«Kämpfen um jeden Arbeitsplatz»

SVP-Nationalrat und Unternehmer Peter Spuhler fordert von der Nationalbank rasch eine weitere Intervention gegen die Frankenstärke. Und er warnt vor der Entindustrialisierung und der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer.

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Schlägt Alarm: Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler. (Bild: Coralie Wenger)

Schlägt Alarm: Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler. (Bild: Coralie Wenger)

Herr Spuhler, sind die Auftragsbücher von Stadler Rail im Moment noch voll?

Peter Spuhler: Ja. Zurzeit haben wir einen Auftragsbestand, der für die Jahre 2012 und 2013 ausreichend ist.

Täuscht der Eindruck, dass Sie in den letzten Monaten aus dem Euro-Raum eher wenig Aufträge erhalten haben – und falls doch, in geringer Stückzahl?

Spuhler: In Deutschland haben wir immerhin einen Rahmenvertrag der Deutschen Bahn für 400 Flirt-Triebzüge für den Regionalverkehr gewonnen. Das heisst aber noch nicht, dass wir diese Züge auch bauen können, da es sich nur um einen Abrufvertrag handelt. Sonst war der Auftragseingang aus dem Euroraum in den letzten Monaten tatsächlich mässig – auch wenn wir keine Aufträge verloren haben.

Sind solche Phasen mit weniger Bestellungen üblich?

Spuhler: In unserer Branche gibt es natürlich immer wieder Phasen, wo wenig oder gar keine Aufträge reinkommen. Ob das wegen der ganzen Schuldenproblematik in der EU und in der Eurozone jetzt auf längere Sicht gesehen der Fall ist, kann ich momentan noch nicht beurteilen. Wir hoffen es natürlich nicht.

Heute debattiert der Nationalrat in einer ausserordentlichen Session einmal mehr über die Abfederung der Frankenstärke. Was erwarten Sie davon?

Spuhler: Mit Massnahmen zur Belebung der Konjunktur ist es immer das gleiche. Entfalten diese tatsächlich am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt eine Wirkung? Da bin ich sehr skeptisch. Die letzten Konjunkturprogramme haben diese Wirkung letztlich sicher nicht entfacht. Wenn Ideen kommen, mit denen man tatsächlich der Exportindustrie und auch der stärker betroffenen Zuliefererindustrie hilft, dann unterstütze ich solche Massnahmen bestimmt. Ich sehe diese Ideen einfach nicht. Das einzige Richtige ist das, was wir stets gefordert haben. Die Schweizerische Nationalbank muss mutiger sein und in Richtung Kaufkraftparität intervenieren. Diese würde momentan immer noch bei einem Eurokurs von 1.35 Franken liegen. Aber offensichtlich hat der Mut die Nationalbank leider ein wenig verlassen.

Vergangene Woche hat es die Nationalbank abgelehnt, den Mindestkurs von 1.20 Franken gegenüber dem Euro weiter anzuheben. Was heisst das für Ihr Unternehmen konkret?

Spuhler: Die Wechselkurs-Problematik hat sich seit 2010 stark akzentuiert, vor allem als ein Franken praktisch ein Euro wert war. Schon mit einem Eurokurs auf dem Niveau der Kaufkraftparität hätten wir in der Wettbewerbsfähigkeit keinen Vorteil. Jetzt sind wir auf einem Kurs von 1.20 Franken. Damit verlieren wir Margen und müssen um neue Aufträge kämpfen – und somit auch um den Verbleib der Arbeitsplätze in der Schweiz.

War die Intervention der Nationalbank vom vergangenen September zu schwach?

Spuhler: Eine marginale Entschärfung hat der Kurs von 1.20 Franken uns zwar gebracht. Aber jetzt muss unbedingt nachgelegt werden.

Von der Nationalbank und nicht von der Politik?

Spuhler: Ja. Die Politik hat da keine grossen Möglichkeiten einzuschreiten. Ich erwarte jetzt von der Nationalbank, dass sie ihrer Aufgabe nachkommt und einen mutigen Schritt nach vorne macht. Sonst droht in der Schweiz eine Entindustrialisierung. Dann werden die Arbeitsplätze gezwungenermassen Schritt für Schritt in Richtung Billiglohnländer verlagert.

Müssen Sie Arbeitsplätze aus der Ostschweiz verlagern, wenn die Nationalbank jetzt nicht erneut interveniert?

Spuhler: Das weiss ich noch nicht. Jetzt schauen wir mal. Wir kämpfen sicher um jeden Arbeitsplatz. Aber auch wir können uns dieser Entwicklung über kurz oder lang nicht entziehen.

Werden Schwellenländer wie Russland angesichts der europäischen Schuldenkrise auch für Stadler Rail wichtiger?

Spuhler: Es gibt Länder, die für die Produktion attraktiv sind, weil sie eine sehr wettbewerbsfähige Kostenstruktur haben. Und es gibt Länder, die sind als Absatzmärkte sehr interessant. Am besten ist natürlich die Kombination von beidem. Da muss man sich als Unternehmer permanent neu orientieren und aufstellen. Das ist unser Job. Die Welt bleibt nicht stehen, die Dynamik ist sehr hoch, und damit sind wir als Management immer wieder gefordert, entsprechende Entscheide zu treffen und umzusetzen.

Interview: Tobias Gafafer, Bern