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Jung, männlich, brutal: Neue Formen der Jugendgewalt

Nach jahrelangem Rückgang breitet sich eine neue Form der Jugendgewalt aus: Junge Erwachsene suchen den Kick nicht mehr mit Drogen und Alkohol, sondern mit Schlägereien. Wer helfen will, wird selbst zum Opfer.
Yannick Nock
Egal ob in Klubs, vor Sportstadien oder auf der Strasse: Geprügelt wird überall. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Egal ob in Klubs, vor Sportstadien oder auf der Strasse: Geprügelt wird überall. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Die italienische Journalistin Franca Magnani umschrieb die gesellschaftliche Tragweite vielleicht am schönsten: «Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.» Noch braucht die Schweiz allerdings ihre Helden, denn die Zivilcourage steht unter Beschuss. Wer anderen helfen will, wird heute schnell selbst zum Opfer – so wie am vergangenen Wochenende im Stadtzentrum von Baden AG: Ein 28-jähriger Mann machte sich kurz nach Mitternacht auf den Heimweg, als er beobachtete, wie eine Gruppe aus 16- bis 20-jährigen Männern eine Frau schlugen. Der 28-Jährige griff ein, fragte die Frau, ob alles in Ordnung sei – und wurde von der Gruppe zusammengeschlagen. Mit Faustschlägen ins Gesicht. Mit Fusstritten, als er am schon Boden lag. Die Zivilcourage endete für ihn im Spital.

Für den Zürcher Psychotherapeuten Felix Hof ist das kein Zufall. Seit über 30 Jahren behandelt er auffällige Kinder und Jugendliche und war unter anderem als Chefpsychologe für die Schweizer Armee tätig. Für Hof ist klar: «Wir erleben eine neue Form der Gewalt.» Seien Jugendliche früher oft nur gewalttätig geworden, wenn sie provoziert oder angegriffen wurden, sei das heute anders. «Sie wollen sich prügeln und suchen die Konfrontation.» Die Hemmung, zuzuschlagen – selbst ins Gesicht – habe abgenommen. Hof geht deshalb davon aus, dass die Jugendgewalt wieder steigen wird. Neuste Zahlen aus den Kantonen untermauern seine Befürchtung (siehe Interview).

Prügelei gibt den Kick

Dabei war die Jugendgewalt dank Präventionsmassnahmen und der Integration von Migranten lange rückläufig. Während Mitte der 2000er-Jahre eine Schreckensmeldung die nächste jagte – samt unrühmlichem Höhepunkt im Jahr 2010, als über 10 000 Jugendliche wegen Strafdelikten verurteilt wurden –, sank die Kurve bis 2015 deutlich und blieb tief (siehe Grafik). Die Schlagzeilen änderten sich in wenigen Jahren von «Müssen jetzt auch Jugendliche verwahrt werden?» zu «So brav war die Schweizer Jugend noch nie». Es schien, als seien die Jungen von einem Extrem ins nächste gekippt, denn auch der Alkohol- und Drogenkonsum nahm deutlich ab.

Nun folgt allerdings die Gegenreaktion auf die Folgsamkeit. Die Dynamik in den Jugendgruppen habe sich geändert, sagt Hof. Viele junge Erwachsene hätten kein Interesse mehr, nächtelang in einer Disco zu tanzen oder anderswo zu feiern. Zudem habe der Drogenkonsum seinen Reiz verloren. «War es früher cool zu kiffen, gilt man heute als Verlierer.» Hof erkennt eine Trendwende: «Jugendliche suchen heute den Kick mit Schlägereien, nicht mehr mit Drogen oder Alkohol.» Egal ob in Klubs, auf der Strasse oder vor Sportstadien: Geprügelt wird überall.

Kein Respekt in der Schweiz

Rettungskräfte in Zürich werden gemäss neusten Zahlen fast täglich angegangen, das Sicherheitspersonal im Inselspital Bern muss in diesem Jahr doppelt so oft gegen pöbelnde Patienten einschreiten wie 2017, und Polizisten aus verschiedenen Kantonen berichten von zahlreichen Übergriffen. Oft sind dabei junge Erwachsene die Täter. Unvergessen ein Vorfall im August: Als Sanitäter am Zürcher Seebecken einem schwerverletzten Teenager helfen wollten, wurden sie von Vermummten attackiert. Dutzende Mitläufer solidarisierten sich mit den Angreifern. Die Polizei musste Gummischrot, Tränengas und Wasserwerfer einsetzen, damit sie überhaupt zu den Verletzten vordringen konnte. Mittendrin: junge Fussball-Hooligans. «Der Respekt gegenüber Polizisten ist in der Schweiz tiefer als in anderen europä-ischen Ländern», sagt Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Besonders junge Männer in Gruppen würden die Beamten nicht ernst nehmen und öfter ausfällig. «Das ist ein grosses Problem.» Wer keinen Respekt vor Polizisten habe, habe auch keinen vor zivilen Helfern – mit Folgen für die Gesellschaft. Was wird aus der Zivilcourage, wenn Helfer zu Opfern werden?

Veronika Brandstätter ist Professorin für Motivationspsychologie an der Universität Zürich. Sie erforscht, was Menschen zu Alltagshelden macht. Mut brauche es immer, sagt sie, aber Zivilcourage sei auch erlernbar. Wichtig sei zu wissen, was in einer kritischen Lage zu tun oder zu unterlassen sei (siehe Kasten). Dies stärke auch das Selbstvertrauen. Meldungen wie vom Wochenende aus Baden könnten allerdings einen negativen Effekt haben. «Wenn jemand, der Zivilcourage gezeigt hat, zu Schaden gekommen ist, überlegt man sich zweimal, selbst einzugreifen.» Brandstätter rät ohnehin, sich nicht in gefährliche Situationen zu begeben, sondern lieber die Polizei zu alarmieren.

Selbstverteidigung an Schulen

Doch dann kann es schon zu spät sein. Es ist ein Abwägen zwischen Hilfe und Selbstschutz. Psychotherapeut Felix Hof setzt deshalb auf Bildung. «Kinder und Jugendliche sollten lernen, sich selbst zu verteidigen», sagt er. «Schulen müssen in den Turnstunden Selbstverteidigungskurse anbieten.» Die Kritik, dass so auch aggressive Jugendliche kämpfen lernten, weist Hof zurück. «Wer sich prügeln will, prügelt sich unabhängig von Kursen», betont er. So würden zumindest alle Kinder und Jugendlichen lernen, sich zu verteidigen. Besonders junge Frauen könnten laut Felix Hof davon profitieren. Denn auch hier untermauert die Statistik eine beunruhigende Entwicklung. Frauen werden im Ausgang öfter von Männern beschimpft, beleidigt und angegangen. In Genf beispielsweise ging im August eine Gruppe junger Männer auf fünf Frauen los. Eine Frau lag danach im Koma.

Mit den Selbstverteidigungskursen an Schulen werden aus den Kindern vielleicht keine Helden, wie sie die italienische Journalistin Magnani umschrieb, aber Bürger mit Zivilcourage.

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