Jeder vierte ist fremdenfeindlich

In der Schweiz ist die allgemeine Fremdenfeindlichkeit gemäss einer gestern veröffentlichten Studie in den letzten Jahren gesunken. Das gilt ganz besonders für negative Haltungen gegenüber Moslems.

Denise Lachat
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BERN. Fremdenfeindlich, die Schweizerinnen und Schweizer, rassistisch gar? Für eine Minderheit der Bevölkerung gilt dies, grösser geworden ist sie in den letzten Jahren aber nicht: Das zeigt eine gestern präsentierte Pilotstudie des Forschungsinstituts gfs.bern zum Zusammenleben in der Schweiz. Drei Mal, im Frühling 2010, 2012 und 2014, haben die Studienleiter je 1000 Schweizerinnen und Schweizer sowie 700 Ausländerinnen und Ausländer in persönlichen, einstündigen Interviews zum Thema befragt. Dabei zeigt sich, dass die Ablehnung bestimmter Gruppen von Menschen in der Nachbarschaft 2010 noch 17 Prozent erreichte; 2012 waren es 8, im Mai 2014 dann 13 Prozent.

EU-Nachbarn akzeptiert

Für diese Befragten «spielt es eine Rolle», welche Nationalität, Sprache, Religion und Hautfarbe ihre Nachbarn haben. Systematisch durch die Anwesenheit von Fremden gestört fühlen sich allerdings nur sechs Prozent. Eine Rolle spielt die Nationalität auch am Arbeitsplatz, und hier steigt die Tendenz. Für 27 Prozent der Befragten ist es nicht unwichtig, mit welchen Nationalitäten sie im Berufsleben möglicherweise zusammenarbeiten; 2010 galt das nur für 18 Prozent. Das trifft allerdings nicht alle Nationalitäten gleich. Mit Berufskollegen aus der direkten EU-Nachbarschaft können sich die meisten eine Zusammenarbeit vorstellen. Problematischer erscheint dies mit Albanern, Arabern, Türken, Afrikanern und Russen.

Insgesamt hat die Fremdenfeindlichkeit abgenommen, und zwar von 30 auf 24 Prozent – unter dem Strich bleibt damit aber doch jeder vierte Befragte fremdenfeindlich eingestellt. Ausländer sind nur ganz selten fremdenfeindlich, bei den antisemitischen Einstellungen unterscheiden sie sich hingegen kaum von den Schweizern. Mit rund zehn Prozent sind judenfeindliche Einstellungen insgesamt aber viel weniger verbreitet, als es die Moslemfeindlichkeit ist. Diese erreicht laut der Studie 20 Prozent der Bevölkerung, 38 Prozent verspüren eine allgemeine Skepsis gegenüber dem Islam. Diese Skepsis äussert sich primär in einem angenommenen Rückhalt von Terroristen, der Ansicht, dass überall die Sharia durchgesetzt werden soll und dass Moslems die Weltherrschaft anstreben würden. Die Islamskepsis ist aber rückläufig: 2010 betrug sie noch 45 Prozent. Noch ausgeprägter ist der Rückgang bei den negativen Stereotypen gegenüber Moslems, von 45 auf 19 Prozent. Die Verfasser der Studie sehen eine mögliche Erklärung in den Diskussionen um die Minarett-Initiative vom November 2009, welche die öffentliche Wahrnehmung des Islams zu jenem Zeitpunkt negativ beeinflusst hat. Es ist darum nicht auszuschliessen, dass dieser Anteil nach den Attentaten von Paris wieder höher liegt. Oder im Falle eines Abstimmungskampfs etwa über eine Burka-Initiative wieder zunehmen könnte, wie die Verfasser der Studie einräumen. «Mit einer erneuten Alimentierung moslemfeindlicher Haltungen durch den öffentlichen Diskurs ginge höchstwahrscheinlich ein genereller Anstieg rassistischer oder fremdenfeindlicher Haltungen einher.»

Künftig alle zwei Jahre

Die Studie ortet fremdenfeindliche Tendenzen stärker am rechten politischen Rand, auf dem Land, bei Männern und bei älteren Personen. Interessant ist zudem die Feststellung, dass eigene Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen eine Rolle spielen, die Konfessionszugehörigkeit aber kaum. Das Monitoring zum Zusammenleben in der Schweiz steht unter der Leitung der Fachstelle für Rassismusbekämpfung. Es soll künftig im Rahmen der Volkszählung vom Bundesamt für Statistik alle zwei Jahre durchgeführt werden.

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