Jeder Vierte versteht Texte nicht richtig – doch wie aussagekräftig sind die Resultate der Pisa-Studie?

Die steigende Leseunlust der Schweizer Jugendlichen schlägt sich in der aktuellen Pisa-Studie nieder. Aber ist diese internationale Untersuchung wirklich so aussagekräftig, wie deren Autoren behaupten?

Kari Kälin
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Lesen gehört nicht zu den Stärken der Schweizer Jugend – wobei die Mädchen besser abschneiden als ihre männlichen Altersgenossen.

Lesen gehört nicht zu den Stärken der Schweizer Jugend – wobei die Mädchen besser abschneiden als ihre männlichen Altersgenossen.

Bild: Laurent Gillieron/Key 

Der Import von Büchern und Zeitschriften befindet sich seit den letzten zehn Jahren auf dem Sinkflug: Diese Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung geht üblicherweise im täglichen Nachrichtenmeer unter. Der Zufall wollte es, dass gestern nicht nur die Zollstatistik, sondern auch die neue Pisa-Studie veröffentlicht wurde. Deren Ergebnis ist ein Spiegelbild der schwindenden Büchereinfuhr: In hiesigen Schulzimmern sitzen immer mehr Lesemuffel. Noch um die Jahrtausendwende blätterten zwei Drittel der 15-Jährigen aus purer Freude in Büchern, Zeitschriften und dergleichen. Im Jahr 2018 vergnügte sich damit nur noch die Hälfte. Stattdessen lesen die Schüler vermehrt, um praktische Bedürfnisse zu stillen: In Online-Foren oder via Chats, heisst es in der nationalen Ausgabe des Pisa-Berichts, würden sie sich Freizeittipps, Kochrezepte oder Fahrpläne organisieren. Oder anders formuliert: Wort- und Satzfetzen auf dem Smartphone ersetzen vermehrt die gepflegte Sprache der Literatur.

Die Leseunlust breitet sich in der Schweiz rasanter aus im Schnitt der OECD-Länder. Das sei besorgniserregend. Denn Schüler mit einer ausgeprägten Lesefreude würden beim Pisa-Lesetest deutlich besser abschneiden, schreiben die Studienautoren.

Schweizer Buben fallen beim Lesen zurück

An der Pisa-Studie beteiligen sich die Länder der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). Gemessen wurden die Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft. Beim Rechnen schneiden die Schweizer Schüler im internationalen Vergleich hervorragend ab, auch bei den Naturwissenschaften lassen sich die Zahlen sehen.

Das Sorgenkind bleibt das Lesen. Dort landen die Schüler, umgeben von Ländern wie Italien, Österreich oder Tschechien, bloss im Mittelfeld. Gegenüber der letzten Erhebung im Jahr 2015 verringerte sich die Lesekompetenz der Schüler zwar nicht signifikant. Aber im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten büssten sie an Terrain ein. Zudem stieg der Anteil der ausgesprochen schlechten Leser um 4 auf 24 Prozent. Das bedeutet: Jeder vierte Schweizer Schüler ist ausserstande, die Herausforderungen im Alltag und Berufsleben zu meistern. Lesekompetenz bedeutet, dass man Texte versteht, wichtige Informationen aus ihnen herausfiltert und sie bewerten kann.

Die Mädchen erwiesen sich als signifikant besser als die Buben. Die Studienautoren vermuten, dass die jungen Frauen über geschicktere Lernstrategien verfügen und generell motivierter sind. Wenig überraschend begünstigt die soziale Herkunft den Leseerfolg: Kinder aus bildungsfreundlichen Häusern überflügeln ihre Gspänli, die in Familien mit tieferem wirtschaftlichen, sozialem und kulturellem Status leben. Kinder mit erbringen denn auch signifikant schwächere Leseleistungen. Je länger Familien mit Migrationshintergrund in der Schweiz leben, desto stärker holen sie auf.

Tipp an die Eltern: Lest den Kleinen Geschichten vor

Geben die Befunde Anlass zu Beunruhigung? Walter Herzog ist emeritierter Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Bern. Die Pisa-Studien, sagt er, soll man nicht zum alleinigen Massstab hochstemmen. In Schweizer Studien zeigten die Schüler in der Regel ordentliche Resultate. Herzog weist darauf hin, dass die Kantone erst kürzlich Ergebnisse präsentierten, welche der Pisa-Studie widersprechen. Bei der Überprüfung der sogenannten Grundkompetenzen fielen die Mathematik-Kenntnisse unbefriedigend aus, dafür zeigten die Schüler gute Sprachfertigkeiten.

Herzog plädiert dafür, die Pisa-Studie und die Überprüfung der Grundkompetenzen so zu gestalten, dass sie künftig besser vergleichbar sind. Pisa gebe Hinweise, in welchen Bereichen man beim Unterricht Überlegungen hinsichtlich Verbesserungen anstellen müsse. Wenn jemand bei der Berufslehre über die fehlende Lesekompetenz stolpere, sei das problematisch. Möglicherweise beeinflussten die digitalen Medien die Fähigkeiten des Textverständnisses negativ. «Die Jugendlichen kommunizieren viel, aber nicht in Standardsprache.» Die Lesekompetenz zu verbessern, sei nicht einfach. Potenzial dafür ortet Herzog zum Beispiel in der Frühförderung der fremdsprachigen Kinder.

Diesen Aspekt streicht auch der Lehrerverband hervor. In einer Medienmitteilung identifiziert er Handlungsbedarf bei der Frühförderung, in welche die Schweiz im internationalen Vergleich zu wenig investiere. Zudem brauchten Fachlehrer für «Deutsch als Zweitsprache» genügend Lektionen zur Unterstützung fremdsprachiger Kinder.

Die mangelhafte Lesefähigkeiten zahlreicher Kinder bereitet auch Silvia Steiner Sorgen. Die Zürcher Regierungsrätin und Präsidentin der kantonalen Erziehungsdirektoren sagt: «Wir müssen die Bemühungen bei der frühen Förderung noch verstärken.» Man wisse heute, dass Kinder, die früh mit Büchern und Geschichten in Kontakt kämen, später einfacher lesen lernten. Hier seien auch die Eltern gefordert. «Ein einfaches, aber sehr effektives Mittel ist das Vorlesen von Geschichten», ist die Zürcher CVP-Politikerin überzeugt.

Professor stellt Bedeutung der Pisa-Ranglisten infrage

Einer, der gar nichts mit der Pisa-Studie anfangen kann, ist Mathias Binswanger. Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz kritisiert, solche Tests führten zu einem Ranglistendenken. «Wenn dieses Überhand nimmt, richtet man die Lerninhalte auf ein gutes Abschneiden bei der Pisa-Studie aus», sagt er. Die Fähigkeiten in Mathematik liessen sich noch relativ gut messen, bei der Lesekompetenz werde das sehr schwierig. Dass sich die Schweiz mit ihrem relativ hohen Ausländeranteil nicht in der Spitzengruppe wiederfinde, erstaune nicht.

Für Binswanger liefern die Testergebnisse keinen Anlass zur Beunruhigung. Die Schweiz sei seit Jahrzehnten ein erfolgreiches Land. In der Tat zeichnet sie sich zum Beispiel durch eine tiefe Jugendarbeitslosigkeit aus. Die praxisnahe Berufsausbildung sei ein Trumpf. «Der Pisa-Test sagt bloss aus, wie gut die Schüler diese Testaufgaben bewältigen», sagt Binswanger. Dass China, Singapur und andere asiatische Länder die Schweiz in allen Sparten überflügeln, bereitet ihm keine Sorgen. «In Asien wird viel auswendig gelernt. Die gute Performance dieser Länder deutet darauf hin, dass die Schüler mit Aufgaben vertraut sind, wie sie im Pisa-Test vorkommen.»

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