Parlamentarier ringen um Macht in der Aussenpolitik

Elisabeth Schneider-Schneiter fürchtet um den Einfluss der von ihr präsidierten Aussenkommission. SVP- und FDP-Politiker wollen sich aber weiter einmischen.

Lorenz Honegger
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Elisabeth Schneider-Schneiter, Präsidentin der aussenpolitischen Kommission des Nationalrates. (Bild: Keystone)

Elisabeth Schneider-Schneiter, Präsidentin der aussenpolitischen Kommission des Nationalrates. (Bild: Keystone)

Wer mal eine Nationalratsdebatte mitverfolgt hat, kennt es: Die meisten Volksvertreter hören den Voten ihrer Kollegen am Rednerpult überhaupt nicht zu. Sie schauen in ihr Laptop oder sitzen gar nicht erst im Saal.

Das scheinbare Desinteresse kommt daher, dass die Gesetzesentwürfe längst vorberaten sind. Die wirklich spannenden Entscheide sind bereits in einer der neun ständigen Sachbereichskommissionen gefallen: Im National- und Ständerat gibt es zum Beispiel je eine Kommission für Aussenpolitik, eine für Rechtsfragen, aber auch eine für Sicherheitspolitik.

Widersprüchliche Stellungnahmen

Die vorberatenden Gremien schauen alle Geschäfte im Detail an, führen Anhörungen mit Experten durch und beantragen dem Plenum am Schluss, wie es entscheiden soll. In vielen Fällen folgen die beiden Parlamentskammern den Anträgen ihrer Kommissionen – das verschafft den Gremien erheblichen Einfluss. Um diesen Einfluss fürchtet die Präsidentin der aussenpolitischen Kommission des Nationalrates (APK), CVP-Politikerin Elisabeth Schneider-Schneiter. Sie moniert, andere Sachkommissionen würden sich immer öfters mit widersprüchlichen Stellungsbezügen in die Geschäfte ihrer Kommission einmischen.

Als Beispiel nennt die Baselbieterin den UNO-Migrationspakt, den die APK als federführende Kommission dem Bundesrat vergangenen November zur Unterzeichnung empfahl. Fast gleichzeitig äusserte sich auch die nicht direkt zuständige staatspolitische Kommission (SPK) zum Migrationspakt: Anders als die APK empfahl diese der Landesregierung, den Vertrag nicht zu unterzeichnen.

Zwei Kommissionen, zwei völlig gegensätzliche Meinungen. Das sei kein Einzelfall, sagt Schneider-Schneiter. Sie verstehe zwar, dass die Aussenpolitik immer öfters innenpolitische Konsequenzen habe. Doch wenn sich bei jedem aussenpolitischen Geschäft eine Vielzahl von Kommissionen zu Wort melde, könne man sich die Vorberatung sparen und gleich eine Debatte im Plenum durchführen. Im Gegensatz zu Mitgliedern anderer Kommissionen hätten Aussenpolitiker «einen übergeordneten Blick» und würden Geschäfte, die das Ausland betreffen, nicht nur durch die «innenpolitische Brille» betrachten. Die Finanzkommission etwa, die bei mehrjährigen Verpflichtungskrediten gemäss Parlamentsgesetz mitreden darf, schaue bei der Planung der Entwicklungshilfe vor allem auf das Geld. Die Auseinandersetzung mit Inhalten und der Effektivität von Schweizer Hilfsprojekten komme so kurz. Ein weiteres Beispiel für diese Problematik sei auch die Frage, ob und wann die Schweiz die Kohäsionsmilliarde an die Europäische Union zahlen soll: Neben der APK und der SPK befasste sich in den vergangenen Monaten auch die Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) mit dem Dossier. Schneider-Schneiter sagt: «Ich fürchte, mit dieser inkohärenten Vorgehensweise wird es schwierig für das Parlament, seinen Anspruch auf Mitsprache in der Aussen­politik in Zukunft noch stärker durchzusetzen.»

«Die linkste aller Kommissionen»

Im Bundeshaus gibt es aber auch ganz andere Meinungen. Der frühere APK-Präsident und St. Galler SVP-Nationalrat Roland Büchel sagt: «Wir von der SVP sind froh, wenn andere Kommissionen mitreden. Die APK ist aufgrund ihrer personellen Zusammensetzung die linkste von allen Sachkommissionen.» Fragen wie die Entwicklungshilfe oder der Migrationspakt müssten breit diskutiert werden. Auch der Präsident der staatspolitischen Kommission, der Solothurner FDP-Nationalrat Kurt Fluri, hält es für richtig, wenn sich die vorberatenden Gremien mittels Mitberichten in die Geschäfte der anderen einmischen, auch wenn sie nicht direkt dafür zuständig sind: Das sei im Gesetzgebungsprozess so vorgesehen. Beim Gespräch in der Wandelhalle zeigt er mit der Hand in Richtung Nationalratsaal und meint: «Je mehr Mitberichte es im Vorfeld gibt, desto breiter die Abstützung des Geschäfts und desto geringer die Gefahr, dass es hier drin zu Abstürzen kommt.» An die Adresse Schneider-Schneiters sagt Fluri, am Ende habe immer noch die Stellungnahme jener Kommission das grösste Gewicht, die formell für ein Geschäft zuständig sei.