«Kein faires Verfahren» - Verteidiger des Reeders greift Bund und Staatsanwalt an

Staatsanwalt fordert 7,5 Jahre Haft für Reeder - aber Verteidiger spricht von unfairem Prozess und oberflächlicher Untersuchung.

Henry Habegger
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Sieht sich als Opfer: Der ehemalige Reeder Hans-Jürg Grunder. Hier in einer Zeichnung, die ihn am Prozess in Bern zeigt.

Sieht sich als Opfer: Der ehemalige Reeder Hans-Jürg Grunder. Hier in einer Zeichnung, die ihn am Prozess in Bern zeigt.

Karin Widmer / KEYSTONE

7,5 Jahre Haft wegen wegen Leistungsbetrug, Betrug, ungetreuer Geschäftsbesorgung, Urkundenfälschung und Falschbeurkundung, alles meist mehrfach begangen. Das beantragte Staatsanwalt Roman Sigrist am Donnerstag im Prozess gegen den ehemaligen Reeder Hans-Jürg Grunder vor Berner Wirtschaftsstrafgericht. Laut Anklage war der Reeder seit Beginn der Nullerjahre mit beträchtlicher krimineller Energie und sehr planmässig am Werk bei seinem mutmasslichen Betrug mit Schiffsbürgschaften des Bundes. «Es ist höchste Zeit, dass der Angeklagte zur Rechenschaft gezogen wird», so der Staatsanwalt. Er wies darauf hin, dass Grunder weder Einsicht noch Reue zeigte.

Der Reeder sieht sich auch mit Ersatzforderungen von rund 50 Millionen durch die Privatkläger, namentlich den Bund, konfrontiert. Das Geld soll unter anderem durch den Verkauf von Grunders Villa in Oberhofen am Thunersee sowie andere Besitztümer zumindest teilweise beschafft werden.

Grunder hatte 2003 und 2004 mehrere Liegenschaften auf seine Frau überschrieben, aber die Anklage hält diese für Scheinverträge. Denn die Schenkungen geschahen just in der Phase, als Grunder laut Anklage begann, mit einer Reihe von Schiffen zu betrügen.

Durch «Buebetrickli» habe der Reeder praktisch ohne Eigenkapital eine vom Bund verbürgte Flotte aufgebaut und dabei Millionen ertrogen, wirft ihm die Anklage vor. Den für Bundesbürgschaften zuständigen Beamten hielt der Staatsanwalt vor, sie hätten es an kritischer Haltung fehlen lassen. Auch, weil sie im Gegenzug gelegentlich «die aufregende Luft der Hochsee schnuppern» durften. Das war eine Anspielung auf die vielen Reisen zu Schiffstaufen und ähnlichem, die etwa der ehemals für Bürgschaften zuständige Chefbeamte Michael Eichmann auf Kosten des Reeders absolvierte.

Monster-Plädoyer von Grunders Verteidiger

Eine völlig andere Position nahm Grunders amtlicher Verteidiger Raffael Ramel ein, der gestern Abend sein Plädoyer begann, das zwischen sechs und acht Stunden dauern soll. Der Anwalt kündigte an, dass er sämtliche Anklagepunkte widerlegen werde. Er stellte seinen Mandanten als unschuldigen Mann dar, der nicht nur vorverurteilt worden sei, sondern Opfer einer Art Verschwörung von Bund und Staatsanwaltschaft.

Ramel beantragte, zwei Gutachten der Beratungsfirma PWC nicht zuzulassen, weil sie fehlerhaft seien, unfair und vom Bund beziehungsweise dem beauftragten Liquidator bestellt. Die Gutachten, die laut Aussagen von Grunder 3 Millionen gekostet haben sollen, seien Grundlage der Anklage. Der Verteidiger warf der Staatsanwaltschaft vor, sie sei voreingenommen ans Werk gegangen und habe oberflächlich gearbeitet.

So habe es sich bei strittigen 25 Millionen des Hongkong-Darlehens um «aktivierte Eigenleistungen» gehandelt. Das sei gängige Praxis in der Branche. Dass die Millionen über Grunders Hongkong-Firma aktiviert wurden, habe reine steuerliche Gründe gehabt. Es sei um «Steueroptimierung» gegangen, so der Verteidiger.

Grunders amtlicher Verteidiger sagte auch, dass es gar keine überhöhten Schiffspreise gegeben habe. Denn in den Preisen sei nicht nur der Bau der Schiffe, sondern auch der Aufwand der Reederei enthalten. Es habe also gar keinen Betrug gegeben.

Reeder gibt sich kämpferisch

Auch Grunder sieht sich als Opfer, wie er am Rand des Prozesses im Gespräch klar machte. Schuld scheint er sich keiner bewusst, es gebe für alles eine Erklärung. Er weist den Vorwurf von sich, dass er sich bereichert und der Firma Geld entzogen habe. Im Gegenteil, er habe Geld eingeworfen, das werde im Plädoyer seines Verteidigers noch deutlich werden. Auf den Bund ist Grunder, der kämpferisch wirkt, gar nicht gut zu sprechen. So ärgert ihn nach wie vor, dass der Bund die Schiffe, vor allem die vier rentablen Tanker, 2017 ohne Not mit hohen Verlusten an aus seiner Sicht schillernde kanadisch-libanesische Unternehmer verkauft habe.

Sicher ist: Die 13 Schiffe umfassende und vom Bund mit Bürgschaften gesicherte Hochseeflotte von Grunder ging 2017 in Liquidation. Der Bund erlitt einen Schaden von 200 Millionen Franken.

Das Verfahren geht heute weiter – der Verteidiger führt sein Plädoyer fort. Für Grunder gilt die Unschuldsvermutung