Jene am Rand nicht vergessen

Obwohl Bern weit weg ist, hat die nationale Politik grossen Einfluss auf den Alltag von Aline Raschle. Die Ausserrhoder Bäuerin mag Politiker mit einer handwerklichen Ausbildung – Akademiker hat es in ihren Augen schon genug.

Tobias Bär
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SCHWELLBRUNN. Sitzt man auf der Holzbank vor dem Hof von Familie Raschle, frische Heidelbeeren aus dem Garten im Mund, umgeben von der geschwungenen Landschaft zwischen Schwellbrunn und Urnäsch und einer Seelenruhe, dann kann man sich ein Leben auf dem Bauernhof vorstellen. Doch dann erzählt Aline Raschle aus ihrem Alltag, und man merkt, dass man doch eher fürs Büro taugt.

Da wären die Arbeitstage, die morgens um halb sechs mit dem Melken der Kühe beginnen und bis gegen halb acht abends dauern. Die Arbeit auf dem Feld und im Stall fordert den Körper. «Ich denke nicht, dass wir das bis 65 machen», sagt Aline Raschle. Während die Schweizer soeben aus den Sommerferien zurückgekehrt sind, liegen für Raschles allenfalls Tagesausflüge drin, denn: «Jemand muss zu den Tieren schauen». Reisen wie jene im November 2013 zur Berufseuropameisterschaft in Kopenhagen, wo sich die Tochter mit anderen Bäckerinnen und Konditorinnen mass, haben absoluten Seltenheitswert. Es war die zweite Flugreise im Leben von Aline Raschle.

Rechnung stimmt noch

Das erste Mal flog sie 1991, bei der Hochzeitsreise, über den Atlantik nach Kanada. Es war die Hochzeit, die Aline Raschle auf den Ettenberg brachte. Die Eltern von Ehemann Walter legten den Hof in die Hände des jungen Ehepaares – er war damals 23, sie 21 – und zogen weiter. «Wir waren schon etwas auf uns alleine gestellt», sagt Aline Raschle. Ebenfalls 1991 gebar sie ihr erstes Kind, Walter, wie der Vater. Es folgten noch ein Bub und drei Mädchen. Vorgesehen ist, dass Walter, der Älteste, irgendwann den Hof übernimmt.

Doch beim Blick in die Zukunft stellt sich die Frage: Kann ein kleiner bis mittlerer Bergmilchbetrieb mit derzeit 23 Kühen überleben? Bei der Haupteinnahmequelle, der Milch, übersteigen die Produktionskosten den Erlös bei weitem. Eine Möglichkeit wäre die Umstellung auf Biomilch, die etwas mehr abwirft. «Obwohl wir die meisten Biorichtlinien einhalten, produzieren wir konventionelle Milch. Uns fehlt vielleicht die nötige Einstellung», sagt Aline Raschle. Die Eier der rund 50 Hühner, die auf dem Hof leben, vertreibt sie inzwischen selber. «Früher kam noch der Lastwagen. Dann hiess es: Entweder Ihr haltet 2000 Hühner, oder wir fahren nicht mehr hier hoch.» Und mit dem Holz aus den acht Hektaren Wald lässt sich auch kein Geld mehr verdienen. «Momentan stimmt die Gesamtrechnung noch», sagt Aline Raschle – dies aber nur dank des Nebenerwerbs des Ehemanns, der zwei bis drei Tage pro Woche als Monteur arbeitet und damit einen Drittel des Gesamteinkommens bestreitet.

Leben in der Stadt unvorstellbar

Seit der jüngsten Agrarreform und dem Ende der pauschalen Tierbeiträge erhält der Hof auf dem Ettenberg zudem weniger Direktzahlungen. Und diese machen immerhin einen Viertel des landwirtschaftlichen Umsatzes aus. Dafür gibt es neu Geld vom Bund für ein Stück artenreicher Wiese, das etwas abseits vom Hof in einer Senke liegt. Gemäht werden darf hier erst im September, ausserdem gilt ein Düngeverbot. «Seither hat die Vielfalt der Blumen abgenommen», sagt Aline Raschle lachend, barfuss inmitten des kniehohen Grases. Das Beispiel der Agrarreform zeigt: Die landwirtschaftspolitischen Entscheide von Bundesrat und Parlament wirken sich auf die Haushaltskasse von Familie Raschle aus. Die 45-Jährige verfolgt die nationale Politik denn auch interessiert, «weil sie mich direkt betrifft».

Blickt sie nach Bern, hat Aline Raschle manchmal den Eindruck, dass sich alles auf die Städte konzentriert, und man «jene am Rand» etwas vergisst. Sei es bei der Anbindung an den öffentlichen Verkehr, sei es beim Schulangebot. Sie selber könnte sich ein Leben in der Stadt nicht vorstellen. Auch zum Einkaufen fährt sie lieber nach Schwellbrunn oder Herisau und nur «sehr ogern» nach St. Gallen. Es sind in erster Linie die «vielen Menschen», die Aline Raschle abschrecken. «Zu Hause bin ich dann wieder so richtig frei.»

Auch die Zuwanderung bereitet Aline Raschle Sorgen. Spricht sie über Zuwanderer, dann meint sie weniger die Arbeitskräfte aus der EU, sondern vielmehr jene, die in der Schweiz um Asyl ersuchen. «Ich habe Verständnis für die Menschen, die vor den Verhältnissen in ihrem Heimatland flüchten. Ich habe aber das Gefühl, man müsste dort etwas machen, wo die Menschen herkommen.»

Vorbehalte bei Caroni

Während der Mann für die SVP im Parlament von Appenzell Ausserrhoden politisiert, will sich Aline Raschle keiner Partei zuordnen. Wenig überraschend ist der St. Galler Bauernverbandspräsident Markus Ritter (CVP) einer, der ihr Vertrauen geniesst. Der konkurrenzlose Ausserrhoder Ständeratskandidat Andrea Caroni hat bei Aline Raschle hingegen einen schweren Stand. Gäbe es eine Alternative zum weltgewandten FDP-Politiker, «würde ich mir diese sicher anschauen», sagt sie vielsagend. Die Bäuerin bevorzugt Politiker, die einen handwerklichen Beruf gelernt haben, «die von unten kommen». Sie habe nichts gegen Akademiker, «davon hat es aber schon genug in Bern». Bei den Nationalratswahlen würde sich Aline Raschle derzeit für den Kandidaten der SVP aussprechen.

Wählen will Aline Raschle am 18. Oktober auf jeden Fall. Auch Abstimmungen sind für die stimmberechtigten Mitglieder der Familie Pflicht, wobei das Elternpaar den traditionellen Gang an die Urne der brieflichen Stimmabgabe vorzieht. Früher standen die Urnen in den Aussenbezirken, heute müssen Aline Raschle und ihr Mann nach Schwellbrunn fahren. Wie hat sie gesagt: Jene am Rand nicht vergessen.