Krankenkassen
Keine Garantie für Aufnahme bei Hausarzt

Mit Hausarztmodellen lassen sich Prämien sparen. Doch was, wenn ein Kunde ein solches Modell abschliesst und keinen Hausarzt findet, der noch Patienten aufnimmt?

Daniel Fuchs
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Ein Hausarzt untersucht eine Patientin (Archiv)

Ein Hausarzt untersucht eine Patientin (Archiv)

Keystone

Prämienrechner und Online-Vergleichsdienste machen es einfach: Wer weniger Krankenkassenprämien bezahlen will, der wechselt Ende Jahr einfach zum günstigsten Grundversicherer, schraubt die Franchise hoch und lässt sich in der Arztwahl einschränken. Immer mehr Menschen lassen sich in einem Hausarztmodell versichern. Waren im Jahr 2011 die teureren Basis-Versicherungsmodelle mit freier Arztwahl noch klar in der Mehrheit, so haben die günstigeren Hausarztmodelle das traditionelle seither klar abgelöst. Gemäss Krankenkassen-Dachverband Santésuisse waren es 2015 bereits mehr als die Hälfte der Versicherten, wogegen die Zahl der Versicherten mit freier Arztwahl danach deutlich unter die 40-Prozent-Marke sank.

Der Trend ist klar: Immer mehr Menschen verpflichten sich mit dem Abschluss eines Hausarztmodells, bei Krankheit nicht gleich direkt zu einem Spezialisten zu rennen, sondern als Erstes brav den Hausarzt zu konsultieren – und sparen damit bei den Prämien bis zu 20 Prozent ein. Das soll Kosten dämpfen. Jedoch führt die steigende Nachfrage nach Aufnahme in die Patientenkarteien von Hausärzten da und dort zu Versorgungsengpässen. So hört und liest man immer wieder von Menschen, die Mühe haben, einen passenden Hausarzt zu finden. Etwa nach einem Wohnortswechsel oder nachdem ein Hausarzt pensioniert worden und seine Praxis mangels Nachfolge geschlossen ist.

Zunehmendes Problem

Der Engpass wird verstärkt durch einen Hausärztemangel, der entsteht, weil viele Hausärzte mit Einzelpraxen das Pensionsalter erreichen. Die grosse Mehrheit der jüngeren Hausärzte aber wünscht, Teilzeit oder in Gruppenpraxen zu arbeiten, und will nicht mehr als One-Man-Show für ein Dorf rund um die Uhr verantwortlich sein.

Margrit Kessler von der Schweizerischen Stiftung Patientenschutz bestätigt das Problem. «Wir erhalten immer wieder Anrufe von Menschen, die keinen Hausarzt finden», sagt sie zur «Nordwestschweiz». Sie rechnet mit einer steigenden Zahl der Klagen.

Betroffenen empfiehlt Kessler, sich direkt an ihre Krankenkasse zu wenden: «Wenn eine Kasse schon das Hausarztmodell verkauft, dann soll sie auch weiterhelfen und ihre Versicherten bei einem Hausarzt unterbringen», fordert er.

Von der «Nordwestschweiz» angefragte Krankenkassen bestätigen, dass sich hin und wieder Versicherte an den Kundendienst wenden mit Problemen, einen Hausarzt zu finden. Jedoch «nur punktuell», so der Tenor der Sprecher der acht grössten Schweizer Krankenkassen.

Nur: Wie die Umfrage bei den acht grössten Krankenkassen in der Deutschschweiz zeigt, können diese nicht sicherstellen, dass ihre Kunden auch tatsächlich bei einem von der Kasse anerkannten Hausarzt unterkommen. Alle geben explizit an, Versicherten keine Garantie bieten zu können.

Für den Krankenkassenexperten Felix Schneuwly vom Online-Vergleichsdienst comparis.ch ist das vor allem dann ein Problem, «wenn eine Krankenkasse dem Versicherten das Modell verkauft, ohne dass dahinter ein entsprechendes Angebot steht». Wenn in zumutbarem Umkreis des Wohnorts des Versicherten gar kein von der Krankenkasse anerkannter Hausarzt mit freien Kapazitäten zur Verfügung stehe, dann sollte eine Kasse dem Kunden dieses Modell auch nicht verkaufen, findet Schneuwly.

Heute müssen sich Versicherte auf den Websites der Krankenkassen erkundigen. Auf manchen können sie die Suche nach Hausärzten regional einschränken und sich nur solche Hausärzte anzeigen lassen, die noch Patienten aufnehmen (vgl. Tabelle). Sowohl bei den Online-Vergleichsdiensten als auch auf der Website des zuständigen Bundesamts für Gesundheit besteht diese Möglichkeit nicht.

Fast alle angefragten Krankenkassen geben an, sich bei entsprechenden Fragen um Lösungen zu bemühen. Eine einzige, die Swica, gibt an, im Notfall anzubieten, unter dem Jahr zu einem anderen Alternativmodell, also zum Beispiel einer Gruppenpraxis oder einem Telmed-Modell zu wechseln, bei dem sich Patienten mit einem medizinischen Problem vorgängig telefonisch beraten lassen müssen. Üblicherweise kann nur zum Basismodell gewechselt werden, was bei gleich bleibender Franchise einen Prämienzuschlag zwischen zehn und zwanzig Prozent zur Folge hat. Krankenkassenwechsel oder Wechsel zu einem anderen Modell sind in der Regel nur zum Jahreswechsel hin möglich.

Appell an Eigenverantwortung

Die Patientenschützerin Margrit Kessler appelliert auch an die Eigenverantwortung der Menschen: «Letztlich müssen sich Versicherte beim Abschluss ihrer Krankenversicherung überlegen, welches Modell für sie überhaupt infrage kommt.»

Nicht ganz einfach, wie das folgende Dilemma zeigt: Nehmen wir einen jungen Menschen, seit Jahren hatte er keine gesundheitlichen Probleme. Es ist nachvollziehbar, dass er sich für ein Krankenkassenmodell entscheidet, bei dem die Prämien tief sind. Wahrscheinlich ist aber, dass derselbe junge Mensch längst gar keinen Hausarzt mehr hat. Sei es eben gerade darum, weil er keine gesundheitlichen Probleme hatte oder weil er von zuhause weggezogen ist. Je nach Region und Situation wird es unterschiedlich schwierig sein, einen Hausarzt in der Nähe zu finden, der ihm auch noch passt.

Und wenn er auch noch unerwartet ernsthaft erkrankt, so steht er doppelt im Schilf.

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