Kontroverse um Trisomie-Test

Ein in den nächsten Tagen in der Schweiz erhältlicher Trisomie-Test für Ungeborene löst hitzige Diskussionen unter Medizinern und Ethikern aus. Nun wird sich auch die Politik mit dem kontroversen Thema beschäftigen müssen.

Simon Fischer
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Forderung nach Gleichbehandlung: Die Krankenkassen sollen trotz des neuen Tests weiterhin für Kinder mit Down-Syndrom bezahlen. (Bild: ky/Gaetan Bally)

Forderung nach Gleichbehandlung: Die Krankenkassen sollen trotz des neuen Tests weiterhin für Kinder mit Down-Syndrom bezahlen. (Bild: ky/Gaetan Bally)

KONSTANZ/BERN. Fluch oder Segen? Bei dieser Frage scheiden sich zurzeit die Geister von Medizinern, Ethikern und Politikern, wenn es um einen neuen pränatalen Test geht, der in den nächsten Tagen auch in der Schweiz zur Verfügung stehen wird. Das von der Konstanzer Firma Lifecodexx entwickelte Verfahren soll es erlauben, Ungeborene mittels Bluttest auf Trisomie 21, das sogenannte Down-Syndrom, zu testen – und zwar ohne jegliche Gefahr für Mutter und Kind. Bislang war es nur möglich, Ungeborene mittels Fruchtwasserpunktion zu testen. Dieser invasive Eingriff jedoch führt bei jeder hundertsten Schwangerschaft zu einer Fehlgeburt.

Wird künftig mehr abgetrieben?

Trotz mehr Sicherheit für das Kind ist der neue Test umstritten. Die Gleichung der Kritiker des neuen Verfahrens ist einfach: Weil es keine Risiken birgt, wird künftig mehr getestet werden als bisher – und damit würden auch mehr Ungeborene mit Down-Syndrom abgetrieben, heisst es.

Dieses Szenario hat Ende Juli zu Bürgerprotesten vor dem Hauptsitz von Lifecodexx geführt. Und auch sonst wird die Firma regelrecht mit Anfragen bestürmt, wie Konzernsprecherin Elke Decker erklärt – und zwar in einem Ausmass, das die Kommunikationsabteilung mittlerweile auf stumm schalten lässt. Der Einführungstermin für die Schweiz werde zu gegebener Zeit kommuniziert, sagt Decker. Laut gut informierten Quellen wird das noch diese Woche der Fall sein.

Nun ist der Bundesrat gefordert

Die Kontroverse um den neuen Test ruft nun auch Bundesparlamentarier auf den Plan – allen voran den Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr und den Waadtländer Ständerat Luc Recordon von den Grünen, die beide selber von Behinderungen betroffen sind. Lohr, der 1962 als «Contergan-Kind» ohne Arme und mit missgebildeten Beinen zur Welt kam, verfolgt die laufende Diskussion mit einem unguten Gefühl im Bauch. «Ich wehre mich nicht gegen Fortschritte in der Forschung», sagt er. Wovor er aber warne, seien mögliche missbräuchliche Entwicklungen. Lohr spricht vom «bedenklichen Szenario makelfreier Katalogkinder». Es gehe nicht darum, werdenden Eltern bei der Entscheidung dreinzureden, ob ein Ungeborenes mit Down-Syndrom abgetrieben werden soll oder nicht. «Aber solche Eltern müssen die Möglichkeit haben, sich gut und umfassend zu informieren, was dafür und was dagegen spricht», sagt Lohr. Leider sei dies heute nur unzureichend möglich, weil dem Thema seitens der Politik zu wenig Beachtung geschenkt werde. Die Behindertenpolitik des Bundes beschränke sich heute vor allem auf die Frage, wie bei der IV Geld gespart werden könne.

Lohr verlangt deshalb, dass der Bundesrat aktiv wird. In einer bereits im Juni eingereichten Interpellation fordert er von der Landesregierung Auskunft, wie sie verhindern will, dass Versicherungen dereinst gewisse Tests als Voraussetzung für einen Versicherungsabschluss fordern könnten. Falls sich der Bundesrat nicht klar äussere und eine kritische Haltung einnehme, werde er weitere Vorstösse einreichen. «Denn ein solches Ausschlussverfahren bei den Krankenkassen muss unbedingt verhindert werden», sagt Lohr. Es dürfe keinesfalls ein gesellschaftlicher Druck entstehen, der Eltern zwinge, ein Kind mit Down-Syndrom abzutreiben.

«Faktischer Abtreibungszwang»

Vor einem kostenbedingten Ausschlussverfahren der Kassen warnt auch Ständerat Recordon, der mit verkrümmten Schienbeinen zur Welt kam und deshalb auf zwei Prothesen gehen muss. «Sollte es jemals so weit kommen, dass die Krankenkassen keine Behandlungen für Down-Syndrom-Kinder mehr bezahlen, wäre das skandalös», sagt er und spricht von einem «faktischen Zwang zur Abtreibung».

Recordon plädiert zwar für die uneingeschränkte Freiheit künftiger Eltern, sich für oder gegen ein Kind mit Down-Syndrom zu entscheiden. «Wenn der Entscheid aber zugunsten des Kindes ausfällt, dann müssen solche Familien materiell und moralisch unterstützt werden», sagt Recordon – und appelliert an den Bundesrat, entsprechende Massnahmen zu treffen.

Christian Lohr (Bild: Nana do Carmo)

Christian Lohr (Bild: Nana do Carmo)