KOMMENTAR: Reformkatholiken im Abseits

Pascal Hollenstein
Merken
Drucken
Teilen

Dieser Papst! Nicht wenige sogenannte Reformkatholiken in diesem Land gingen davon aus, Franziskus werde die Nachfolge des Churer Bischofs Vitus Huonder in ihrem Sinn regeln. Einen kirchenpolitisch flexibleren Hirten wünschten sie. Einen, der weniger Klartext spricht. Sie haben es erbeten, ja gefordert, in Bittschriften, Interviews und Appellen. Franziskus, der Papst der verständnisvollen Worte und sanften Gesten, hat sie alle enttäuscht. Bischof Huonder bleibt vorerst im Amt. Roma locuta, causa finita.

Gewiss, die Entscheidung des Heiligen Stuhls ist eine Überraschung. Nicht aber die Haltung, die dahintersteckt. Franziskus ist kein Reformpapst. Er hat die kirchliche Lehre zwar nett verpackt, aber nicht angetastet. Bischof Vitus tritt schnörkelloser und brüskierender auf. Doch inhaltlich gibt es zwischen den beiden Kirchenmännern kaum eine Differenz.

Die Reformkatholiken sind einem Grundlagen­irrtum unterlegen, als sie den Papst auf ihrer Seite wähnten. Und ihre offene Forderung einer personellen Wende in Chur war ein taktischer Fehler. Der Vatikan lässt sich von etwas Sturm und Drang einiger Gläubiger in einem weltkirchlich gesehen unbedeutenden Land nicht beeindrucken. Franziskus ist Fussballfan. Im italienischen Fussball, der in seiner Diözese gespielt wird, widerspiegelt sich auch die Taktik des Kirchenstaats: eiserne Disziplin, Geduld und ausgesprochene Abwehrstärke, ganz in der Tradition des Catenaccio. Wer, wie die Schweizer Reformkatholiken, gegen eine solche Mannschaft zu offensiv spielt, der kann nur verlieren.

Pascal Hollenstein

pascal.hollenstein

@tagblatt.ch