IV-Detektive filmen Hooligans

Die Swiss Football League setzt im Kampf gegen Gewalt in Stadien neu auf verdeckte Ermittler. Juristisch begibt man sich damit auf heikles Terrain. Beauftragt wurde eine Firma, die auch bei Sozialhilfemissbrauch zum Einsatz kommt.

Kari Kälin
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Provozierten beim Spiel in Basel einen Unterbruch: Anhänger des FC Zürich am vergangenen 12. April. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Provozierten beim Spiel in Basel einen Unterbruch: Anhänger des FC Zürich am vergangenen 12. April. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

BERN. Sie sind so gross wie eine Lippenpomade und werden immer wieder in Stadien geschleust: Pyros halten Polizei und Clubs seit Jahren auf Trab. Trotz des Anti-Hooligan-Konkordats, trotz Videoüberwachung und anderen Massnahmen kommt es rund um Fussballspiele immer wieder zu Gewaltausbrüchen. Am 12. April zum Beispiel schleuderten Anhänger des FC Zürich in Basel so viele Petarden auf den Rasen, dass der Schiedsrichter das Spiel für eine Viertelstunde unterbrach.

Es drohen Stadionverbote

Was die Chaoten nicht ahnen konnten: Während der Partie, die 5:1 für den FC Basel ausging, fand nicht nur eine herkömmliche Videoüberwachung statt. Vielmehr überwachte ein Dreierteam, ausgerüstet mit besten Foto- und Videokameras, die Chaoten aus sicherer Distanz. Allein während dieses Spiels konnten dank der verdeckten Aufnahmen 26 Fehlbare identifiziert werden und der Polizei gemeldet werden. Sie müssen nun mit einem Stadionverbot und strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Die Massnahmen, welche die Swiss Football League (SFL) seit Anfang März dieses Jahres im Rahmen des Pilotprojekts «Focus one» umsetzt, kosten rund 100 000 Franken und sind bis Ende Saison befristet. «Wir wollen konsequent Einzeltäter identifizieren. Das ist zielführender als Kollektivstrafen», sagte SFL-Präsident Heinrich Schifferle an einer Pressekonferenz. Für die Überwachung konnte die SFL eine Firma gewinnen, die Erfahrung im Bereich der Missbrauchsbekämpfung bei Sozialversicherungen aufweist. Kurzum: IV-Detektive enttarnen jetzt Randalierer. Bis jetzt wirkten sie an sieben Liga- und Cupspielen und ertappten dabei insgesamt 35 Chaoten. Um welche Spiele es sich gehandelt hatte, wurde gestern nicht bekanntgegeben. Die Aufnahmen sind von höherer Qualität als jene der Stadionkameras. Es ist zum Beispiel möglich, einen Täter anhand einer Tätowierung zweifelsfrei zu enttarnen.

Datenschutz eingeschaltet

Die SFL begibt sich mit ihrem neuen Ansatz zur Gewaltbekämpfung auf rechtlich heikles Terrain. Gemäss dem Datenschutzgesetz dürfen verdeckte Aufnahmen nur dann gemacht werden, wenn ein überwiegendes privates oder öffentliches Interesse vorhanden ist. Ein solches Interesse ist zum Beispiel die Aufklärung schwerer Gewaltdelikte. Ob Gerichte im Streitfall verdeckte gemachte Aufnahmen als Beweismittel zulassen würden, ist offen. Je schwerer die Tat, desto eher dürfte die Justiz die Aufnahmen akzeptieren. Die Frage, ob die SFL-Methode rechtlich überhaupt zulässig ist, ist laut Rechtsexperten äusserst komplex und darum schwierig zu beantworten. Die SFL hält ihr Vorgehen für legal. Sie liess dafür auch rechtliche Abklärungen durch ein Anwaltsbüro treffen. Die SFL schaltete zudem den Eidgenössischen Datenschutz ein. Das Resultat: Die SFL setzt Polizei und Behörden über die verdeckten Aktivitäten ausschliesslich bei Hochrisikospielen ins Bild, fotografiert und gefilmt werden nur Gewaltakte, bloss wenige Leute haben Zugriffe auf die Bilder, und diese werden nicht länger als nötig aufbewahrt.

Probleme bereitet der SFL bis jetzt die verdeckte Ermittlung ausserhalb der Stadien. Nicht immer haben sie dafür von den zuständigen Behörden die Bewilligung erhalten. Ob die SFL in der kommenden Saison das Pilotprojekt fortsetzt, ist noch offen. SFL-CEO Claudius Schäfer liess durchblicken, dass dies durchaus der Fall sein könnte. Er warnt aber vor übertriebenen Erwartungen: «Ich kann nicht versprechen, dass künftig negative Schlagzeilen ausbleiben.»

Abschreckende Wirkung

Dölf Brack wirkte bis Ende der Saison 2010/11 als Sicherheitsinspizient der SFL und kritisierte oft, die SFL unternehme zu wenig gegen die Gewalt. Nun lobt er das neue Rezept der Fussballverantwortlichen Es entfalte eine abschreckende Wirkung, weil Täter nun stärker damit rechnen müssen, enttarnt zu werden. «Ich hoffe, dass nun andere Schritte wie reine Sitzplatzstadien folgen, damit man als Familie wieder einen Fussballmatch geniessen kann», sagt er.

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