Kommentar
Die Ostschweizer Coronastrategie ist fehlgeschlagen – warum das keine Schande ist

Lange haben die Ostschweizer Kantone im Kampf gegen die Pandemie vieles richtig gemacht. Die Lage war bis weit in den Herbst hinein stabil. Doch Ende November entglitt ihnen die Kontrolle.

Stefan Schmid
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Stefan Schmid

Stefan Schmid

Bild: Hanspeter Schiess

Wer wie die Ostschweizer Gesundheitsdirektoren während Wochen eine zurückhaltende Coronapolitik gemacht hat, steht momentan mit abgesägten Hosen da:

Die Strategie, der unberechenbaren Pandemie mit sanften Massnahmen Herr zu werden, ging nicht auf.

Jetzt sind leider härtere Einschnitte angezeigt. «Wir hätten früher handeln sollen», gestand der St.Galler Gesundheitschef Bruno Damann diese Woche ungewöhnlich selbstkritisch ein.

Im Nachhinein ist man schlauer. Allzu menschlich nur: Wer in der ersten Welle kaum betroffen war und später daran glaubte, die Sache mit milden Massnahmen in den Griff zu bekommen, weicht nicht von einem Tag auf den nächsten von diesem Ansatz ab. Hinzu kam die Abneigung gegen den autoritären Staat, der in der Deutschschweiz ausgeprägter ist als in der Romandie oder etwa in Deutschland und Frankreich. Eigentlich ein gesunder Reflex, für den man sich nicht schämen muss.

Es war angesichts unserer politischen Kultur, die stark auf die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger setzt, daher richtig, anfänglich auf zurückhaltende Staatseingriffe zu setzen.

Die Strategie war ja durchaus von Erfolgen begleitet. Die Fallzahlen sind im November, wenn auch von hohem Niveau ausgehend, stets leicht gesunken. Die Spitäler waren nicht überlastet, es bestand Hoffnung, dass wir es schaffen, ohne grosse Teile des öffentlichen Lebens stillzulegen.

Wir haben es nicht geschafft. Das ist nicht der Fehler jener, die für staatliche Zurückhaltung plädiert haben. Es ist ein Rückschlag für die gesamte Gesellschaft. Es haben sich schlicht zu viele Menschen mit dem Virus infiziert.

Schuldzuweisungen bringen da wenig. Die wohlfeilen Belehrungen jener, die es schon immer besser gewusst zu haben glauben, sind ebenso ärgerlich wie menschlich nachvollziehbar. Unerträglich ist bloss die moralische Ausschlachtung der Todesfälle aus parteipolitischen Motiven. Als wären Bruno Damann, Urs Martin, Yves Noël Balmer und Co. Unmenschen, die absichtlich Leute sterben liessen, um das Gewerbe zu schonen.

Die Bekämpfung der Pandemie ist keine exakte Wissenschaft. Es gab nebst gesundheitspolitischen Aspekten auch Faktoren wie politische Akzeptanz oder wirtschaftliche Sorgen im Auge zu behalten. Man kann es so oder anders machen. Jojo-Effekte gibt es hüben wie drüben. Länder wie Frankreich, die früh reagiert haben, sind plötzlich wieder mit steigenden Zahlen konfrontiert. Die einzige Wahrheit, die gibt es nicht.