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KIRCHE: «Gläubige nicht vergraulen»

Versehen mit dem Jesus-Stempel, mache die Kirchenleitung immer wieder politische Vorgaben, sagt Martin Grichting. Der Generalvikar des Bistums Chur erklärt in einem neuen Buch, weshalb er das falsch findet.
Kari Kälin
«Die Kirche ist weder links noch rechts noch in der Mitte»: Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur. (Bild: Corinne Glanzmann/LZ (Chur, 18. Januar 2018))

«Die Kirche ist weder links noch rechts noch in der Mitte»: Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur. (Bild: Corinne Glanzmann/LZ (Chur, 18. Januar 2018))

Interview: Kari Kälin

Martin Grichting, die Bischöfe bekämpfen die No-Billag-Initiative. Ein Fehler?

Je mehr sich die Hierarchie zu tagespolitischen Fragen äussert, umso mehr entfremdet sie politisch anders denkende Gläubige der Kirche. Dabei geht es bei solchen politischen Themen nicht einmal um den Glauben an Gott, sondern um Fragen, die man als Christ so oder anders sehen kann. Ich zitiere dazu gerne Papst Johannes XXIII: «Die Bischöfe finden sich mehr der Versuchung ausgesetzt, sich über Gebühr einzumischen, und darum hat der Papst sie anzuleiten, dass sie davon Abstand nehmen, in irgendwelchen politischen Auseinandersetzungen Partei zu ergreifen oder sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden.»

Haben Sie Belege für die Entfremdung?

Wir erhalten im Bistum immer wieder Schreiben von Gläubigen, die sich im besseren Fall befremdet zeigen, weil sich Vertreter der Amtskirche mit politischer Schlagseite zu einem aktuellen Thema geäussert haben. Im schlechteren Fall treten sie aus der Kirche aus, oft, weil sie finden, die Kirchenvertreter stellten sie wegen «falschen» politischen Haltungen als moralisch schlechte Menschen hin.

Sie monieren, die Kirchenleitung bevormunde die Gläubigen im Namen Gottes mit politischen Vorgaben, zum Beispiel in der Migrationspolitik. Und sie mache das auf einseitige Weise. Zu links?

In der Schweiz sind die Positionsbezüge tendenziell links-grün, in anderen Ländern aber auch rechts. Beides ist falsch. Denn die Kirche ist weder links, noch rechts, noch in der Mitte. Sie ist zuerst eine Religionsgemeinschaft mit der Botschaft: Gott hat dich geschaffen, er liebt dich und schenkt dir seine ewige Gemeinschaft. Natürlich hat dann der christliche Glaube auch Auswirkungen auf die Gestaltung der Welt. Aber je konkreter die Fragestellungen, desto weniger klar können Lösungen aus dem Evangelium direkt abgeleitet werden. Deshalb sollen sich die Laien mit ihrem weltlichen Sachverstand politisch einbringen, als Bürger und mündige Christen.

Vertreter der Amtskirche sind auch Staatsbürger. Ihr Aufruf zu politischer Enthaltsamkeit ist keine Bevormundung?

Ja, sie sind auch Staatsbürger und sollen ihre politischen Rechte wahrnehmen. Aber sie verfügen auch über eine religiöse Vollmacht. Die sollen sie betreffend die Glaubenslehre, die Seelsorge und die Leitung der Kirche einsetzen, aber nicht zur Bevormundung der Gläubigen bei Themen, zu denen man als Christ getrost dieser oder jener Meinung sein kann. Sonst besteht die Gefahr, dass der Klerus seine kirchliche Autorität missbraucht, um einer bestimmten politischen Haltung zum Durchbruch zu verhelfen.

Befürchten Sie ganz einfach mehr Kirchenaustritte?

Ich möchte Gläubige nicht vergraulen mit Stellungnahmen zu Themen, die nicht in die Kernkompetenz der Kirche fallen. Der grosse politische Denker Alexis de Tocqueville hat es einmal so formuliert: «Eine Religion, die ihre Autorität über die Beantwortung von Glaubensfragen hinaus ausdehnt, läuft Gefahr, überhaupt keinen Glauben mehr zu finden bei den Leuten.» Ich fürchte, diese Analyse ist richtig. Und darum müssen wir aufpassen.

Soll die katholische Kirche auch schweigen bei Themen wie «Ehe für alle»?

Hier geht es um eine Frage, die direkt den Glauben betrifft, im Gegensatz zur SRG, der Atomkraft oder dem Verkaufszeitpunkt von Tiefkühlpizzas. Die Aufgabe der Hierarchie ist es, den christlichen Glauben über die Ehe zu vertreten, auch öffentlich, was ja heute nicht gerade angenehm ist. Aber auch hier sollen dann die Laien, aufgrund ihres christlich gebildeten Gewissens, in der politischen Arena versuchen, dem Gehör zu verschaffen, was dem christlichen Glauben entspricht.

Zu welchen Themen soll sich der Klerus politisch äussern?

Äusserungen der Hierarchie sind immer dann angebracht, wenn der christliche Glaube als solcher betroffen ist, die Gebote Gottes oder die Menschenwürde, wie zum Beispiel bei der Frage nach dem Schutz des Lebens.

Papst Franziskus hat die europäische Abschottungspolitik gegenüber Flüchtlingen oder die Klimawandelleugner gegeisselt. Würden Sie ihn dafür kritisieren?

Nein.

Nach der Lektüre Ihres Buches tönt das überraschend.

Nicht wirklich. In seinem formell wichtigsten Schreiben, der Enzyklika «Laudato si’» betont er, «dass die Kirche nicht beansprucht, die wissenschaftlichen Fragen zu lösen, noch die Politik zu ersetzen». Hingegen fordert er zu «einer ehrlichen und transparenten Debatte auf, damit Sonderbedürfnisse oder Ideologien nicht das Gemeinwohl schädigen». Der Papst kennt also sehr genau die Grenzen dessen, was die Kirche amtlich sagen soll und wo die Debatte dann anderen, den Laien, überlassen werden soll. Ich lese viele seiner Äusserungen genau in diesem Sinn.

Franziskus wird dennoch als Politpapst wahrgenommen.

Zum Politischen nimmt er auch Stellung, das stimmt. Aber grundsätzlich wird sein Wirken seit fünf Jahren sehr einseitig wiedergegeben. Er ist, wenn man seine Verkündigung anschaut, primär ein Lehrer des Glaubens.

Wäre das Zusammenleben in der Gesellschaft friedlicher, wenn sich Vertreter von Religionen nicht in die Politik einmischen würden?

Ich denke, dass das Zweite Vatikanische Konzil einen Weg ­gezeigt hat, wie Religionen mit Wahrheitsanspruch in einer pluralistischen Gesellschaft sinnvoll wirken können: Die Hierarchie verkündet die unverrückbaren Glaubenswahrheiten, die Laien versuchen in der Politik und der Zivilgesellschaft, im eigenen ­Namen als Christen ihrem Glauben Gehör zu verschaffen. Das scheint mir ein Weg zu sein, den auch andere Religionsgemeinschaften, auf ihre Verhältnisse angepasst, gehen könnten. Ich sehe darin einen Weg, wie wir in einer pluralistischen Gesellschaft mit einer Vielzahl von Religionen miteinander friedlich umgehen können, ohne dass Religion zum desintegrierenden Faktor wird. Um eine Debatte darüber anzuregen, habe ich meine Schrift zu Kirche und Politik verfasst.

Hinweis

Martin Grichting (50) ist Generalvikar des Bistums Chur. Sein neues Buch heisst «Im eigenen Na-men, in eigener Verantwortung. Eine katholische Antwort auf den Pluralismus». Verlag Fontis, 2018.

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