Jung, engagiert, politikverdrossen

Nico Laubi ist Jungwähler und hat noch keine Abstimmung verpasst. Der Kantischüler aus Frauenfeld diskutiert oft über Politik und beschäftigt sich mit Themen wie Nachhaltigkeit. Dennoch möchte er sich nur im kleinen engagieren.

Noemi Heule
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Der 18jährige Nico Laubi kann sich vorstellen, in die Politik einzusteigen – allerdings nur auf Gemeindeebene. (Bild: Reto Martin)

Der 18jährige Nico Laubi kann sich vorstellen, in die Politik einzusteigen – allerdings nur auf Gemeindeebene. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Es war ein grosser Tag für Nico Laubi, sein 18. Geburtstag im vergangenen November. Bereits kurz davor hielt er die Abstimmungsunterlagen in den Händen. Längst wusste er genau, wo er Nein, wo Ja stimmen würde. Seither hat er keine Abstimmung verpasst.

Das ist ihm wichtig: «In der direkten Demokratie ist der Souverän das Staatsoberhaupt», sagt er. Ein Satz, wie er im Lehrbuch steht. Aus dem Mund eines 18-Jährigen überrascht er. Nico Laubi aber ist anders als seine Altersgenossen. Interessierter. Engagierter. «Viele Jugendliche kümmern sich nicht um Politik», sagt er. «Sie wollen lieber konsumieren und keine Zeit investieren, um sich zu informieren.»

Wieder eine Aussage, für die er eigentlich zu jung ist. Sie will nicht so recht passen zu einem jungen Mann in kurzen, karierten Hosen unter einem verwaschenen T-Shirt, der eigentlich gerade Schulferien geniesst. Es sind seine letzten: In einem Jahr schliesst er die Kantonsschule in Frauenfeld mit Schwerpunkt Wirtschaft und Recht ab. Dort ist er auch Schülerratspräsident, vertritt die Interessen der Schüler, organisiert Veranstaltungen.

Mutter als politisches Vorbild

Mit dem Schülerrat besuchte er einst den Grossen Rat in Frauenfeld, um sich gegen Sparauflagen in der Kantonsschule einzusetzen. Und war enttäuscht vom Bild, das sich ihm dort bot: teilnahmslose Politiker, die während der Sitzung in Zeitungen blätterten oder am Laptop arbeiteten. «Sich dort zu engagieren ist wohl Zeitverschwendung.» Niemand höre hin, und die Meinungen seien ohnehin vorgefertigt, sagt der 18-Jährige und zeigt sich bereits in seinen jungen Jahren ein wenig politikverdrossen.

Dennoch: Nico Laubi könnte sich vorstellen, irgendwann selbst in die Politik einzusteigen. Allerdings auf Gemeindeebene, für die kleine, linksgerichtete Lokalpartei «Chrampfe und Hirne», für die seine Mutter einst im Gemeinderat sass. Sie ist denn auch sein politisches Vorbild, führte ihn in die Politik ein. «Wir diskutieren viel am Familientisch.» Fast alles, was er über Politik weiss, hat das Scheidungskind zu Hause gelernt. «Staatskunde unterrichtet in der Schule niemand mehr», sagt er. Bei einigen Schulkollegen sei das Interesse zwar vorhanden, aber praktisch keine politischen Kenntnisse. «Es ist schwer, sich das alles alleine anzueignen.»

Die Rhetorik von Roger Köppel

Nico Laubi dagegen ist es gewohnt, wortstark für seine politische Überzeugung einzustehen. «Meine Freunde würden mich wohl als linksradikal bezeichnen», sagt er. Er selbst positioniert sich dagegen auf der Linie der Grünliberalen. Er sei «überhaupt nicht radikal». Aber provokativ: Er nehme gerne extreme Positionen ein, um aus dem Gegenüber die Meinung herauszukitzeln. Wohl deshalb bezeichnet der 18-Jährige den Journalisten Roger Köppel als Vorbild. «Nicht politisch, ganz im Gegenteil», sagt er, «aber rhetorisch.» Mit den Linken, deren Meinung er eigentlich mehrheitlich vertritt, geht Nico Laubi dagegen hart ins Gericht: «Schwammig» und ohne Überzeugungskraft drückten sich viele aus. «So kommen sie nicht an die Wähler ran.»

«Ich will die Welt entdecken»

Themen, die den Schüler beschäftigen, gibt es viele. Es sind die grossen Fragen der nationalen und internationalen Politik. Allen voran die Flüchtlingsproblematik: «Aus Angst driftet das Volk in die rechte Ecke», sagt er. «Von oben herab» begegneten die Schweizer den Zuwanderern. Grenzen – ohnehin willkürlich gezogen – einfach zu schliessen sei realitätsfern und weltfremd, redet sich Laubi in Fahrt, gestikuliert mit den Händen, fährt sich durch den Bart. Überhaupt nicht lehrmeisterlich, sondern jugendlich übermütig, fast trotzig, wirkt er nun.

Er selbst hat noch nicht viel von der Welt gesehen. Zwar steht in seinem zweiten Zuhause, der väterlichen Wohnung im Zentrum von Frauenfeld, ein Lego-VW-Bus neben Buddha-Statuen und Ethno-Kissen. Sie alle stammen allerdings aus dem Fundus seines Vaters. Das möchte er ändern: «Ich will die Welt entdecken», sagt er. Auch die weniger schönen Plätze, Eritrea in Ostafrika etwa.

Voller Tatendrang schaut der 18-Jährige in die Zukunft. Für ihn hat Politik nichts mit Pragmatismus zu tun. Vielmehr soll sie die Welt verändern. Ob er einst selbst von seinen jugendlichen Idealen abrückt? «Vielleicht», räumt er ein. Bereits jetzt sei er im Gegensatz zu früher besonnener geworden. Auch schaffe er es zuweilen nicht, seine eigenen Vorsätze in die Tat umzusetzen, immer nur nachhaltig zu leben etwa. Er nimmt's gelassen: «Ich bin jung und überhaupt nicht perfekt.»