Keine Therapie für den Vierfachmörder Thomas N.

Auch das Bundesgericht will dem Vierfachmörder keine Psychotherapie erlauben. Thomas N. nimmt will sich nun weiterhin freiwillig behandeln lassend

Noemi Lea Landolt
Drucken
Teilen
Mit dem Bundesgerichtsurteil kehrt im Fall Rupperswil juristisch Ruhe ein. (Bild: Sibylle Heusser/Keystone)

Mit dem Bundesgerichtsurteil kehrt im Fall Rupperswil juristisch Ruhe ein. (Bild: Sibylle Heusser/Keystone)

Die lebenslängliche Freiheitsstrafe akzeptierte er. Gegen die Verwahrung wehrte er sich nicht mehr. Nur in einem Punkt hat Thomas N., der Vierfachmörder von Rupperswil, das Urteil des Aargauer Obergerichts angefochten. Vor Bundesgericht verlangte er eine Psychotherapie. Diese vollzugsbegleitende therapeutische Massnahme hatte die Vorinstanz im Dezember 2018 aufgehoben. Seine Pflichtverteidigerin Renate Senn sagte im Februar über ihren Klienten: «Er will an sich arbeiten und sich bemühen, seine Tat aufzuarbeiten.» Sie gehe davon aus, dass eine positiv verlaufende Therapie zu einer Gefahrenminderung beitrage.

Die beiden Gutachter diagnostizierten beim Vierfachmörder eine Persönlichkeitsstörung und Pädophilie. Beide kamen zum Schluss, dass es zwar Behandlungsmethoden gäbe, es bei Thomas N. aber viele Jahre dauern würde, bis eine Therapie erste Erfolge zeigen würde. Trotzdem erachteten sie eine ambulante therapeutische Massnahme neben der Verwahrung als «zweckmässig und sinnvoll». Die Bezirksrichter konnten sie davon überzeugen – die Oberrichter nicht.

Bedingungen nicht erfüllt

Das Bundesgericht musste erstmals über die Frage entscheiden, ob die Kombination einer vollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme mit einer Verwahrung möglich ist. In seinem nun publizierten Urteil argumentiert das Gericht, für die Anordnung einer therapeutischen Massnahme brauche es «eine hinreichende Wahrscheinlichkeit, dass sich durch eine solche Massnahme die Gefahr weiterer Straftaten über die Normdauer von fünf Jahren deutlich verringern lässt». Das Obergericht komme – gestützt auf die Ausführungen der beiden Gutachter – zum Schluss, dass es bei Thomas N. an dieser hinreichenden Wahrscheinlichkeit fehle. «Dies ist nicht zu beanstanden», finden die Bundesrichter. Daran ändere auch nichts, dass die beiden Gutachter eine ambulante Massnahme als «zweckmässig und sinnvoll» erachteten. «Die gutachterliche Empfehlung mag aus psychiatrischer Sicht nachvollziehbar sein, rechtlich ist sie im vorliegenden Fall unter den gegebenen Umständen nicht von Belang», heisst es im Urteil. Anspruch auf eine therapeutische Massnahme habe nur, wer die Eingangsbedingungen erfülle. Das sei bei Thomas N. nicht der Fall.

Der Vierfachmörder argumentierte, aus den Gutachten gehe hervor, dass er grundsätzlich therapiefähig und therapiewillig sei. Damit liege keine grundsätzliche Untherapierbarkeit vor. Wenn ihm die Möglichkeit zu einer Risikominimierung verwehrt bleibe, führe das faktisch zu einer lebenslänglichen Verwahrung. Ohne Therapie werde er nicht in der Lage sein, der Gefahr weiterer Straftaten zu begegnen. Eine ambulante Therapie aber könne allenfalls dazu führen, dass die Verwahrung nicht vollzogen werden müsse, sodass eine Perspektive für eine mögliche Entlassung bestünde.

Seine Argumente überzeugten die Bundesrichter nicht. Doch wie bereits das Aargauer Obergericht hält das Bundesgericht fest, dass Thomas N. im Gefängnis – auch ohne ambulante Therapie – die nötige Unterstützung erhalten könnte. «Auch für Verwahrte ist eine psychiatrische Betreuung sicherzustellen, wenn diese notwendig ist», schreibt es.

In der Zürcher Justizvollzugsanstalt Pöschwies, wo der Vierfachmörder seine Strafe absitzt, stehen ihm zwei Therapiemöglichkeiten offen. Er kann eine Sprechstunde der psychiatrischen Grundversorgung besuchen, um sich etwa Tabletten verschreiben zu lassen. Zudem gibt es eine freiwillige Therapie. Die Chancen für eine Freilassung erhöhen diese Sitzungen allerdings kaum, da die Therapeuten – anders als bei einer ambulanten Massnahme – keine Berichte an die Behörden schreiben.

Auf genau diese Berichte, in denen allfällige Fortschritte dokumentiert werden könnten, hoffte der Vierfachmörder – das Bundesgericht hat sie ihm verwehrt. Ihr Klient nehme das Urteil mit Bedauern zu Kenntnis, teilt seine Verteidigerin Renate Senn auf Anfrage mit. «Er wird weiterhin die freiwillig therapeutische Versorgung in Anspruch nehmen.»

Bis er nicht mehr gefährlich ist

Aktuell sitzt Thomas N. seine lebenslängliche Freiheitsstrafe ab. Lebenslänglich bedeutet nicht zwingend, dass er bis an sein Lebensende hinter Gittern sitzen muss. Nach 15 Jahren – in manchen Fällen auch schon nach zehn Jahren – wird eine bedingte Entlassung von Gesetzes wegen regelmässig geprüft. Um aus der lebenslänglichen Freiheitsstrafe zu kommen, müssen die gleichen Bedingungen erfüllt sein wie bei der Verwahrung: Ein Straftäter kommt nur frei, wenn er nicht mehr als Gefahr für die Gesellschaft eingestuft wird. Mit der Psychotherapie hätte Thomas N. die Möglichkeit gehabt, schon früh Argumente für seine Ungefährlichkeit zu sammeln.