Ablehnung
Kirchen lassen Abtreibungsgegner abblitzen

Die Volksinitiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» bekommt von den Kirchen keine Unterstützung. Dies vor allem deshalb, weil es sich dabei um eine politische Frage handelt.

Karen Schärer
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Kirchengremien lehnen die «Abtreibungsfinanzierungs»-Initiative ab.

Kirchengremien lehnen die «Abtreibungsfinanzierungs»-Initiative ab.

Keystone

Bei der Abstimmung über die Fristenlösung (2002) war der Fall für die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) klar. Noch ist offiziell nicht zu erfahren, wie sich die SBK zur aktuell diskutierten Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» stellt: Die SBK hat bis zu ihrer nächsten Konferenz am 3. Dezember «Funkstille» beschlossen, wie Giuseppe Gracia, Öffentlichkeitsbeauftragter von Bischof Vitus Huonder im Bistum Chur, sagt. Dann wollen sich die Bischöfe gemeinsam äussern.

Doch hinter vorgehaltener Hand ist aus kirchennahen Kreisen zu erfahren, dass die Initiative in der SBK keine Unterstützung finden wird. Darauf schliessen lässt auch die Aussage von Walter Müller, dem Medienbeauftragten der SBK:

«Die Initianten bestreiten mit Nachdruck, für ein Abtreibungsverbot zu kämpfen. Die Initiative behandle einzig die Art der Abtreibungsfinanzierung, eine eher politische Frage also. Die Bischöfe werden die Initiative daran messen, wie weit sie dem Schutz des Lebens dient, denn die ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Abtreibung hat sich nicht geändert.»

Gefahr der Entsolidarisierung

Bereits gegen die Initiative ausgesprochen hat sich der Schweizerische Katholische Frauenbund: Der Frauenbund setze sich für den Schutz des Lebens ein, heisst es in einem Communiqué. Doch der Vorstand lehne die Initiative ab, «weil sie einer gefährlichen Entsolidarisierung im Gesundheitswesen Vorschub leisten würde».

Pointiert gegen die Initiative positioniert hat sich kürzlich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK), der Zusammenschluss der reformierten Kantonalkirchen. In einer Broschüre heisst es: «Familiäre, soziale und wirtschaftliche Missstände können das Leben der Frau so bedrohen, dass sie dem ‹sozialen Tod› ausgesetzt ist.

Hier trägt die gesamte Gesellschaft Verantwortung: Solange wir unsere Gesellschaft so gestalten, dass Frauen ihre Lebenssituation aufgrund einer Schwangerschaft als Notlage empfinden, sind wir an der Not der Frauen sowie an der Abtreibung mitbeteiligt.»

Die EVP ist gespalten

Auch in der Evangelischen Volkspartei, die Abtreibungen ablehnt, ist die Haltung nicht so eindeutig, wie man erwarten könnte: EVP-Nationalrätin Maja Ingold (ZH) stimmte in der vorberatenden Gesundheitskommission gegen die Unterstützung der Initiative. «Ein primärer Herzensgrund dabei ist für mich, dass die Initiative frauenfeindlich ist.

Das Gesetz würde nur Frauen betreffen, dabei sind Männer genauso an einer Schwangerschaft mitbeteiligt.» Weiter stört sich die protestantische Winterthurerin daran, dass die Frau sogar bei einer medizinischen Indikation den Schwangerschaftsabbruch selbst bezahlen muss. «Das ist nicht verantwortbar», sagt sie. Diese Überlegungen stehen für Ingold keineswegs im Widerspruch zu ihrem Glauben:

«Ich kann das auch als Christin sagen: Ich bin dafür, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche zurückgeht - aber nicht auf diese ungerechte Art. Für mich liegt die Lösung in einem Ausbau des Beratungsangebots.»

Abtreibung ist keine Krankheit

Ihre Berner Ratskollegin Marianne Streiff-Feller legt den Fokus anderswo: «Aus meiner Sicht ist Abtreibung keine Krankheit und gehört deshalb nicht in die Grundversicherung.

Zudem stört es viele Leute, dass sie mit ihren Prämien Abtreibungen mitfinanzieren», sagt sie. Für EVP-Präsident Heiner Studer sind die beiden Haltungen «inhaltlich nicht so weit voneinander entfernt, wie es den Anschein machen könnte».

In ihrem Schwerpunktprogramm hält die EVP fest, dass die Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen aus der Grundversicherung herausgenommen werden soll, allerdings nicht als einzelne Massnahme, sondern im Rahmen einer Überprüfung des gesamten Leistungskatalogs der Grundversicherung. «Es gibt parteiintern zwei Meinungen darüber, ob die Initiative der richtige Weg ist», sagt Studer.

Bereits am Wochenende sorgte für Aufsehen, dass sowohl das Pro- als auch ein Gegenkomitee von zwei CVP-Frauen präsidiert wird - nämlich von alt Nationalrätin Elvira Bader und Babette Sigg.

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