit.

Balz Bruder