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Kein Heilmittel gegen Prämienschock

Die Prämien der Krankenkassen steigen 2017 um durchschnittlich 4,5 Prozent. Am grössten ist der Anstieg für Familien. Das will das Parlament korrigieren. Doch ein Ende der Kostenexplosion ist nicht in Sicht.
Tobias Gafafer
Die Spitzentechnologie hat längst Einzug in die Operationssäle gefunden. Der Fortschritt ist jedoch ein Kostentreiber der Prämien. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Die Spitzentechnologie hat längst Einzug in die Operationssäle gefunden. Der Fortschritt ist jedoch ein Kostentreiber der Prämien. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Zu Beginn von Alain Bersets Amtszeit stiegen die Prämien der Grundversicherung nur leicht. Doch die Verschnaufpause von zwei Jahren war von kurzer Dauer. Gestern musste der Gesundheitsminister in Bern für 2017 einen Anstieg von durchschnittlich 4,5 Prozent für Erwachsene verkünden; das sind 19 Franken pro Kopf und Monat. Schon in den zwei Vorjahren hatten die Krankenkassen die Prämien im Schnitt um vier Prozent erhöht. Dabei handelt es sich um den nationalen Durchschnitt der Prämie mit einer Franchise von 300 Franken. Je nach Höhe der Franchise und Modell müssen die Versicherten mit höheren Aufschlägen rechnen. Insgesamt dürfte die Prämienrunde also deutlich über 4,5 Prozent liegen. Damit nicht genug: Überdurchschnittlich ist der Anstieg mit 6,6 Prozent bei den Kinderprämien.

Alain Berset appellierte an die Versicherten, ihren Spielraum zu nutzen und die Prämien zu optimieren – etwa mit einem Kassenwechsel. Denn die Spannbreite innerhalb der Kantone ist gross. Gross bleiben ebenso die regionalen Unterschiede: In ländlichen Kantonen wie Appenzell Innerrhoden oder Obwalden kommen die Versicherten trotz überdurchschnittlicher Prämienerhöhungen weiterhin am besten weg. Am höchsten sind die Durchschnittsprämien mit 567 respektive 554 Franken in Basel und Genf. Als Faustregel gilt, dass die Kosten höher sind, wenn es mehr Ärzte gibt, weil diese auch mehr Leistungen abrechnen. Gemäss dem Kassenverband Santésuisse ist die Zahl der Spezialärzte dabei ein wichtiger Treiber. In Genf kämen auf 10 000 Einwohner fast 30 Spezialärzte, während es in Uri nur knapp über 3 waren. Auch bei den Kosten der stationären Spitalaufenthalte seien die Unterschiede gross.

Kinder sind nicht kränker als früher

Ein Grund für den Prämienanstieg ist der verfeinerte Risikoausgleich, mit dem der Bundesrat und das Parlament die Jagd der Kassen auf gute Risiken wie junge Männer bremsen wollte. Dies erklärt zu einem grossen Teil den überdurchschnittlichen Anstieg für Kinder und junge Erwachsene. Verena Nold, Direktorin von Santésuisse, sprach auf Anfrage von einem Eigengoal der Politik. Die Verfeinerung des Risikoausgleichs treffe Kinder und junge Erwachsene besonders, obwohl sie nicht kränker als früher seien. Nold fordert für diese Altersgruppen Ausnahmen. Auch Bundesrat Alain Berset sagte, es gelte ein Gleichgewicht zu finden, damit die Prämien für Familien bezahlbar bleiben.

Die gute Nachricht: Das Parlament arbeitet an einer Entlastung. Die Nationalrätinnen Ruth Humbel (CVP/AG) und Susanne Leutenegger Oberholzer (SP/BL) wollen mit parlamentarischen Initiativen, die schon seit längerem hängig sind, Kinder und junge Erwachsene in Ausbildung von den Prämien befreien. Wegen der hohen Kosten verwarf die Gesundheitskommission des Nationalrats (SGK) diese Pläne.

Stattdessen setzt sie beim Risikoausgleich an. Dieser Topf sorgt unter den Kassen mit mehr älteren, kranken Versicherten und jenen mit Jüngeren und Gesunden für einen Ausgleich. Die SGK will die Einzahlungen der 19- bis 25-Jährigen um 50 Prozent reduzieren. Damit könnten die Versicherer wieder höhere Rabatte gewähren – und weniger junge Erwachsene wären auf Prämienvergünstigungen angewiesen. Die freiwerdenden Mittel will die SGK für die Subventionierung der Kinderprämien einsetzen.

Medizinisch unnötiges Mengenwachstum

Die übrigen Versicherten müssen wohl weiterhin mit schlechten Nachrichten rechnen. Ein Ende des Prämienanstiegs ist auch in den nächsten Jahren nicht in Sicht. Alain Berset führte dies unter anderem auf den medizinischen Fortschritt und auf die Demographie – bald kommen die Babyboomer ins Pensionsalter – zurück. «Bis 2050 werden in der Schweiz doppelt so viele Alte wie heute leben.» Zudem litten auch die Krankenkassen unter den unsicheren Renditen an den Finanzmärkten und den Negativzinsen. Kritik übte Berset am Mengenwachstum, das nicht medizinisch erklärbar ist. Es geht um 250 Millionen Franken pro Jahr. Am stärksten stiegen die Kosten laut dem Bundesamt für Gesundheit in den letzten Jahren bei Ärzten mit eigener Praxis und im ambulanten Spitalbereich. Berset hat bereits Anfang Monat Massnahmen gegen die Kostenexplosion angekündigt. Zurückhaltend gab er sich gestern trotz des neuen Prämienschubs beim Tarmed. Der Ärztetarif, der zur Abrechnung von rund 4600 ambulanten Leistungen dient, ist revisionsbedürftig. Der Bundesrat hat den zerstrittenen Leistungserbringern für die Revision bis Ende Oktober eine neue Frist gesetzt. Einigen sie sich nicht, könnte Berset eingreifen. Dem Bund fehlten dafür aber Zahlen.

Politik und Leistungserbringer in der Kritik

Die Ärzte weisen Bersets Kritik zurück. Das Mengenwachstum mache mit 0,5 Prozent nur einen kleinen Teil das Kostenwachstums aus, sagte Jürg Schlup, Präsident des Ärzteverbandes FMH. Er fordert eine einheitliche Finanzierung des ambulanten und stationären Bereichs. Ein anderes Rezept hat die SP: Für den Prämienschub sei das Profitstreben verantwortlich, nur der Staat könne die Kosten kontrollieren. Bloss: Erst 2014 lehnte das Stimmvolk die letzte Initiative für eine Einheitskasse ab. Der Konsumentenschutz warf der Politik, der Verwaltung und den Leistungserbringern gestern vor, sie hätten versagt.

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