Kommentar
Zwei Fliegen mit einer Klappe: Wie man die Zuwanderung reduziert und nebenher die AHV saniert

Bald fehlen der Schweiz Arbeitskräfte, weil die Babyboomer in Pension gehen. Das Problem mit einer höheren Zuwanderung zu lösen, ist keine gute Idee. Stattdessen sollten die Menschen ein wenig länger arbeiten.

Francesco Benini
Francesco Benini
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Es fehlt in der Schweiz an Pflegefachkräften. Inselspital in Bern.

Es fehlt in der Schweiz an Pflegefachkräften. Inselspital in Bern.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Das Problem kündigt sich langsam an. Aber es ist gross. Wenigstens bleibt Zeit, um ihm zu begegnen.

Der Schweiz werden bald Arbeitskräfte fehlen. Man kann entgegnen: Glücklich das Land, das von Arbeitslosigkeit weitgehend verschont bleibt. Es ist für eine Gesellschaft eine schwere Belastung, wenn sich vielen Menschen – zumal den Jungen – kaum Perspektiven bieten.

Die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge der sechziger Jahre, gehen in Pension. Und auf den Arbeitsmarkt stossen weniger Menschen nach. Berechnungen ergeben, dass in der Schweiz im Jahr 2029 die Zahl der Neurentner um 19'000 höher liegt als die Zahl der Berufseinsteiger.

Schweizer Wirtschaft könnte an Wertschöpfung einbüssen

Eine Wirtschaft, in der offene Stellen nicht besetzt werden, verliert an Wertschöpfung und an Attraktivität. Grössere Unternehmen überlegen sich den Wegzug in andere Länder, wo sie geeignetes Personal finden. In einem Land, das zu wenig Arbeitskräfte hat, sinkt das Wachstum.

Ein Rezept könnte lauten: Man füllt die Lücke mit Zuwanderern. Aber das ist tückisch. Denn erstens kämpfen die Nachbarländer bald mit dem gleichen Problem. In der Schweiz werden viele offene Stellen mit Deutschen besetzt. In Deutschland gehen in den kommenden zwei Jahrzehnten rund 20 Millionen Menschen in Rente, während nur 14 Millionen das erwerbsfähige Alter erreichen. Es wird also schwieriger für die Schweiz, Arbeitskräfte aus der EU anzuziehen. Bereits wird von verschiedenen Seiten die Forderung nach einer Erhöhung des Kontingents für Arbeitskräfte von ausserhalb der Europäischen Union erhoben.

Zweitens steigt in einer wachsenden Wirtschaft die Zahl der Stellen ohnehin. Die Schweiz ist darum auf Zuwanderung angewiesen. Ist die Coronakrise bewältigt, dürfte sich das positiv auf das Wachstum auswirken. Die Frage ist nun: Soll zur Zuwanderung, die auf eine wachsende Wirtschaft zurückgeht, die Zuwanderung hinzukommen, welche die Schweiz zur Bewältigung ihres demografischen Problems braucht?

Das wäre keine gute Idee. Es würden pro Jahr mehr als 100'000 Menschen ins Land kommen. Die Schweiz ist ein kleines Land. Ein Viertel der Fläche kann nicht genutzt werden, weil sie aus Bergen und Seen besteht. Und fast ein Drittel ist Waldfläche. Den Wald abzuholzen, das wird niemand ernsthaft vorschlagen.

Ein höheres Rentenalter ist schwer umzusetzen. Trotzdem ist es richtig

Eine hohe Zuwanderung setzt einen schnellen Ausbau der Infrastruktur voraus. In der Schweiz dauert es aber lange, bis Bauprojekte umgesetzt werden. Die Bewilligungsverfahren mit diversen Einsprachemöglichkeiten sind kompliziert.

Im vergangenen Jahr lag die Nettozuwanderung in die Schweiz bei 61'500 Personen. Das ist nicht wenig. Es ist fragwürdig, ob man dabei zuschauen soll, wie sie stark ansteigt. Das Land würde unter Stress gesetzt. Es wären nicht zum ersten Mal politische Abwehrreaktionen zu erwarten.

Es gibt ein einfaches Instrument, wie man das vermeiden kann: Die Erwerbstätigen arbeiten ein wenig länger. Viele Menschen sind leistungsfähig im Alter von 65, und viele von ihnen arbeiten gerne. Die Lebenserwartung in der Schweiz ist angestiegen auf derzeit 85 Jahre für Frauen und 81 Jahre für Männer. Gegen eine Erhöhung des Rentenalters spricht nichts.

Man schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Die AHV gewinnt ein solides Fundament zurück, die beruflichen Pensionskassen ebenso. Und der negative Effekt des Arbeitskräftemangels wird abgemildert. Folglich braucht das Land nicht eine riesige Zahl von Zuwanderern.

Wenn man nun sieht, zu welchem Gezeter die rotgrünen Parteien alleine wegen der geplanten Angleichung des Frauen-Rentenalters auf 65 Jahre anheben, wird klar: Die Erhöhung des Rentenalters ist in einer Volksabstimmung schwierig durchzubringen. Trotzdem ist sie richtig. Die Reform hilft dem Land gleich mehrfach. Andere Staaten haben die Massnahme schon umgesetzt; die Schweiz kommt nicht darum herum. Wer sich für ein höheres Rentenalter einsetzt, verdient Unterstützung.