Kantone setzen bei der Corona-Quarantäne auf Vertrauen statt Kontrolle – erst ein Kanton sprach eine Busse aus

Wer Covid-19 hat oder es haben könnte, muss zu Hause bleiben. Doch wirklich kontrolliert wird das kaum. Eine Busse sprach bisher erst ein Kanton aus.

Dominic Wirth
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Contact Tracing, hier im Kanton Zürich.

Contact Tracing, hier im Kanton Zürich.

Bild: Keystone

Die Welle war da. Doch jetzt ist sie gebrochen. Die Schweiz hat das Coronavirus gut in den Griff bekommen. Die Zahl der Neuinfektionen ist stabil, und das auf tiefem Niveau. Damit das so bleibt, setzt der Bundesrat seit ein paar Wochen auf eine Eindämmungsstrategie. Zentraler Pfeiler ist das Contact Tracing. Wer das Virus hat, muss sich isolieren.

Die Behörden ermitteln mit dem Erkrankten enge Kontakte, die möglicherweise ebenfalls infiziert wurden. Diese Personen müssen in Quarantäne, zehn Tage lang. Auf diese Weise wollen die Behörden verhindern, dass sie von neuem die Kontrolle über das Virus verlieren, weil es sich zu schnell ausbreitet – so, wie das im März der Fall war.

230 Personen in Isolation, 500 in Quarantäne

Derzeit, das zeigt eine Umfrage bei den Kantonen, befinden sich in der Schweiz rund 230 Personen in Isolation und knapp 500 in Quarantäne. Die Zahlen bilden die Realität nicht vollumfänglich ab, weil auf eine entsprechende Umfrage nur 23 von 26 Kantonen reagiert haben. Zudem beziehen sich die Angaben auf unterschiedliche Stichdaten von Anfang bis Mitte dieser Woche.

Dennoch liefert die Zahl eine wichtige Grössenordnung. Über 700 Personen müssen derzeit zu Hause bleiben, jeden Kontakt zu anderen verhindern. Davon, dass sie sich daran auch halten, hängt einiges ab. Denn mit jeder Person, die sich nicht an die Isolation oder die Quarantäne hält, steigt das Risiko von neuen Infektionen.

Das führt zur Frage, wie gut die Isolations- und Quarantäne-Disziplin in der Schweiz ist. Und vor allem: Wie sie kontrolliert wird. Zuständig dafür sind die Kantone. Das Bundesamt für Gesundheit lässt ihnen dabei weitgehend freie Hand. In den entsprechenden Empfehlungen heisst es lediglich, dass «ein regelmässiger Kontakt zwischen den betroffenen Personen und der zuständigen kantonalen Stelle» aufgebaut werden soll.

Kontrolle per Telefonanruf

In der Praxis geht jeder Kanton ein wenig anders mit dieser Aufgabe um. Es gibt Kantone, die alle Personen täglich kontaktieren. Andere tun das alle zwei Tage, manche gar nur jeden fünften Tag. Gewisse Kantone geben an, jeden Fall unterschiedlich handzuhaben, abhängig etwa von Familienverhältnisse, Gesundheitszustand, Verhalten und weitere Faktoren. Fast immer erfolgt die Kontaktaufnahme per Telefon. Basel-Stadt und Graubünden bieten daneben auch eine App an, mit der sich Betroffene täglich bei den Behörden melden können.

Polizeieinsatz in Basel, Busse in Luzern

Generell gilt: die Kantone treten zwar regelmässig telefonisch in Kontakt. Doch sie kontrollieren darüber hinaus nicht, ob Betroffene sich an die Quarantäne- oder Isolationsmassnahmen halten. Viele Kantone geben an, auf Eigenverantwortung und Vertrauen zu setzen. Wenn jemand nicht erreichbar ist, sehen manche vor, dass nach mehreren erfolglosen Versuchen die Polizei informiert wird. Die Frage, ob es in diesem Zusammenhang schon einmal zu einem Polizeieinsatz gekommen ist, beantwortet einzig Basel-Stadt mit Ja.

Die Behörden dürfen kontrollieren, ob sich jemand an Isolation und Quarantäne hält. Und sie dürfen laut Artikel 83 des Epidemiengesetzes auch Bussen aussprechen, wenn das nicht der Fall ist. Zum Beispiel, wenn sich jemand einer angeordneten Quarantäne entzieht. Wenn er dabei fahrlässig handelt, kann die Busse bis zu 5000 Franken betragen. Allerdings sind in der Schweiz bisher noch fast nie Bussen ausgesprochen worden. Nur der Kanton Luzern gibt an, einmal zu diesem Mittel gegriffen zu haben – wegen fahrlässiger Nichteinhaltung einer Quarantäne. Weiter will sich das Gesundheitsdepartement auf Nachfrage nicht zum Fall äussern, «aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes».

Rechtstreu – oder einfach nicht kontrolliert?

Christoph Zenger war bis Anfang des Jahres Direktor des Zentrums für Gesundheitsrecht und Management im Gesundheitswesen an der Universität Bern. Der Professor sagt, er sei erstaunt, dass die Kantone bisher erst eine Busse aussprechen mussten. «Vielleicht sind die Leute tatsächlich so rechtstreu», sagt Zenger, «vielleicht werden sie aber auch einfach nicht kontrolliert». Generell, sagt Zenger, habe er den Eindruck, dass die Kantone die Quarantäne «relativ weich und pragmatisch umsetzen». Das passiere auch, weil es wegen fehlender Ressourcen gar nicht anders gehe.

Viele Kantone bekräftigen, wie gross der Kooperationswille der Bürger sei. Und dass es schärfere Kontrollen deshalb gar nicht brauche. Rudolf Hauri, der Präsident der Vereinigung der Schweizer Kantonsärzte, betont, die Leute seien «sehr interessiert, ihren Beitrag zu leisten». Und der Zuger Kantonsarzt verweist auf die bisherigen Schweizer Erfolge bei der Bekämpfung des Coronavirus. «Die Zahlen zeigen, dass unser Ansatz bisher funktioniert hat, es gibt deshalb momentan auch keinen Grund, anders mit den Leuten umzugehen», sagt Hauri. Wobei es hier auch zu sagen gilt, dass die Schweiz die Corona-Kurve dank des teilweise Lockdowns in den Griff bekam – und nicht dank des Contact Tracing. Dieses wurde erst vor zehn Tagen in allen Kantonen wieder aufgenommen.

Der Schweizer Weg

Vertrauen in die Bevölkerung statt scharfe Kontrollen und Strafen: das Schweizer Vorgehen unterscheidet sich markant von jenem der Regierungen etwa in Asien. Samia Hurst ist Mitglied der wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce des Bundes. Die Genfer Bioethikerin hat für die Taskforce verschiedene Papiere zum Thema Contact Tracing erarbeitet. Sie sagt, letzten Endes sei der Staat bei Quarantänemassnahmen darauf angewiesen, dass die Betroffenen mitmachen, sich altruistisch - zum Wohl der Gesellschaft - verhalten. Man könne das mit verschiedenen Massnahmen erreichen. Zum Beispiel mit der Androhung von Strafen. Oder mit Vertrauen, Begegnung auf Augenhöhe und Dialog. «Die Schweiz hat bisher auf letzteres gesetzt», sagt Hurst, «und es sieht so aus, als ob das sehr gut funktioniere».

Doch was ist, wenn sich das ändert? Kantonsärzte-Präsident Rudolf Hauri sagt, es gehe jetzt ums Durchhalten. «Es ist wie bei einem Antibiotikum: man kann es nicht einfach absetzen, wenn man sich wieder gesund fühlt, sondern muss es gemäss Verordnung noch ein Weilchen nehmen», sagt er. Das gelte auch beim Kampf gegen das Coronavirus. Und falls die Fallzahlen ansteigen sollten, müsse man sich damit befassen, ob es bei Isolation und Quarantäne genauer hinzuschauen gelte. Denkbar wären etwa Besuche vor Ort, Wachposten, der vermehrte Einsatz technischer Mittel. «Doch das wird hoffentlich nicht nötig», sagt Hauri.

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