Kommentar
«Liebe Pfadis...»: Brief an alle, die demnächst ins Bundeslager im Goms reisen

Am 23. Juli beginnt im Goms das Bundeslager. Es wird das grösste aller Zeiten sein. Die Vorarbeiten sind gewaltig. 14 Jahre ist es her, als Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus der ganzen Schweiz gemeinsam für zwei Wochen ihre Zelte aufschlugen.

Patrick Toggweiler, Watson
Patrick Toggweiler, Watson
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«Ich beneide euch, liebe Pfadfinderinnen und Pfadfinder.

In wenigen Tagen werdet ihr mit 35000 Gleichgesinnten im Bula, kurz für Bundeslager, zwei Wochen lang die Region um Goms bespassen, täglich Abenteuer erleben, Spiele spielen, Würste grillieren – in die Pfadi-Bubble abtauchen. Das alles ohne elterliche Fürsorge, ohne Krieg und ohne Leitzinserhöhungen. Zwei Wochen lang dürft ihr den Duft der grossen Freiheit schnuppern.

Ihr werdet danach nicht mehr dieselben sein.

Ich hatte das Glück, 1994 als 16-Jähriger mit 23000 anderen Pfadis im Napfgebiet das bis dahin grösste Bula erleben zu dürfen. Meine konkreten Erinnerungen, das muss ich gestehen, sind leider nur noch bruchstückhaft. Da war ein Aufenthalt im Sanitätszelt. Eine Wespe hatte mir in die Zunge gestochen. Es handelte sich dabei um ein Tier und nicht um eine Pfadi mit dem Namen Wespe.

Anyway. Da waren eindrückliche Holzbauten. Und da war der bestialische Gestank rund um die Baumulden, die uns als Plumpsklos dienten. Natürlich erinnere ich mich auch daran, dass es jemand fertigbrachte, genau dort hineinzu- fallen.

Die konkreten Erinnerungen sind nur noch schemenhaft, nachhaltig (Gruss an Anna!) eingebrannt hat sich aber das Grundgefühl, das mich durchs gesamte Lager begleitete: das Gefühl der grossen Freiheit, das Bewusstsein, ohne Support von Erwachsenen für mich selbst und andere verantwortlich zu sein, mich selbst über die Runden zu bringen. Diese Erfahrung ist magisch.

Die meisten von euch werden jetzt im Teenager-Alter sein. Irgendwo zwischen Wachstumsschub und Hormonexplosion. Keine einfache Zeit – in keinen einfachen Zeiten. Die aktuelle Weltlage baut nicht gerade auf. Das Bula hingegen schon. Hier befindest du dich in einem gigantischen Nest von Gleichgesinnten, Menschen mit ähnlichen Sorgen und Sehnsüchten, Menschen, die dich nicht besser verstehen könnten. Und mit diesen darfst du nun eine zweiwöchige Party feiern.

Ja, ein Bundeslager ist eigentlich nicht viel mehr als eine einzige Party. Das mag auch der Grund für mein vernebeltes Gedächtnis sein. Fröhlich ging es zu und her. Sehr fröhlich. Der Geruch von Punk hing in der Luft. Die Pfadi sei eine Vorschule fürs Militär, schimpften damalige Kritiker. Unsere Abteilung war mehr Farmteam für die Antifa als für den Waffendienst.

Doch trotz Anarchie-Fantasien, zerfetzter Uniformen und der abstürzenden Brieftauben (manchmal auch Tyte Stones) überschritt die Fröhlichkeit die Grenzen zum riskanten Übermut nie. Da war immer diese kollektive Rest­vernunft, gelernt in dutzenden Pfadiübungen während dutzender Samstagnachmittage. Ich erinnere mich an keine einzige prekäre oder grenzwertige Situation. Gefährliches Gerät wurde stets mit dem nötigen Respekt behandelt.

Aus den Punks wurden Ingenieure. Seht euch nur die stolzen Holzbauten an, die wir Jugendlichen damals errichteten – und die ihr ebenfalls errichten werdet. Beeindruckend! Und das alles in Eigenregie. Ihr Jungen könnt was, wenn man euch denn lässt.

Ein Bula ist für halbwüchsige Gemüter die perfekte Mischung aus Partys feiern und Verantwortung tragen.

Eine Gratwanderung, die eben in den allermeisten Fällen gut geht – und als Folge das Selbstbewusstsein der Beteiligten kräftigt. Ein Pfadi-Rückgrat wird nicht nur vom Rucksack gestärkt. Diese Lebensschule, so spielerisch serviert, sollte eigentlich Menschenrecht sein. Sie macht die Welt besser. In Zeiten, in denen Dubai und die Likesucht auf Social Media trenden, sowieso.

Und nun geht und geniesst. Ein Bula gibt es nur alle 14 Jahre. Ihr habt die einmalige Chance, eins erleben zu dürfen. Es wird wunderbar. Selten habe ich mich später freier gefühlt als in diesen zwei Wochen im Jahr 1994. Vielleicht 1996, im Pfadi-Weltlager in Schweden. Das aber ist wieder eine andere Geschichte.»