KELLER-SUTTER: «Ich habe mit der Niederlage gerechnet»

BERN. Die St.Galler Regierungsrätin Karin Keller-Sutter startete als Aussenseiterin, avancierte zur Favoritin und verliess Bern als Verliererin. Nach der Niederlage spricht sie über den Wahlkampf, die Unterstützung der Ostschweizer Parlamentarier und das Wahlverhalten der Grünen.

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Lässt ihre politische Zukunft noch offen: Karin Keller-Sutter. (Bild: Keystone)

Lässt ihre politische Zukunft noch offen: Karin Keller-Sutter. (Bild: Keystone)

Frau Keller-Sutter, wenig hat gefehlt und Sie wären jetzt Bundesrätin. Welche Fehler werfen Sie sich vor?

Karin Keller-Sutter: Keine. Ich habe getan, was ich konnte. Aber ich will mir darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Es ist, wie es ist. Eine Kandidatur ist ein Risikounternehmen. Da kann vieles schiefgehen.

Nach den Hearings gab es Stimmen, die Ihre Auftritte zu perfekt fanden.

Keller-Sutter: Ja, das ist mir bekannt.

Ein Vorwurf war auch, ich rede zu gut italienisch für eine Bundesratskandidatin aus der Deutschschweiz.

Entscheidender war wohl, dass ihre Konkurrenten Mitglieder des Parlaments waren, Sie dagegen nicht.

Keller-Sutter: Das war sicher ein Nachteil. Wenn man zusammen in den Kommissionen sitzt und nach der Arbeit gemeinsam in die Beiz geht, kennt man sich persönlich. Das kann man mit Hearings nicht wettmachen. Zudem kann ein Kandidat, der im Parlament sitzt, für sich selber stimmen. Das war ein weiterer Nachteil.

Hinzu kommt, dass SVP und Grüne Sie gar nicht zu den Hearings eingeladen haben.

Keller-Sutter: Ja, das habe ich gemerkt. Bei jenen Parteien, die mich zu den Hearings eingeladen hatten, habe ich gewonnen. Bei den anderen nicht. Vor allem die Grünen waren für mich ein unzugänglicher Block. Einzig der Genfer Ständerat Robert Cramer hat sich für mich eingesetzt. Er war denn auch ziemlich verärgert über das Wahlverhalten seiner Partei.

Die Befürchtung, dass Sie vor allem bei der CVP Stimmen einbüssen würden, hat sich hingegen nicht bestätigt.

Keller-Sutter: Ja, dort konnte ich am Tag vor der Wahl noch deutlich Boden gutmachen. Leute wie Lucrezia Meier-Schatz, Ivo Bischofberger, Köbi Büchler und Thomas Müller haben sehr viel für mich getan.

Dagegen scheinen die Parlamentarier aus ihrem Heimatort Wil Ihnen die Stimme verweigert zu haben. Die Grüne Yvonne Gilli hat offen zugegeben, für den SVP-Kandidaten Jean-François Rime gestimmt zu haben.

Keller-Sutter: So ist es. Mir hat ja nur eine Stimme gefehlt. Wenn Yvonne Gilli im vierten Wahlgang für mich gestimmt hätte, dann hätte ich zusammen mit Rime und Schneider-Ammann den Schlussgang erreicht. Und dann wäre das Rennen wieder offen gewesen.

Das war aber nicht das Szenario, dass sich die FDP gewünscht hat. Die Partei wollte, dass die FDP-Kandidaten am Schluss gegeneinander antreten.

Keller-Sutter: Wir sind diese Szenarien am Vorabend mit Fulvio Pelli durchgegangen. Unsere Erwartung war, dass ich im Schlussgang antreten werde.

Haben Sie sich auf eine Niederlage vorbereitet?

Keller-Sutter: Ja, ich habe mit dieser Niederlage gerechnet. Man darf nicht naiv sein: Taktische Spielchen können sämtliche Strategien über den Haufen werfen. Deshalb freue ich mich, dass die FDP den zweiten Sitz halten konnte. Dafür habe ich schliesslich auch gekämpft.

Aber in erster Linie sind Sie angetreten, um gewählt zu werden.

Keller-Sutter: Natürlich. Aber ich will es positiv sehen. Ich bin als Aussenseiterin gestartet und bin sehr weit gekommen. Ich habe Erfahrungen gemacht, die ich ohne die Kandidatur nicht gemacht hätte.

Sie werden nun als aussichtsreiche Kandidatin für den St. Galler FDP-Ständeratssitz gehandelt.

Keller-Sutter: Das will ich heute wirklich noch offenlassen. Erika Forster ist noch im Amt, es gibt keinen Rücktritt.

Das haben Sie vor dem Rücktritt von Hans-Rudolf Merz auch gesagt.

Keller-Sutter: Ich bleibe dabei. Ich denke heute noch nicht über weitere Kandidaturen nach. Ich bin immer noch Regierungsrätin.

Johann Schneider-Ammann will spätestens in acht Jahren zurücktreten. Sie sind dann erst 54. Können Sie sich vorstellen, noch einmal für den Bundesrat zu kandidieren?

Keller-Sutter: Ich weiss nicht, ob ich das alles noch einmal durchmachen möchte.

Interview: Andri Rostetter, Bern