KINO: «Humor kann eine Waffe sein»

Mit «Die göttliche Ordnung» erinnert Petra Volpe an die Einführung des Frauenstimmrechts 1971. Wie das ernste Thema zur Komödie wurde.

Andreas Stock
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Interview: Andreas Stock

Petra Volpe*, es ist erstaunlich, dass es so lange gedauert hat bis zum ersten Spielfilm über das Frauenstimmrecht. Warum war das so?

Es hat damit zu tun, wie wir in der Geschichte mit Frauen umgehen und wie sie in der Geschichtsschreibung vorkommen. Es gibt keine Historie aus weiblicher Sicht. Das ist eine Kultur, die auch wir Frauen verinnerlicht haben. Man gibt ihr nicht den gleichen Stellenwert.

Wie haben Sie sich dem Thema für den Film angenähert?

Ich beginne immer mit Recherchen, damit, mich sehr gut zu informieren. Ich lese viel, spreche mit Leuten, die mit dem Thema besonders vertraut sind. Es gab viele Möglichkeiten, das Frauenstimmrecht aufzugreifen. Darum war ich anfangs sehr offen und suchte nach der richtigen Perspektive.

Wussten Sie von Anfang an, dass es eine Komödie werden soll?

Mir war klar, dass ich mit Humor erzählen will. Es ist eigentlich ein trauriges Kapitel, und man muss ernst nehmen, dass es derart lange dauerte, bis Frauen als mündige Bürgerinnen anerkannt wurden. Aber Humor ist auch eine Waffe. Damit lässt sich ein Publikum erreichen, das sonst womöglich nicht ins Kino ginge. Ich will ein breites Publikum erreichen, ohne dabei Kompromisse zu machen. Darin liegt für mich der Reiz des Filmemachens. Wie kann man unterhaltend erzählen und trotzdem inhaltliche Tiefe erreichen – das ist die Kunst.

Hätte es auch ein finsteres Drama werden können, wie letztes Jahr der britische Spielfilm «Suffragetten»?

Ich habe den Film gesehen und problematisch gefunden, weil er fast nur eine Tonlage kennt. Ich habe das aus meinem Film «Traumland» gelernt. Die Empathie für die Figuren wächst nicht, wenn man nur ihr Drama erzählt, es entsteht daraus nicht mehr Nähe, sondern mehr Distanz. Ich wollte eine Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit finden. Man erschafft mit einem Drehbuch eine Welt, und es ist mir sehr wichtig, dass innerhalb dieser Welt die Figuren und Situationen glaubwürdig sind.

Wie merken Sie, ob es stimmt: Erfahrung, Gefühl, Recherche?

Es fusst auf der Recherche, dann kommt das Gefühl dazu. Die Konflikte der Figuren sind universell. Es geht um ein Spannungsfeld, das die meisten Leute aus ihrem Leben kennen: Sicherheit versus Freiheit und Unsicherheit. Es geht um die Angst vor Veränderungen. Mein Grossvater lehnte grundsätzlich alles ab, was irgendwie neu war. Alles Neue bezeichnete er als «Güggelmist».

So differenziert wie die Frauen- zeichnen Sie auch die Männerfiguren. Die Komödie hätte eine Zuspitzung mit verbohrten Männern zugelassen. Was sprach dagegen?

Ich hätte es mir damit zu einfach gemacht. Ein Grundgedanke der Gleichberechtigung ist, dass Männer genauso gefangen sind in Rollenbildern. Mir war wichtig, dass das deutlich wird. Hans, der Mann von Nora, ist ein Kind seiner Zeit. Und sein Bruder zerbricht unter dem Druck der Erwartungen fast.

Sie zeigen sehr gut die Atmosphäre und gesellschaftliche Situation jener Zeit. Was war Ihnen wichtig?

Es war eine intensive Zusammenarbeit von Kostümen, Maske, Ausstattung und Kamera. Wir haben drei Jahre vor Drehbeginn begonnen. Wir sammelten Fotos und durchforsteten Archive. Wir wurden dabei von Heidi Eisenhut von der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden unterstützt, und auch das Gosteli-Archiv Bern war eine wichtige Quelle. Wir wollten diese Zeit aufleben lassen, denn die ganze materielle Welt erzählt sehr viel über die Kleinheit und Enge, in der diese Frauen leben.

Und sie äussert sich in der Sprache und Körperlichkeit der Figuren?

Ja, ich habe mir sehr viele Videos aus jener Zeit angesehen. Die Leute bewegten sich weniger und sprachen langsamer. Wir mussten eine Balance finden, damit wir diese Behäbigkeit einem heutigen Publikum zumuten können. Wir wollten den Duktus behalten, aber nicht zu langsam erzählen. Ich musste meine Schauspielerinnen und Schauspielern immer mal daran erinnern, sich weniger zu bewegen, sich klein zu machen. Das gilt übrigens auch für die Dialoge. Am Anfang der Drehbucharbeit war das viel zu modern und zu geschwätzig. Ich reduzierte sie dann ständig.

Wann fiel der Entscheid, dass Sie die Geschichte im Appenzellerland ansiedeln. Es hätte ja ebenso die Innerschweiz sein können?

Ich sah diese Geschichte von Anfang an im Appenzellerland, vor allem wegen der Landschaft. Ich suchte einen Ort, der als Metapher für die Schweiz steht. Ich wollte einen Film machen, der auch im Ausland gesehen werden soll. Und deren Vorstellungen von der Schweiz verbinden sich mit dieser Landschaft. Doch ich habe den Film bewusst nicht explizit im Appenzellerland verortet, sondern 1971 in der ländlichen Schweiz.

Warum?

Weil man es dem Rest der Schweiz zu einfach gemacht hätte. Man hätte sagen können, das sind die hinterwäldlerischen Appenzeller, die mit dem Frauenstimmrecht bis 1990 brauchten. Aber die ganze Schweiz brauchte bis 1971. Darum ist der Drehort Trogen nicht benannt.

Die Herausforderung bei einem Dialektfilm ist, dass alle Schauspielerinnen und Schauspieler eine andere Färbung mitbringen. Wie gingen sie damit um?

Wir wollten eine einheitliche Sprachfärbung haben. Darum hat Professor Rainer Stöckli, ein Experte für Ostschweizer Mundart, für uns die Dialoge ins St. Gallerdeutsche übertragen. Wir hatten eine Frau als Coach, die mit allen die Mundartdialoge gepaukt hat, damit es möglichst einheitlich klingt.

Zur Person * Petra Volpe wurde 1970 in Suhr geboren. Sie studierte Kunst in Zürich und besuchte die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Seit 2001 arbeitet Volpe als freischaffende Drehbuchautorin und Regisseurin. Ihr Film über die Einführung des Frauenstimmrechts kommt am 9. März in die Kinos.

Vorpremiere «Die göttliche Ordnung»: heute Donnerstag 20 Uhr, Cinetreff Herisau sowie 20.30 Uhr, Cinedome St. Gallen. Di, 7. 3. 20.15 Uhr, Rosental, Heiden.