Judith Stamms Kampf trägt inzwischen Früchte

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Frauenrechte «Natürlich!», sagt Judith Stamm. Natürlich werde sie sich den Film «Die göttliche Ordnung» anschauen. Alles andere würde ja auch erstaunen: Der Film thematisiert die Frauenrechte in der Schweiz – das Thema, das die frühere CVP-Nationalrätin aus Luzern ein Leben lang begleitet hat. Dass «die Ikone der Gleichstellungsbewegung in der Schweiz» (die NZZ über Judith Stamm) sich nicht für diesen preisgekrönten Film interessieren würde – es ist schlicht unvorstellbar.

Tatsächlich hat Judith Stamm (83) jene Zeit im letzten Jahrhundert, in der die Frauen in der Schweiz endlich zu den politischen Rechten kamen und sie dann auch ausübten, nicht nur miterlebt sondern auch mitgeprägt. Das Gespräch mit ihr ist schon deshalb spannend, weil sie die nüchterne Auflistung von Etappenzielen auf diesem Weg aus konkretem Erleben kennt – und sie erst noch mit vielen Anekdoten anzureichern weiss.

Sie wurde Polizistin, weil Gerichtsschreiberin tabu war

Dass Frauen noch bis ins letzte Viertel des vergangenen Jahrhunderts politisch und auch rechtlich so etwas wie «Menschen zweiter Klasse» waren, hat den Gerechtigkeitssinn der heutigen Politikerin im Ruhestand schon als Kind gestört. Stamm erzählt von einer Radiosendung, die sie zusammen mit ihrer Mutter hörte. Darin war von einer Bergbäuerin die Rede, die geerbt hatte. Der geerbte Betrag wurde dem Ehemann ausbezahlt, wie es damals rechtens war – und der habe die Geldsumme dann prompt einfach «verputzt». Dies missfiel der jungen Judith sehr.

Gerechtigkeitssinn und der Wunsch, anderen Menschen zu helfen – Mutter Stamm wusste, wie ihre Tochter beide beruflich verbinden konnte: «Du musst Juristin werden.» So geschah es dann auch. Dass sie trotz Jus-Studium und Doktorarbeit eben doch nur ein «Mensch zweiter Klasse» war in der damaligen Schweiz, bekam Judith Stamm am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn sehr ­direkt zu spüren: Sie wäre gerne Gerichtsschreiberin geworden, und der Gerichtspräsident hätte sie auch genommen. Allein: Er durfte nicht. Für dieses Amt brauchte es im Kanton Zürich, wo sie wohnte und arbeitete, die politischen Rechte – und die hatten die Frauen Mitte letztes Jahrhundert noch nicht.

Judith Stamm musste sich deshalb beruflich umorientieren. Sie entschied sich schliesslich, ins Polizeikorps des Kantons Luzern einzutreten. Nach einiger Zeit als Polizei­assistentin wurde sie dann die erste Polizeioffizierin der Schweiz. Später wechselte sie in die Jugendanwaltschaft.

Politisches Bewusstsein erwachte erst später

Trotz der persönlichen Betroffenheit habe es doch eine Zeit gedauert, bis ihr politisches, ihr feministisches Bewusstsein erwacht sei, erinnert sich Judith Stamm. Zwar habe es sie immer gestört, dass den Frauen die politischen Rechte in der Schweiz vorenthalten wurden, aber politisch aktiv sei sie deswegen nicht geworden. So habe sie vergebliche Vorstösse für ein Frauenstimmrecht und ablehnende Urnengänge jeweils mit Bedauern zur Kenntnis genommen – aber auch nicht mehr.

Ebenfalls «im Stillen» habe sie sich über gelungene Aktionen für das den Frauen fehlende Recht gefreut – ­allen voran über den kraftvollen «Marsch auf Bern» von 5000 Frauen und Männern samt Resolution von Emilie Lieberherr im Jahr 1969, also am Vorabend der Einführung des Frauenstimmrechts: «Die Gegner des Frauenstimmrechts erschraken; sie mussten die Befürworter nun plötzlich ernst nehmen.»

Was Judith Stamm damals nicht wusste: 1969 war auch der Vorabend ihrer politischen Karriere. Im Kanton Luzern ­bekamen die Frauen das Stimm- und Wahlrecht nämlich im Herbst 1970, ein knappes halbes Jahr vor jenem auf eidgenössischer Ebene.

Harter Start im Parlament

Bei den Kantonsratswahlen im Frühjahr 1971 nun wollten alle etablierten Parteien Frauen auf ihren Listen haben und überlegten, welche Kandidatinnen am besten geeignet waren, Stimmen zu bringen. «Dann sagte in der CVP wohl einer, diese Stamm, die halte ja dauernd Vorträge über die Polizeiarbeit, die sei bekannt. Man sollte sie einmal anfragen.» Judith Stamm sagte zu und wurde prompt gewählt.

Wie ungewohnt Frauen in Parlamenten in jener Zeit noch waren, zeigte sich an Dingen, die uns heute zum Schmunzeln bringen: Als frisch gewählte Kantonsparlamentarierinnen hätten sie erst einmal beratschlagt, wie eine damals in der Session verlangte schickliche und den dunklen Anzügen der Männer entsprechende weibliche Kleidung denn aussehen müsse, erinnert sich Judith Stamm. Auch die Parlamentsarbeit habe man sich erst erarbeiten müssen: Wie verschafft man sich Gehör in den Kommissionen? Wie äussert man sich konkret, damit ein Votum auch ernst genommen wird?

Neue Sichtweisen im konservativen Kanton

Dass mit dem Einzug der Frauen in die Parlamente neue Sichtweisen in die Politik kamen, auch dies lässt sich mit Judith Stamm gut aufzeigen: Im konservativen Kanton Luzern trat sie nicht nur für die Fristenlösung, sondern auch für die Herabsetzung des Schutzalters ein. «Als Mitglied des Polizeikorps war ich eben der Meinung, junge Menschen, die gegen das damals geltende Schutzalter verstiessen, seien auf dem Polizeiposten nicht am richtigen Ort», sagt sie. Judith Stamm hat sich mit dieser Haltung auch Feinde geschaffen. Obwohl nicht ihrer Meinung, habe sich der damalige Präsident der CVP der Stadt Luzern jedoch vor sie gestellt und sie verteidigt: «Das hat mich berührt.»

War Judith Stamm das erste Dutzend Jahre ihrer politischen Laufbahn lediglich eine regionale Grösse, änderte sich dies 1983 mit ihrer Wahl in den Nationalrat sehr schnell. Auch wenn sie nie eine Ein-Themen-Politikerin war, blieben Gleichstellungsfragen ein wichtiger Teil ihrer politischen Arbeit – und sie war damit erfolgreich: Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau geht auf eine 1986 eingereichte Motion Stamms zurück. 1989 wählte sie der Bundesrat zur Präsidentin der eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, eines Beratungsorgans der Landesregierung.

Unbequem, aber offen und aufrichtig

Unvergesslich ist aber Judith Stamms Rolle bei der Bundesratswahl 1986. Nach den Rücktritten von Kurt Furgler und Alphons Egli nominierte die Luzerner CVP sie als Kandidatin. Die Bundeshausfraktion entschied sich jedoch für Flavio Cotti und Arnold Koller. Weil sie es für unangemessen hielt, dass ihre Partei bei dieser Doppelvakanz nur Männer berücksichtigte, hielt Judith Stamm an ihrer Kandidatur fest – wohl wissend, dass sie wenig Chancen auf eine Wahl hatte. Es ging ihr einfach ums Prinzip. «Mit dieser Hartnäckigkeit habe ich vielen Frauen Mut gemacht und sie ermuntert, nicht zu kapitulieren, wenn es schwierig wird», sagt sie im Rückblick dazu.

Dass eine konsequente Haltung, zwar unbequem, aber offen und aufrichtig vertreten, auch in der Politik möglich ist und auf Wertschätzung stossen kann, auch dafür taugt Judith Stamm als Beispiel: Die CVP-Fraktion im Bundeshaus schlug sie Mitte der Neunzigerjahre als Nationalratspräsidentin vor – und zwar einstimmig bei lediglich zwei Enthaltungen. Das war angesichts ihrer aufmüpfigen Art nicht unbedingt zu erwarten, und sie hat es auch nicht ­erwartet, sich dann aber umso mehr darüber gefreut. Die Wahl im Parlament erfolgte schliesslich problemlos.

Einiges, aber nicht alles erreicht

Mit dem Ausscheiden aus dem Nationalrat im Jahr 1999 setzte sich Judith Stamm nicht einfach zur Ruhe. Sie präsidiert noch bis 2007 die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) und die Rütlikommission, die die Bundes­feier auf der Rütliwiese organisiert. Passend zur Person: Judith Stamm war die erste Frau der 1810 gegründeten SGG in diesem Amt.

Seit 2007 hat Judith Stamm keine Ämter mehr. Schaut sie heute auf ihre politische und auf ihre berufliche Karriere zurück, tut sie dies «in Dankbarkeit». In ihrer Zeit sei einiges möglich gewesen und einiges erreicht worden – wenn auch nicht alles. Aber sie sei zuversichtlich, dass es «bezüglich dessen, was noch fehlt, der Lohngleichheit etwa, auch noch gut kommen wird».

Und noch etwas ist Judith Stamm wichtig, anzufügen: Sie gehöre einer Generation an, die noch habe erleben dürfen, wie der seinerzeitige Kampf heute Früchte trage. Auch dafür sei sie dankbar. «Die Suffragetten etwa hatten dieses Glück ja nicht.»

Richard Clavadetscher