Konkurrenz statt Kooperation

Die Frage, wo ein neues Atomkraftwerk stehen soll, spaltet die führenden Schweizer Stromkonzerne Axpo und Atel. Deshalb schreiten sie getrennt – und geschwächt – in die nukleare Zukunft.

Hanspeter Guggenbühl
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Gösgen im Abendlicht. Der Stromkonzern Atel plant hier ein neues Kernkraftwerk. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Gösgen im Abendlicht. Der Stromkonzern Atel plant hier ein neues Kernkraftwerk. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Die Stromversorger Axpo und BKW planen, in Beznau und Mühleberg je ein neues Atomkraftwerk (AKW) zu bauen. Diese am 13. Dezember verbreitete Nachricht war nicht nur für die Öffentlichkeit neu. «Überrascht» vom Vorpreschen der Konkurrenz zeigte sich auch die Atel, die zusammen mit der Westschweizer EOS das zweitgrösste Stromkonsortium in der Schweiz anführt, und sie teilte mit, die Atel werde ihr eigenes AKW-Projekt in Gösgen weiterverfolgen (s. Ausgabe vom 14.12.07).

Drei Reaktoren unrealistisch

Doch in der kleinen Schweiz, in der jede neue Atomanlage auf erbitterten politischen Widerstand stösst, ist es kaum möglich, gleichzeitig drei neue grosse Atomreaktoren mit einer Gesamtleistung von 4800 Megawatt zu realisieren.

Deshalb erwarteten Beobachter, die potenziellen Betreiber würden sich in einer Schweizer Kernenergie-Gesellschaft partnerschaftlich zusammenschliessen und ihre AKW-Pläne koordiniert und abgestuft vorantreiben, wie sie das bei den bisherigen grossen Anlagen in Gösgen und Leibstadt taten.

Axpo und Atel uneinig

Offensichtlich konnten sich die Konkurrenten Axpo und Atel aber nicht einigen, weder auf den Standort noch darüber, wer die Führerschaft für das erste neue AKW erhalten soll. Damit bauen sie zusätzlichen Widerstand gegen ihre individuellen Projekte auf. Denn die Schwächen der verschiedenen Standorte und Projekte lassen sich gegeneinander ausspielen. Dabei sind folgende Einwände absehbar:

– Eine Flusskühlung der Reaktoren durch die Aare, wie sie heute in Mühleberg und Beznau betrieben wird, kommt für neue Grossprojekte an keinem der drei Standorte in Frage. Es braucht also Kühltürme, die den Nachteil haben, dass sie die bisher kühlturmfreie Landschaft in Mühleberg und Beznau beeinträchtigen, das lokale Klima verändern und die Produktionsleistung der Reaktoren vermindern.

Widerstand der Naturschützer

– In Mühleberg und Beznau ist der Platz knapp. Um neben den heutigen Anlagen je ein grosses neues Atomkraftwerk zu erstellen (samt Installationen für den Bauplatz), wären wohl umfangreiche Erdbewegungen und Rodungen notwendig, was ebenfalls auf Widerstand von Natur- und Landschaftsschützern stossen dürfte.

– Die Kapazität der bestehenden Stromleitungen dürfte vor allem in Mühleberg kaum ausreichen, um eine von bisher 360 auf 1600 Megawatt erhöhte Leistung aufzunehmen; neue Hochspannungsleitungen wären notwendig und gäben der Opposition Auftrieb. In Gösgen, wo das bestehende AKW mit 1000 Megawatt Leistung bis 2039 am Netz bleiben soll, müsste die Transportkapazität des Stromnetzes ebenfalls und weiträumig erhöht werden, um die zusätzliche Leistung von 1600 Megawatt ins Stromnetz einspeisen zu können.

Klumpenrisiko

Kommt dazu: In der kleinräumigen Schweiz schafft die Konzentration von total 2600 Megawatt Atomkraft an einem einzigen Standort ein Klumpenrisiko.

Axpo, BKW und Atel wollen ihre Bewilligungsgesuche innerhalb des gleichen Jahres einreichen, nämlich bis Ende 2008. Die parallelen Planungs- und Bewilligungsverfahren sowie der Bau und Betrieb von drei neuen Atomkraftwerken in der Schweiz dürften die fachliche und personelle Kapazität von Stromgesellschaften, Bewilligungsbehörden und AKW-Bauern überfordern.

Denn die Atomindustrie hat ihre Kapazität in den letzten Jahrzehnten weltweit stark reduziert und Personal abgebaut, weil die Nachfrage nach neuen Atomkraftwerken seit 1990 massiv geschrumpft ist.

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