Jeder Lernschritt ein «Chrampf»

Primarschülerinnen und Primarschüler müssen Englisch und Französisch lernen. Der Lernaufwand sei riesig, die Nachhaltigkeit aber minimal, sagt die St. Galler Primarlehrerin Ursula Z'graggen. Sie und ihre Kollegen würden die zweite Fremdsprache deshalb lieber als Wahlfach anbieten.

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«Für einige Kinder ist jeder Lernschritt ein Chrampf» – Lehrerin Ursula Z'graggen übt mit ihrer Klasse an der St. Galler Primarschule St. Leonhard Vokabeln und Grammatik. (Bild: Coralie Wenger)

«Für einige Kinder ist jeder Lernschritt ein Chrampf» – Lehrerin Ursula Z'graggen übt mit ihrer Klasse an der St. Galler Primarschule St. Leonhard Vokabeln und Grammatik. (Bild: Coralie Wenger)

ST. GALLEN. Trommelnd gibt Ursula Z'graggen den Rhythmus vor. «Je vais, tu vas, il va, elle va» – die sieben Schülerinnen und Schüler der Klasse 6a der St. Galler Primarschule St. Leonhard konjugieren eifrig im Chor. Gemeinsam klappt es gut, alleine holpert es oft.

«Es ist für viele Kinder ein ständiges Strecken nach zu hohen Zielen», sagt Klassenlehrerin Ursula Z'graggen. Die Schüler müssten laut Lehrplan so viel können, weniger Stoff wäre sinnvoller. Französisch als Wahlfach? Im St. Leonhard wäre das willkommen.

Grosse Unterschiede im Sprachniveau

«Einige Kinder lernen fünf Sprachen», sagt Ursula Z'graggen. Muttersprache, Schweizerdeutsch, Deutsch, Englisch und ab der fünften Klasse Französisch. Da letzteres ein Leistungsfach in der Probezeit der weiterführenden Schulen ist, kann es nicht rein spielerisch behandelt werden. Einigen Kinder fällt es schwer, den Stoff zu bewältigen. Die Unterschiede im Sprachniveau sind gross. Um individueller auf die Bedürfnisse eingehen zu können, werden die 15 Kinder der 6a abwechslungsweise in zwei Gruppen unterrichtet.

Peter Eugster begrüsst die andere Gruppe auf Französisch, auf dem Fussboden hat er Zettel verteilt mit Ortsangaben. Forêt, cinéma oder café. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich gegenseitig lotsen, à droite du restaurant, tourner à gauche. «Sans accident s'il vous plaît», ruft Lehrer Eugster. «Süleyman est sous le musée», sagt Noëmi. Süleyman überlegt kurz und legt sich grinsend den mit musée angeschriebenen Zettel auf den Fuss.

Viel Aufwand, wenig Nachhaltigkeit

«Für einige Kinder ist jeder Lernschritt ein Chrampf», sagt Z'graggen. Der Aufwand sei riesig, die Nachhaltigkeit teils minimal. Französisch brauche früh Regelwissen, mehr als Englisch.

In den zwei Schulstunden pro Woche müsse mit grossem Einsatz gepaukt werden. Und wenn es an die Benotung geht, bleibt Z'graggen oft nichts anderes übrig, als zu enttäuschen und demotivieren. Das schmerzt die engagierte Lehrerin. Denn sie hat eigentlich Freude am Unterrichten hat und mag Französisch – wie ihre Klasse auch.

Stoff von zwei Jahren in acht Wochen

«Die, die leicht lernen, lernen Französisch auch in der Oberstufe», sagt Ursula Z'graggen. Das, was in der Primarschule mühsam in zwei Jahren eingebleut wird, ist in der Sekundarschule der Stoff von acht Wochen. Die zwei Stunden Französischunterricht liessen sich sinnvoller nutzen, zum Beispiel mit zwei Lektionen Deutsch.

Schulleiter Urban Fuchs findet die Überlegung, Französisch als Wahlfach anzubieten, sinnvoll. «Wir haben Kinder, die davon profitieren würden», sagt er. Bei einzelnen wäre es besser, Deutsch zu fördern anstelle von Französisch. Der Anteil ausländischer Kinder in der Primarschule St. Leonhard beträgt rund 40 Prozent – gemessen an der Nationalität. «Chancengerechtigkeit heisst nicht, dass jeder in gleich vielen Sprachen unterrichtet wird», sagt Fuchs. Die Beherrschung der deutschen Sprache sei entscheidender als die Frage, ob ein Kind ein wenig Französisch kann.

Schön, aber schwer

11.40 Uhr, es klingelt, die Schule ist aus. Lehrer Hans Peter Eugster verabschiedet sich, selbstverständlich auf Französisch. «Macht Spass», «schön…», «…aber schwer» – beantworten die Schüler die Journalistenfrage. Sogar Hadi, der sich so abmühte mit der korrekten Aussprache, strahlt und findet, Französisch sei cool. Luxsana erzählt, sie sei schon mal in Paris gewesen, Selam in Genf – verstanden hätten sie dort wenig. Ob die zwei Jahre Unterricht in der Primarschule daran etwas ändern? Julia Nehmiz