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Komplikationen in den ersten Wochen der Schwangerschaft: Frauen werden doppelt bestraft

Für die Krankenkassen ist eine frühe Fehlgeburt eine Krankheit. Die Frauen müssen die Kosten selbst tragen. Die grüne Nationalrätin Irène Kälin stört sich daran.
Sabine Kuster, Anna Wanner
Kritiker monieren, dass Frauen mit einer frühen Fehlgeburt benachteiligt werden. (Bild: John Fedele/Getty)

Kritiker monieren, dass Frauen mit einer frühen Fehlgeburt benachteiligt werden. (Bild: John Fedele/Getty)

Die Frau war schon in der elften Schwangerschaftswoche, als sie ihr Kind verlor. Entsprechend schwer war die Fehlgeburt. Die Plazenta ist dann schon voll aufgebaut, das Ungeborene rund vier Zentimeter gross. Die Frau hatte grosse Schmerzen. Viermal wurde sie mit dem Ultraschall untersucht, fünf Arzttermine waren es insgesamt. Kostenpunkt: über tausend Franken. Die sie selbst bezahlen musste, da ihre Franchise hoch angesetzt ist. Mit der Rechnung erfuhr sie: Komplikationen in der Schwangerschaft werden erst ab der 13.  Woche bezahlt. Just ab dann, wenn Fehlgeburten selten werden. Komplikationen bis zur zwölften Woche gelten als Krankheit. Betroffene Frauen müssen also nicht nur den Verlust des Kindes verarbeiten, sie werden von den Krankenkassen auch noch finanziell benachteiligt.

Wie konnte das so kommen? Festgehalten ist die Regelung im geänderten Krankenversicherungsgesetz, das seit 2014 gilt. Damals passierte etwas Wichtiges für die Frauen: Es wurde neu festgehalten, dass Komplikationen in der Schwangerschaft – wie Schwangerschaftsdiabetes oder zusätzliche Untersuchungen bei Zwillingen – von den Versicherern vollständig übernommen werden, ohne dass sich die Frauen mit einem Selbstbehalt beteiligen müssen oder erst die Franchise ausgeschöpft sein muss. Vorher hatten die Versicherer nur die normalen Kontrolluntersuchungen in einer Schwangerschaft voll übernommen.

Benachteiligung war kein Versehen

«Dass Schwangerschaftskomplikationen seither voll bezahlt werden, ist sehr wichtig», sagt Daniel Surbek, Gynäkologe an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde Bern. Er vermutet, dass der Beginn erst ab der 13.  Schwangerschaftswoche Teil der Verhandlungen gewesen ist, um das neue Gesetz überhaupt durchzubringen. «Das benachteiligt aber Frauen mit einer Fehlgeburt», sagt Surbek. Andere meinen, mit der Regelung sollte verhindert werden, dass legale Abtreibungen im ersten Trimester voll von den Kassen übernommen werden müssen. Jedenfalls hat sich das Parlament bewusst für die Benachteiligung von Frauen mit Fehlgeburten entschieden, wie ein Blick in die Debatte zeigt. Im Ständerat wurde argumentiert, dass eine nachträgliche Befreiung von der Kostenbeteiligung auf Behandlungen während der ersten zwölf Schwangerschaftswochen zu unverhältnismässigem Verwaltungsaufwand führen würde. Daniel Surbek spricht von einer «leeren Begründung». Das Argument sei nicht stichhaltig. Es gehe einzig darum, dass die Krankenkassen weniger Kosten übernehmen müssen.

Der angeführte «unverhältnismässige Verwaltungsaufwand» erstaunt insofern, weil ein Schwangerschaftstest meist bereits nach zwei Wochen anzeigen kann, ob eine Frau schwanger ist. Es wäre also auch möglich gewesen, den Beginn der vollständigen Kostenbeteiligung zumindest auf die achte Schwangerschaftswoche zu legen. Die meisten Frauenärztinnen und Frauenärzte bieten ihre Schwangeren zu diesem Zeitpunkt zur ersten Kontrolle auf. Diese erste Untersuchung sowie damit verbundene Laboranalysen sind denn auch schon von der Kostenbeteiligung befreit. Eigentlich. Selbst bei dieser geregelten Routineuntersuchung vor der 13. Woche müssen die Gynäkologen die Krankenkassen immer wieder darauf aufmerksam machen, dass sie alle Kosten übernehmen müssen. Johanna Weber, Ärztin in Buchs, sagt: «Erst kürzlich musste ich mit dem Informationsschreiben des Bundesamtes für Gesundheit zu Leistungen bei Mutterschaft und Kostenbeteiligungen eine Kasse überzeugen, dass von mir angeordnete Laboranalysen auch vor der 13. Schwangerschaftswoche voll bezahlt werden müssen.»

Nationalrätin macht Druck auf Bundesrat

Die grüne Nationalrätin Irène Kälin (AG) hat kein Verständnis für die aktuelle Regelung. Sie macht mit einer Interpellation Druck auf den Bundesrat. Sie schreibt: «Schwanger ist man ab der ersten Woche, auch wenn Schwangerschaften in der Regel erst nach rund einem Monat erkannt werden.» Mit der heutigen Regelung würden Frauen, die in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen wegen Komplikationen Behandlungen benötigen, gegenüber Frauen, bei denen die Schwangerschaft problemlos verläuft, benachteiligt. Da fast jede fünfte Schwangerschaft in einem Frühabort ende, scheine die aktuelle Regelung insbesondere gegenüber von einer frühen Fehlgeburt betroffenen Frauen als ungenügend. Sie will vom Bundesrat unter anderem wissen, wie es zu rechtfertigen sei, dass Schwangere vor der 13. Schwangerschaftswoche bei medizinischen ­Behandlungen als «krank» und nicht als «schwanger» gelten.

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