Justizdirektor fordert harte Strafen

Die Eltern des an der Fasnacht totgeprügelten Tessiners warnen vor einer Instrumentalisierung der Tat. Trotzdem gehen in der Bevölkerung die Wogen hoch.

Gerhard Lob/Locarno
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Locarno – am Tag nach dem Karnevalswochenende. Alles erscheint wie ein böser Traum. Am Tatort in der Altstadt brennen Kerzen, liegen Blumen, auch ein Rosenkranz. Der Sockel vor dem Möbelladen gleicht einem kleinen Altar. «Dami – per sempre con noi» (Dami – immer mit uns) steht unter einem Foto. Schneeregen den ganzen Tag, als wolle der Himmel den 22jährigen Damiano T. beweinen. In einer Schlägerei hat der Student aus Gordola in der Nacht auf Samstag während der Fasnacht von Locarno sein Leben verloren (Bericht von gestern).

Bei den drei mutmasslichen Aggressoren handelt es sich um junge Männer im Alter von 18, 19 und 21 Jahren mit Wohnorten Locarno und Losone. Nach bisherigen Erkenntnissen ist einer Kroate, die beiden anderen Bosnier mit kroatischen Wurzeln, die im Tessin aufwuchsen und in der Schweiz eingebürgert sind. Alle gehen einer Arbeit nach oder befinden sich in Ausbildung. Sie wurden noch in der Tatnacht verhaftet und sitzen mittlerweile im Untersuchungsgefängnis Farera bei Lugano.

Fusstritt in die Schläfe?

Wie die Staatsanwaltschaft gestern in einem dünnen Communiqué mitteilte, wird gegen das Trio wegen des Verdachts auf vorsätzliche Tötung sowie Aggression ermittelt. Offizielle Angaben zum Tathergang wurden mit Verweis auf die laufenden Abklärungen keine gemacht. Gemäss Augenzeugenberichten dauerte der Schlagabtausch nur einige Sekunden. Offenbar war ein Fusstritt in die Schläfe fatal, als Damiano bereits am Boden lag.

Beim Trauer- und Solidaritätsmarsch vom Sonntag, an dem mehr als 1000 Personen teilnahmen, herrschte eisiges Schweigen. Die Eltern von Damiano hatten dazu aufgerufen, die Tat nicht zu instrumentalisieren. Damit reagierten sie auf politische Stellungnahmen von Lega und SVP, die unmittelbar nach der Tat schon eine Ausweisung der Gewalttäter und eine Aberkennung der Schweizer Staatsbürgerschaft für die Eingebürgerten gefordert hatten.

Justiz- und Polizeidirektor Luigi Pedrazzini (CVP) forderte unterdessen exemplarische und rasche Strafen für die drei Männer, die im Verdacht stehen, den 22jährigen zu Tode geprügelt zu haben. Er präzisierte, dass es sich um Gewaltexzesse von Einzelnen handele, die dazu führten, dass auch alle Einwanderer, die sich vorbildlich benehmen, in ein schiefes Licht gerieten. In einer Diskussion am Fernsehen der italienischen Schweiz (TSI) räumte Pedrazzini aber ein, dass bei Gewaltdelikten häufig Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien verwickelt seien.

Der Bischof von Lugano, Pier Giacomo Grampa, schrieb in einem offenen Brief in der Zeitung «Giornale del Popolo», dass man die Schuld an dem Tod weder «dem Karneval noch der Herkunft der jungen Mörder» geben dürfe. Es handele sich heute um ein generelles Jugend- und Orientierungsproblem.

Tatsächlich hat die Tat die Diskussion über die Jugendgewalt neu lanciert. Doch in der Bevölkerung ist die Stimmung nicht überall versöhnlich. Und in den Tessiner Schulen ist das Aggressionspotenzial von jungen Männern balkanischer Herkunft ein Dauerthema. Viele verschafften ihrer Wut in diesen Tagen online Luft. Das Portal «Ticinonews» musste seine Blogger gar anhalten, einen zivileren Ton einzuhalten. Es wurde auf die strafrechtlichen Folgen von rassistischen Bemerkungen aufmerksam gemacht.

Botschaft: «Unverzeihlich»

Die Kroatische Botschaft in Bern hat unterdessen auf den Vorfall reagiert. In einem Communiqué von gestern nachmittag sprach sie von einem «abscheulichen und unverzeihlichen Akt» und sprach den Angehörigen des Opfers ihr tiefstes Beileid aus. Trotzdem sollte dieser Vorfall die guten Beziehungen zwischen der Schweiz und der Republik Kroatien nicht belasten.

Die Beerdigung von Damiano T. findet morgen nachmittag in Gordola statt.

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