Keine Eizellen für ältere Mütter

Dank dem Einfrieren von Eizellen können auch Frauen im hohen Alter noch Kinder gebären. Ärzte und Politiker fordern nun eine Obergrenze: Über-45-Jährige sollen in der Schweiz nicht mehr künstlich befruchtet werden können.

Jürg Ackermann
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Elternliebe: Wann ist eine Mutter zu alt für ihr Kind? (Bild: fotolia)

Elternliebe: Wann ist eine Mutter zu alt für ihr Kind? (Bild: fotolia)

Dominique C. ist eine ungewöhnliche Mutter. Wenn sie mit der vierjährigen Katherine auf dem Spielplatz schaukelt, kommt niemand auf die Idee, dass sie ihre Mama sein könnte. Im Juli 2010 brachte die damals 64jährige Aargauerin ein gesundes Kind zur Welt. In Moskau hatte sie sich einen im Reagenzglas gezeugten Embryo einpflanzen lassen. «Katherine ist das Beste, was mir passiert ist. Ein Wunder der Wissenschaft und der Natur», freute sich die rüstige Rentnerin kürzlich im «Blick». «Wir haben so viel Zeit, uns unserer Tochter zu widmen.»

Den Kinderwunsch hat die ehemalige Sekretärin – ihr Mann ist 64jährig – erst sehr spät gespürt. Sie ist nicht die älteste Mutter der Schweiz. Vor zwei Jahren brachte eine 66jährige ehemalige Pfarrerin aus Graubünden Zwillinge zur Welt. In Spanien wurde gar eine 72-Jährige nach einer Eizellenspende schwanger. Zwei Jahre nach der Geburt der Zwillinge starb sie.

Das Herz macht nicht mehr mit

Was bisher Einzelfälle waren, könnte bald schon zu einem gesellschaftlichen Phänomen werden. Wenn kein Partner da ist oder die berufliche Karriere im Vordergrund steht, können Frauen dank der modernen Medizin den Kinderwunsch seit neuestem auf die lange Bank schieben. Wer seine Eizellen rechtzeitig einfriert, kann auch mit 55 oder 60 Jahren noch Mutter werden. Zumindest in der Theorie. Denn auch wenn die Eizellen im flüssigen Stickstoff sehr lange befruchtungsfähig bleiben, lässt sich der Alterungsprozess der werdenden Mutter nicht aufhalten. Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Diabetes beispielsweise nehmen mit dem Alter deutlich zu. Auf natürlichem Wege werden über-45-Jährige nur in absoluten Ausnahmefällen schwanger. Die jährlich über 300 Kinder von über-45-jährigen Müttern in der Schweiz wurden in den meisten Fällen in Kliniken im Ausland künstlich gezeugt.

Leichter Weg ins Ausland

Mit dem Social Freezing (Einfrieren von Eizellen) öffnen sich nicht nur neue Möglichkeiten, es stellen sich auch grundlegende Fragen zum Alter von werdenden Eltern. «Schwangerschaft und Geburt sind grosse Leistungen für den Organismus. Für ältere Frauen sind sie mit deutlich mehr Risiken und Komplikationen verbunden», sagt Thomas Eggimann, Chefarzt an der Thurgauer Frauenklinik Münsterlingen. Auch Christian De Geyter, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, sagt: «Es gibt bei über 45jährigen Frauen zu viele Komplikationen in der Schwangerschaft. Deshalb plädieren wir beim Social Freezing für eine Altersgrenze von 45 Jahren.»

De Geyter hat seine Argumente vergangene Woche bei einem Hearing im Bundeshaus dargelegt. Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats (WBK) ist derzeit daran, das Reproduktionsgesetz zu erweitern. Denn bisher ist nur geregelt, dass eine Frau ihre Eizellen in der Schweiz nicht länger als fünf Jahre einfrieren lassen kann. Diese Beschränkung lässt sich jedoch leicht umgehen. Frauen können ihre Eizellen in Ländern mit liberaleren Gesetzen wie Spanien oder Russland aufbewahren und dann in der Schweiz einpflanzen lassen.

Was ist mit dem Vater?

Die nationalrätliche WBK-Kommission ist derzeit auch daran, eine parlamentarische Initiative umzusetzen, welche verlangt, dass die Eizellenspende in der Schweiz zugelassen wird. «Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Über 40 Artikel von verschiedenen Gesetzen sind betroffen», sagt Matthias Aebischer (SP/BE), Präsident der WBK. «Wir wollen eine Vorlage ausarbeiten, die auch in einer Volksabstimmung Bestand hat. Deshalb werde ich in meinem Vorschlag eine Alterslimite präsentieren, die wohl näher bei 45 als bei 50 Jahren liegt.» Derzeit haben sich die Schweizer Reproduktionsmediziner auf eine freiwillige Obergrenze von 50 Jahren geeinigt. Ob sie in allen Fällen eingehalten wird, ist offen.

Die Bedenken in der Politik sind grundsätzlich gross. So erachtet auch CVP-Ständerätin Brigitte Häberli eine tiefere Alterslimite als notwendig. «Ursprünglich war die Einfrierung von Eizellen für junge, an Krebs erkrankte Patientinnen gedacht, was Sinn macht. Die jüngsten Diskussionen zeigen nun, dass zunehmend Druck auf Frauen ausgeübt wird, ihre Familienpläne zugunsten der Karriere mit Social Freezing zurückzustellen. Das ist bedenklich.» Ähnlich argumentiert Nationalrätin Verena Herzog (SVP/TG). 45 Jahre seien das Maximum. «Ein Kind hätte auch in diesem Fall mit 15 Jahren bereits eine 60jährige Mutter. Ist nur ein Elternteil (meist der Vater) schon in fortgeschrittenem Alter, kann eine solche Konstellation auch bereichernd wirken. Sind Vater und Mutter im Grosselternalter, ist eine hohe Belastung vorprogrammiert.»

Mehr Stabilität im Alter

Um ein mögliches Höchstalter der Frau für Fortpflanzungsverfahren auszuloten, hat kürzlich auch das Bundesamt für Gesundheit ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die Lausanner Reproduktionsmedizinerin Dorothea Wunder kommt darin zum Schluss, dass eine späte Mutterschaft auch Vorteile für die Entwicklung des Kindes haben kann. So zeigen Studien, dass sich Kinder von über 40jährigen Müttern sprachlich besser entwickeln und weniger häufig soziale und emotionale Schwierigkeiten haben. Der Grund: Kinder von älteren Eltern profitieren meist von einer stabileren Beziehung. Auch die finanzielle Situation ist verglichen mit jungen Eltern oft besser. Dennoch plädiert auch Wunder für ein festgeschriebenes Höchstalter «von 45 bis maximal 50 Jahren». Dies mache nicht nur aus medizinischen, sondern auch aus ethischen Gründen Sinn.

Chefarzt Thomas Eggimann – selber vierfacher Vater – stimmt dem zu. «Meine Frau und ich hatten das Glück, unsere Kinder zwischen dem 24. und 31. Lebensjahr zu bekommen. Ich kann heute als 47-Jähriger mit diesen jungen Erwachsenen diskutieren und auch sportlich noch einigermassen mithalten. Als 70jähriger Vater von pubertierenden Kindern wäre zumindest das zweite schwierig.»

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