KANTÖNLIGEIST: Alle wollen alles – auf Kosten der Qualität

Es harzt mit der Konzentration hochspezialisierter medizinischer Leistungen in den Spitälern. In den Kantonen fehlt die Bereitschaft zum Verzicht. Nun hat auch noch der Präsident des Fachorgans den Bettel hingeworfen.

Balz Bruder
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Die Spitäler halten auch aus Prestigegründen an der hochspezialisierten Medizin fest. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Die Spitäler halten auch aus Prestigegründen an der hochspezialisierten Medizin fest. (Bild: GAETAN BALLY (KEYSTONE))

Der Vorgang wurde kaum zur Kenntnis genommen: Am 23. Januar teilte die Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) mit, anstelle von Daniel Scheidegger übernehme am 1. März der Berner Onkologe Martin Fey den Vorsitz des Fachorgans für hochspezialisierte Medizin. Vordergründig handelt es sich um einen unspektakulären Vorgang, zumal ein vor der Emeritierung stehender Professor einen bereits emeritierten ablöst. Offiziell ist von «persönlichen Gründen» die Rede, die zum vorzeitigen Abgang von Anästhesist Scheidegger geführt hätten. Er, zudem Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, sagt dazu: «Aufwand und Ertrag stimmen für mich nicht – es ist ein Treten an Ort. Wir haben in den vergangenen drei Jahren kein einziges Projekt abgeschlossen.»

Hinter den Kulissen gibt der Wechsel denn auch zu reden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es mit der Koordination und Konzentration der hochspezialisierten medizinischen Leistungen in den knapp 300 Spitälern kaum vorwärtsgeht. Zwar ist die Interkantonale Vereinbarung über die hochspezialisierte Medizin (IVHSM) seit Anfang 2009 in Kraft, doch was die Kantone seither zustande gebracht haben, ist bescheiden. Noch immer dominieren Ineffizienzen und Doppelspurigkeiten. Und zwar auf Kosten der Qualität der medizinischen Behandlung. Grund: Die Spitäler wollen sich aus der prestigeträchtigen HSM nicht verabschieden. Und die Kantone, denen die Häuser häufig gehören, fürchten den Bedeutungsverlust ihrer Spitäler – politische Wirren inklusive. Dabei ist die Sache klar: Es braucht genügend und genügend gut ausgebildete Ärzte- und Pflegeteams, die auf die notwendigen Fallzahlen kommen, um in den anspruchsvollen HSM-Disziplinen bestehen zu können. Zum Beispiel in der Viszeralchirurgie, der operativen Behandlung der Bauchorgane. Derzeit läuft das Bewerbungsverfahren für die neue Zuteilung. Zwar sei es noch zu früh, um die Zahl der Bewerbungen in den fünf Teilbereichen der Viszeralchirurgie bekannt zu geben, heisst es bei der GDK auf Anfrage. Informationen aus den Kantonen weisen aber darauf hin, dass es kaum weniger werden. Wie weit her es am Ende mit der angestrebten Konzentration sein wird, muss sich weisen.

Immerhin: Dank einem Leiturteil des Bundesverwaltungsgerichts von Mitte vergangenen Jahres kann die Planung auch in jenen Bereichen weitergeführt werden, in denen die Verfahren aufgrund von Beschwerden zuvor blockiert waren. Das Urteil besagt, dass ein Zuordnungsbeschluss der HSM nicht anfechtbar ist. Vor diesem Hintergrund konnten noch im alten Jahr die Bewerbungsverfahren für die Eingriffe an Hirn und Bauch eingeleitet werden. Die Leistungszuteilung ist für Ende 2017 beziehungsweise Anfang 2018 zu erwarten. Dies, notabene, nachdem das Gericht den Kantonen zuvor ein zweistufiges Verfahren für die Zuteilung von HSM-Leistungen aufs Auge gedrückt hatte.

Auch wenn sich die HSM-Fortschritte angesichts der Dringlichkeit des Problems nur im Millimeterbereich bewegen, ist Rolf Widmer, Präsident des HSM-Beschlussorgans und Glarner Gesundheitsdirektor, zuversichtlich. Er spricht von einem «hochspezialisierten lernenden System» – räumt aber ein: «Aller Anfang ist schwer.» Dass es unverändert harzt, ist für Widmer kein Zufall: «Konzentration hat unweigerlich zur Folge, dass gewisse Leistungserbringer eingeschränkt werden. Ein «gewisser Widerstand» sei nachvollziehbar, findet Widmer.

Zu wenig empirische Daten zur Beurteilung der Qualität

Gleichzeitig ortet er ein anderes Phänomen: Die Häuser, die kritische Fallzahlen aufweisen, buhlen nicht nur um HSM-Zuteilungen, sondern wollen gewisse medizinische Eingriffe dem Zugriff der HSM entziehen. Das eröffnet ihnen die Möglichkeit, sich auf der grünen Wiese kantonaler Spitalplanung auszubreiten. Die Zeche zahlen am Ende die Prämien- und Steuerzahler – und qualitativ mangelhaft versorgte Patientinnen und Patienten. Widmer bedauert denn auch, dass es noch «zu wenig empirische Daten zur Beurteilung der Qualität der Leistungserbringer» gibt: «Wir müssen unsere Anstrengungen in dieser Hinsicht intensivieren.»
Was zweifellos notwendig ist, denn: Der Bundesrat hat im Mai des vergangenen Jahres auf der Basis eines umfangreichen GDK-Berichts zwar eine «positive Bilanz» über die HSM-Planung gezogen, die Kantone aber «ersucht», den Prozess weiterzuführen, zumal es angesichts des «moderaten Konzentrationsprozesses» noch «Verbesserungspotenzial» gebe.
Der Wink mit dem Zaunpfahl ist deutlich: Wenn die Kantone übermässig säumig sind, kann der Bundesrat von seiner «subsidiären Kompetenz» Gebrauch machen und das Dossier an sich ziehen.