Kleinbauern rechnen anders

Mit einer Petition wehrt sich die Kleinbauern-Vereinigung gegen die neue Berechnungsmethode für Direktzahlungen und andere Begünstigungen. Sie rennt damit offene Türen ein: Der Bundesrat will noch einmal über die Bücher gehen.

Marina Winder
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Jedes Kalb fliesst als Faktor in die Berechnung der Betriebsgrösse ein. Die Summe bestimmt schliesslich, wie viel finanzielle Unterstützung der Bauer erhält. (Bild: Luca Linder)

Jedes Kalb fliesst als Faktor in die Berechnung der Betriebsgrösse ein. Die Summe bestimmt schliesslich, wie viel finanzielle Unterstützung der Bauer erhält. (Bild: Luca Linder)

ST. GALLEN. Es war ein Kraftakt. Im Frühjahr konnte das Parlament nach jahrelanger Diskussion die Agrarpolitik für die nächsten vier Jahre unter Dach und Fach bringen. In beiden Kammern befürwortete schliesslich eine deutliche Mehrheit die Reform, deren Kernelement die Weiterentwicklung des Direktzahlungssystems ist. Das Parlament machte zur Unterstützung der Landwirtschaft 13,83 Milliarden Franken locker – 160 Millionen mehr, als der Bundesrat wollte.

Wandel nicht berücksichtigt

Die Kleinbauern-Vereinigung wehrt sich gegen die neue Ausrichtung der Agrarpolitik. Sie hat gestern eine Petition mit dem Titel «Für eine vielfältige Schweizer Landwirtschaft» eingereicht. Über 16 000 Unterschriften hat sie zusammengebracht.

Die Kleinbauern sehen sich mit der künftigen Agrarpolitik klar im Nachteil. Sie kritisieren vor allem die neue Bemessung der Standardarbeitskräfte (SAK) – also die neue Methode zur Berechnung der Betriebsgrösse, welche wiederum ausschlaggebend für Direktzahlungen und andere Begünstigungen ist. Die neue Rechenart stelle zu stark auf die Produktion ab und berücksichtige den Arbeitsaufwand für die Verarbeitung und Vermarktung zu wenig. «Die Landwirtschaft hat sich stark verändert, sie ist kundennaher geworden. Dem wird mit der neuen Agrarpolitik nicht Rechnung getragen», sagt Barbara Küttel, Geschäftsleiterin der Kleinbauern-Vereinigung. 20 000 Betriebe würden mit der neuen Berechnungsmethode weniger finanzielle Unterstützung erhalten, 4000 Kleinhöfe würden gar keine Subventionen mehr bekommen. Hingegen seien Obergrenzen gestrichen worden – das heisst, dass künftig auch sehr vermögende Bauern Unterstützung erhalten sollen. «Die Grossen bekommen mehr, die Kleinen weniger», sagt Küttel. Dass grosse Betriebe gefördert werden, ist zwar langjährige und erklärte Praxis, nach Meinung der Kleinbauern-Vereinigung aber nicht im Sinne der Bevölkerung. Küttel: «Ich glaube nicht, dass die Bevölkerung will, dass die Politik Strukturwandel betreibt.» Dem Argument, dass grössere Betriebe effizienter zu bewirtschaften seien, widerspricht sie: «Es kommt vor allem auf das Betriebskonzept an. Ein grösserer Hof ist nicht zwingend überlebensfähiger.»

Bundesrat war schneller

Mit ihrem Anliegen rennen die Kleinbauern offene Türen ein. Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat schon einen Monat nach Eröffnung der Anhörung die Anpassung der SAK-Bemessung aus der Vorlage rausgenommen. Der politisch sehr umstrittene Punkt hätte wohl das Referendum gegen die Agrarpolitik 2014–17 angeheizt. Der Nationalrat überwies zudem ein Postulat, das einen Bericht verlangt, der die heutige Berechnungsmethode beurteilt und Alternativen aufzeigt. «Insofern kann man sagen, dass die Petition der Kleinbauern ihre Wirkung bereits entfaltet hat», sagt Simon Lanz vom Bundesamt für Landwirtschaft.

Noch bis Ende dieser Woche befindet sich die Agrarpolitik 2014–17 in der Anhörung. Im November will der Bundesrat die Verordnung beschliessen, in Kraft treten soll sie am 1. Januar 2014. Sollte bis zum 13. Juli das Referendum zustande kommen, kommt die Vorlage aller Voraussicht nach im November erst noch vors Volk.