Jetzt will die Nagra bohren

Anfang Jahr hat die Nagra zwei Standorte für die Lagerung radioaktiver Abfälle vorgeschlagen. Einen davon im Zürcher Weinland, direkt an der Thurgauer Kantonsgrenze. Nun will sie dort Sondierbohrungen durchführen.

Marina Winder
Drucken
Teilen
Blick auf das Bohrplatzgelände der Nagra im zürcherischen Benken, aufgenommen im November 1998. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Blick auf das Bohrplatzgelände der Nagra im zürcherischen Benken, aufgenommen im November 1998. (Bild: ky/Martin Rütschi)

BERN. Der Schrecken ist in den beiden betroffenen Gebieten noch nicht ganz verdaut. Völlig überraschend hatte die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) zu Beginn dieses Jahres mitgeteilt, dass sie die Auswahl an möglichen Standorten für ein Endlager von sechs auf zwei reduziert hat. In der näheren Auswahl sind seither noch Jura Ost und Zürich Nordost. Mit letzterem ist auch der Thurgau tangiert. Beide Gebiete eignen sich gemäss Nagra für die Lagerung von schwach- bis mittelradioaktiven Atomabfällen, als auch für die Lagerung von hochradioaktiven Atommüll. Ebenfalls kommt an beiden Standorten ein Kombilager in Frage.

Zwar entbrannte in den betroffenen Gebieten massive Kritik an der getroffenen Auswahl und vor allem an der frühen Eingrenzung auf zwei Standorte. Doch die Nagra fährt mit ihrem Programm fort. «Es gilt das Primat der Sicherheit. Politische und wirtschaftliche Überlegungen dürfen daran nichts ändern», sagte Thomas Ernst, Vorsitzender der Geschäftsleitung, anlässlich der Jahresmedienkonferenz der Nagra in Baden. «Ein Schwarz-Peter-Spiel bringt uns nicht weiter.»

Sechs bis zehn Bohrungen

Nun will die Nagra in den beiden Gebieten Jura Ost und Zürich Nordost den Untergrund mittels 3D-Seismik und Sondierbohrungen näher untersuchen. In jedem Standortgebiet sind drei bis fünf Bohrungen nötig, führte Markus Fritschi, Bereichsleiter Lagerprogramme, vor den Medien aus. Es würden aber jeweils sieben bis acht Sondiergesuche eingereicht, um flexibel auf die Resultate der laufenden Untersuchungen reagieren zu können. Die Festlegung der exakten Bohrplätze sei bereits schrittweise in Zusammenarbeit mit den Kantonen, den betroffenen Gemeinden und Grundeigentümern angelaufen.

Bis Ende dieses Jahres will die Nagra die Sondiergesuche eingereicht haben. Für die Bohrungen braucht es eine Bewilligung der Bundesbehörden. Nach Einschätzung der Nagra dauert das Verfahren etwa zwei Jahre. Verläuft alles nach Plan, sollen ab Mitte 2017 die ersten Bohrplätze aufgestellte werden. Die Arbeiten dauerten pro Bohrplatz inklusive der anschliessend notwendigen Rekultivierung ein bis eineinhalb Jahre. Jeweils drei bis vier Bohrungen können zeitlich parallel durchgeführt werden.

Mit der 3D-Seismik soll im Gebiet Jura Ost noch dieses Jahr begonnen werden, im Gebiet Zürich Nordost im Januar nächsten Jahres.

Ziele dieser seismischen Messungen und der Sondierbohrungen sind:

• die Prüfung der Eignung der Standortgebiete gemäss den vorgegebenen Kriterien zur Langzeitsicherheit

• der sicherheitstechnische Vergleich und die Standortwahl für Rahmenbewilligungsgesuche

• die Abgrenzung der Lagerbereiche im Untergrund

• und die Anordnung und Auslegung der Anlagen in ihren Grundzügen.

Bundesrat entscheidet 2017

Während die Nagra die nächsten Schritte vorbereitet, prüfen die Behörden die vorläufige Standortauswahl der Nagra auf Herz und Nieren. Das Bundesamt für Umwelt beurteilt bis Ende Jahr die Umweltauswirkungen, und das Eidgenössische Nuklearaufsichtsinspektorat (Ensi) will spätestens Anfang nächsten Jahres seine Beurteilung präsentieren. Auch die Kantone führen umfangreiche Untersuchungen durch und erarbeiten Stellungnahmen. Im Jahr 2017 ist dann der Beschluss des Bundesrates zu erwarten. «Entscheidende Jahre liegen vor uns», sagte dazu Thomas Ernst vor den Medien in Baden.

Aktuelle Nachrichten