Japan durchlebt eine zweite Coronavirus-Welle – mit diesen Szenarien rechnet man in der Schweiz

Was passiert nach dem 8. Juni? Ein Forscherteam der ETH Lausanne zeigt, wie sehr sich das Beibehalten der Hygiene- und Abstandsregeln auf die Verbreitung des Virus auswirken könnte.

Lea Senn und Jara Helmi / Watson.ch
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Die tragische Situation, wie sie Norditalien zur Spitzenzeit des Coronavirus erleben musste, versucht man wo immer möglich zu verhindern.

Die tragische Situation, wie sie Norditalien zur Spitzenzeit des Coronavirus erleben musste, versucht man wo immer möglich zu verhindern.

Keystone

Es wäre der Worst-Case-Verlauf für die Schweiz: Nachdem alle Geschäfte wieder geöffnet werden und eine Art Normalität einkehrt, steigt die Zahl der Infizierten im Hochsommer wieder stärker an. Eine zweite Infektionswelle erfasst uns und ein zweiter Lockdown wäre unausweichlich.

Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario? Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit möchte darauf vorbereitet sein und hat am Mittwoch im Nationalrat eine Motion eingereicht. Der Bundesrat soll im Hinblick auf eine «potenzielle» Ausbreitungswelle «so rasch wie möglich» Massnahmen evaluieren und vorbereiten.

Bereits damit befasst hat sich ein Forscherteam der ETH Lausanne. Das Team skizzierte drei Szenarien bis im Oktober. Doch zuerst ein Blick ins Ausland, wo manchen Ländern eine zweite Corona-Welle bereits bevorsteht.

Situation in anderen Ländern

Japan war das erste Land nach China, in dem das neuartige Coronavirus auftrat. Mit schnell ergriffenen Massnahmen konnte das Land eine starke Ausbreitung vorerst verhindern. Die Japaner setzten auf Kontaktverfolgungen, freiwilliges Zuhausebleiben und Maskentragen.

Bis zum 21. März steckten sich weniger als 1000 Personen in Japan an. Doch die Disziplin liess trotz milden Massnahmen nach; Immer öfters wurde auf die Maske verzichtet und man feierte sogar Partys.

Diese Nachlässigkeit hatte Auswirkungen auf die Infektionszahlen: Innerhalb von wenigen Wochen ist die Zahl der Infizierten auf aktuell über 14’000 gestiegen. Dieser Anstieg wird bereits als zweite Infektionswelle bezeichnet.

Anfang April rief die Gouverneurin Yuriko Koike dazu auf, öffentliche Veranstaltungen abzusagen und Anlagen zu schliessen. Restaurants und Läden bleiben weiter offen – der Staat appelliert an die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Ausserdem wurde inzwischen für alle Präfekturen Japans der Notstand ausgerufen – nachdem dieser anfangs April nur für Tokio und andere grosse Wirtschaftszentren galt.

Positiv Getestete in Japan:

Am 7. April wurde für 7 der 47 Präfekturen der Notstand ausgerufen. Inzwischen gilt er für ganz Japan.

Am 7. April wurde für 7 der 47 Präfekturen der Notstand ausgerufen. Inzwischen gilt er für ganz Japan.

Screenshot: Watson

In China, Südkorea und Singapur nahmen die Fälle ebenfalls zwischenzeitlich wieder zu. Hier handelte es sich primär um Menschen, die eingereist sind und bereits bei der Einreise mit dem Virus infiziert waren.

Deutschland und Österreich warnen vor zweiter Welle

Auch in den Nachbarländern Deutschland und Österreich wird über die zweite Welle diskutiert. Vor einer Woche hat die Bundeskanzlerin Angela Merkel explizit davor gewarnt. In den vergangenen Tagen ist die Reproduktionszahl in Deutschland wieder leicht gestiegen, von 0,7 auf aktuell 0,9.

Das hänge aber nicht mit der Ladenöffnung zusammen. Der Anstieg stamme vom Osterwochenende, sagt Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gegenüber Zeit Online. Es sei unklar, ob es daran liege, dass die Menschen während den Osterfeiertagen mehr Sozialkontakte hatten. Wäre dem so, könnte man abschätzen, wie sensibel die Reproduktionszahl auf Schwankungen bei der Kontaktzahl reagiere und auf wie dünnem Eis sich die Staaten eigentlich bewegen.

Merkel rechnete bei einer Pressekonferenz vor: Wenn die Reproduktionszahl wieder auf 1,3 steigt, wären möglicherweise bereits im Juni so viele infiziert, dass das Gesundheitssystem massiv überlastet wäre. Auch der Berliner Virologe Christian Drosten sagte im «NDR»-Podcast, dass es ihn nach diesen Lockerungen nicht wundern würde, wenn die Situation im Mai oder Juni schwer kontrollierbar wäre.

Auch in Österreich, wo die Lockerungen schon früher vorgenommen wurden, bleibt man auf der Hut vor einer zweiten Welle. Aktuell soll die Reproduktionszahl in Österreich bei 0,59 liegen. Aber: «Eine zweite Welle ist nicht unrealistisch, im Gegenteil: Man muss davon ausgehen, dass sie auf uns zukommen wird», sagt Eva Schernhammer, Leiterin der Abteilung für Epidemiologie der Medizin-Universität Wien, gegenüber ORF.

Sie geht davon aus, dass das Virus im Herbst zurückkehren wird. Auch, weil sich die Krankheit über die ganze Welt verteilt und auch nach erfolgreicher lokaler Bekämpfung wieder eingeschleppt werden könnte. Der Sommer könnte jedoch helfen, den Virus in Schach zu halten. Um die zweite Welle verhindern zu können, brauche es genügend Kapazitäten, um alle – nicht nur die gefährdeten Personengruppen – möglichst schnell testen zu können, so Schernhammer. In einem zweiten Schritt sei die Kontaktverfolgung und die gezielte Isolation wichtig.

Szenarien für die Schweiz

Droht der Schweiz nun das Gleiche wie Japan? Die Antwort ist einfach: Es hängt davon, ab wie gut die Distanz- und Hygieneregeln hierzulande weiterhin eingehalten werden. Denn dieses Verhalten beeinflusst die Reproduktionszahl R0.

Die Reproduktionszahl R0 lag in der Schweiz zu Spitzenzeiten bei über 2,5. Dank dem Lockdown schätzt ihn die ETH Zürichauf rund 0,7, wie sie gegenüber dem Tages-Anzeiger berichtet. Doch nach den Lockerungen wird dieser Wert wieder steigen. Die Frage ist: Um wie viel?

Ein Expertenteam der ETH Lausanne und der Johns Hopkins University in Baltimore hat für die Schweiz drei mögliche Szenarien durchgerechnet.

Die drei Szenarien im Überblick:

Screenshot: Watson

Beim ersten Szenario gehen die Experten davon aus, dass man ab dem 1. Mai wieder in die Normalität zurückkehrt und auf sämtliche Massnahmen wie Hygiene und Abstandsregeln verzichtet. Schnell wäre man wieder an einem ähnlichen Punkt wie Anfang März, als das Virus in der Schweiz Fahrt aufnahm.

Beim zweiten Szenario geht man davon aus, dass die Reproduktionszahl durch die Lockerungen zwar ebenfalls steigt, sich aber auf ungefähr 1,5 einpendelt.

Das optimistischste Szenario ist die Nummer drei: Hier schafft man es, R0 auf 1,2 zu drücken. Und dieses hält Jacques Fellay, Mitglied des Autorenteams der ETH Lausanne, gegenüber dem «Tages-Anzeiger» für «sehr realistisch».

Warum nicht eine Reproduktionszahl unter 1?

Die Reproduktionszahl R0 unter 1 zu halten, wäre auf den ersten Blick die beste aller Varianten. Wenn jeder Infizierte weniger als eine weitere Person ansteckt – wie es zurzeit in der Schweiz der Fall ist – wäre das Virus bald ausgerottet.

Haltbar ist das auf Dauer aber nur mit den aktuell sehr strengen Massnahmen. Diese müssten über viele Monate hinweg andauern. Das ist aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht keine Option.

Mit einem R0-Wert von knapp über 1 steigt die Kurve zwar nochmals an, irgendwann flacht sie jedoch wieder ab, weil ja auch die Gruppe der potentiellen Virenträger (also Leute, die noch nicht immun sind) im Verlauf kleiner wird. Noch immer gilt dabei: Die Kurve soll so flach wie möglich sein, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

Prognosen

Die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem

Die Experten haben für jedes Szenario mehrere Simulationen mit unterschiedlichen Parametern berechnet.

Screenshot: Watson

Dabei sticht das Szenario 1 sofort ins Auge: Würden wir alle Massnahmen aufheben, würde uns die zweite Welle im Juni mit grosser Wucht treffen: Zu Spitzenzeiten müssten bis zu 30'000 Personen hospitalisiert werden.

Beim optimistischen Szenario 3 mit einer Reproduktionszahl von 1,2 wäre der Peak der zweiten Welle gegen Ende des Sommers ähnlich hoch wie Anfang April. Allerdings würde sich die Welle über mehrere Monate hinstrecken. Die Skala des Forschungsteams geht bis Oktober 2020 – die Kurve ist aber dann noch nicht vollständig abgeflacht.

Wie viele müssten auf die Intensivstation?

Natürlich interessiert vor allem, wie viele dieser Hospitalisierten auf eine Intensivstation verlegt werden müssten.

Dank der Aufrüstung in den letzten Wochen verfügt die Schweiz über rund 2000 Betten auf Intensivstationen. Bei einem Szenario 2 (also einem R0-Wert von 1,5) könnten knapp alle Personen versorgt werden, die eine Behandlung auf der Intensivstation brauchen.

Screenshot: Watson

Ohne weitere Hygiene- und Abstandsmassnahmen käme man laut dem Modell der Experten in eine ähnliche Situation wie in Norditalien: Ärzte müssten triagieren.

Wie viele wären infiziert? – Prognose Infizierte bis 15. September

Wie viele Menschen in der Schweiz würden sich denn überhaupt mit dem Coronavirus anstecken? Zurzeit hat die Schweiz rund 30'000 Personen positiv getestet – dazu kommt eine schwer abzuschätzende Dunkelziffer. Die Prognose der ETH Lausanne zeigt für den Zeitraum bis zum 15. September 2020 folgende Szenarien:

Jede abgebildete Person steht für eine Million Personen – alle zusammen stehen sie für die gesamte Bevölkerung der Schweiz (rund 8,5 Millionen).

Jede abgebildete Person steht für eine Million Personen – alle zusammen stehen sie für die gesamte Bevölkerung der Schweiz (rund 8,5 Millionen).

Screenshot: Watson

Wie viele würden sterben? – Prognose Todesfälle bis 15. September

Und wie viele würden an COVID-19 sterben? Zur Erinnerung: Zurzeit verzeichnet die Schweiz rund 1'732 Todesfälle.

Jede abgebildete Person repräsentiert eine Anzahl von 1000 Personen. Die Menschen-Gruppe bildet jedoch im Gegensatz zur obigen Grafik nicht die gesamte Bevölkerung ab.

Jede abgebildete Person repräsentiert eine Anzahl von 1000 Personen. Die Menschen-Gruppe bildet jedoch im Gegensatz zur obigen Grafik nicht die gesamte Bevölkerung ab.

Screenshot: Watson