Justiz nimmt Fifa stärker ins Visier

Die amerikanischen Behörden und die Schweizer Bundesanwaltschaft weiten die Ermittlungen gegen die Fifa aus. Immer mehr Funktionäre geraten in Verdacht. Das sind keine guten Nachrichten für Fifa-Präsident Sepp Blatter.

Jürg Ackermann
Merken
Drucken
Teilen
Seite an Seite gegen die Korruption im Weltfussball: Bundesanwalt Michael Lauber und US-Justizministerin Loretta Lynch informieren in Zürich. (Bild: ky/Anthony Anex)

Seite an Seite gegen die Korruption im Weltfussball: Bundesanwalt Michael Lauber und US-Justizministerin Loretta Lynch informieren in Zürich. (Bild: ky/Anthony Anex)

ZÜRICH. Das Interesse war riesig: Schon eine Stunde vor der Pressekonferenz glich die Eingangshalle des Renaissance-Tower-Hotels einem Bienenhaus. Journalisten aus aller Welt diskutierten in aufgeregter Stimmung. Würde heute klar werden, dass auch Fifa-Präsident Sepp Blatter im Fokus der Ermittlungen steht? Würden ähnlich spektakuläre Details ans Licht kommen, wie an jenem 27. Mai, als die Schweizer Behörden auf Gesuch der US-Justiz sechs hochrangige Fifa-Funktionäre im Morgengrauen verhafteten?

Um auf diese Fragen eine Antwort zu erhalten, brauchte es Geduld: Spürhunde suchten jeden Rucksack, jede Tasche ab, ehe die 140 Journalisten an austrainiertem Sicherheitspersonal vorbei den Saal der Pressekonferenz betreten durften – Standard bei Auftritten von US-Ministern. Dann, um 15.15 Uhr, war es endlich so weit: Loretta Lynch und Michael Lauber betraten die Bühne. Eine wirkliche Bombe liessen sie zwar nicht platzen. Aber dennoch machte der Auftritt der beiden deutlich, mit wie viel Energie und Personal sie die Ermittlungen wegen Korruption in der Fifa vorantreiben.

Vor einem Datenberg

Weitere Details kamen ans Licht: So haben sich die Ermittlungen auf mehr Personen als die bisher bekannten 14 Verdächtigen ausgedehnt. Wer von der nächsten Anklagewelle betroffen sei, wollte Lynch aus Rücksicht auf die Ermittlungen nicht sagen. Auch die Frage, ob Fifa-Präsident Sepp Blatter darunter sei, liess sie offen.

Bundesanwalt Lauber gab bekannt, dass verschiedene Liegenschaften, darunter Ferienwohnungen in den Schweizer Alpen, beschlagnahmt worden seien. Es bestehe der Verdacht auf Geldwäscherei. Zudem wurden Gelder eingefroren. 121 verdächtige Konten stehen im Visier. Die Bundesanwaltschaft untersucht einen 11-Terabyte-Datenberg. Das braucht Zeit. Lauber sagte, man sei noch nicht beim Pausenpfiff angelangt. Bis wann es zum Abschluss der Ermittlungen kommt, wollte auch Lynch nicht abschätzen. Die US-Justizministerin bekräftigte aber, dass ihre Behörde alles daransetzen werde, dass im Weltfussballverband nicht Korruption, sondern Werte wie Fairness oder Sportlichkeit regierten.

Fragwürdiger Deal mit Warner

Mehr Sprengkraft als die wenig konkreten Aussagen von Lynch und Lauber enthalten nach übereinstimmender Meinung vieler Experten die Enthüllungen des Nachrichtenmagazins «10 vor 10» von vergangener Woche. SRF machte ein Dokument publik, dass zeigt, zu welch fragwürdigen Deals sich Sepp Blatter hinreissen liess, um seine Macht zu sichern.

So überliess die Fifa ihrem Vizepräsidenten Jack Warner zu einem Spottpreis die Fernsehrechte für die Karibik für die WM-Endrunden 2010 und 2014, die dieser dann teuer weiterverkaufen konnte. Im Gegenzug sicherte Warner jeweils wichtige Stimmen für Blatter.

Blatter unter Druck

Für Fifa-Kenner Andrew Jennings, der seit Jahren investigativ über den Weltfussballverband berichtet, ist klar, dass das publizierte Dokument ein entscheidendes Puzzleteil sein könnte, das beweist, dass Blatter an vorderster Front Teil des korrupten Systems war. «Blatter wird nie mehr vor die Medien treten und die Errungenschaften der Fifa hochjubeln können, ohne dass alle dieses Dokument mit diesem äusserst fragwürdigen Deal im Hinterkopf haben», sagte der Brite am Rande der gestrigen Pressekonferenz. Lauber bestätigte, dass die Bundesanwaltschaft den von Blatter und Warner unterschriebenen Vertrag untersuche. Sie habe am Sonntag eine Erklärung der Fifa erhalten. «Diese schauen wir uns an.»

Auch für Fifa-Kenner und SVP-Nationalrat Roland Büchel birgt das Dokument «viel Sprengkraft». Es zeige, dass Blatter nicht zum Wohle der Fifa gehandelt habe, dass er in diesem Fall wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung angeklagt werden könne. «Ich halte es für möglich, dass das Dokument Blatter zum Abgang zwingt, ehe er am 28. Februar 2016 freiwillig das Feld räumen will.»