Italien: Reform beendet die «Dolce Vita»

Dominik Straub, Rom
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Umbau Es war die einschneidendste Reform der letzten Jahrzehnte: Als die Regierung des Wirtschaftsprofessors Mario Monti wenige Wochen nach Amtsantritt im November 2011 im Rahmen des Sanierungspakets «Rettet Italien» eine Neuordnung des Rentensystems verabschiedete, wurde die bisher herrschende «Dolce Vita» der Altersversorgung in Italien brüsk und radikal beendet. Lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter zuvor bei etwa 60 Jahren, lautete das Fernziel plötzlich: Rente mit 70.

Das Rentenalter für Männer wurde sofort auf 66 Jahre angehoben, jenes der Frauen auf 62. Inzwischen ist das Eintrittsalter für Frauen fast demjenigen der Männer angeglichen worden. Bis 2019 wird für beide Geschlechter Rentenalter 67 gelten. Weitere Erhöhungen werden durch die automatische Anpassung an die steigende Lebenserwartung erfolgen; damit wird es in den kommenden Jahren auf bis zu 70 Jahre steigen. Beschleunigt hat Monti auch die schon von der Regierung Dini 1995 beschlossene, aber nur teilweise umgesetzte Umstellung vom kostspieligen Leistungs- auf das Beitragsprimat.

Ausgaben gingen um sieben Prozentpunkte zurück

Montis Reform hat Früchte getragen: Machten die Renten 2011 noch 32 Prozent der Staatsausgaben aus, sind es heute weniger als 25 Prozent. Das ist im Vergleich zu den OECD-Ländern immer noch relativ viel, obwohl 63 Prozent der ausbezahlten Renten unter 750 Euro pro Monat liegen und die Minimalrente mit 501,89 Euro auch nicht gerade üppig ausfällt. Das Problem sind die zahlreichen, zum Teil noch relativ jungen Rentner, die vor dem Inkrafttreten der Monti-Reform in Pension gegangen sind. Alitalia-Piloten konnten damals mit 45 Jahren in Rente gehen.

Regierung Renzi hat Bedingungen gelockert

Dank hoher Lohnabzüge ist das Rentensystem solide finanziert. Doch es besteht die Gefahr, dass das Rad der Reformen zurückgedreht wird: Bereits die Regierung von Matteo Renzi hat die verschärften Bedingungen für die Frühpensionierungen gelockert, und die aktuelle Regierung von Paolo Gentiloni sucht nach einer «Exit-Strategie», um die nach 2019 drohende Erhöhung des Rentenalters auf über 67 Jahre zu verhindern. Werde dies nicht durch eine entsprechende Rentenkürzung ausgeglichen, drohe bis 2035 ein Loch von 140 Milliarden Euro, warnte kürzlich der Chef der staatlichen Rentenversicherung.

Die grösste Schwäche des Systems ist das Fehlen einer robusten 2. Säule. Die berufliche Vorsorge besteht darin, dass die Unternehmen einen Teil des Lohns einbehalten, der am Ende des Arbeitsverhältnisses ausbezahlt wird. Das «Trattamento di fine rapporto» (TFR) beträgt in der Regel mehrere zehntausend Euro und wird in einem Mal ausbezahlt. Ist es einmal weg, muss die staatliche Rente reichen. Seit 2007 dürfen die Arbeitnehmer zwar entscheiden, ob sie das TFR der Firma anvertrauen oder in eine Pensionskasse einzahlen. Von der Option Pensionskasse machen aber nur wenige Gebrauch.

Dominik Straub, Rom