Ist das verantwortungslos? Die geheimen Bundesrats-Handys sind mit Hardware von Crypto verschlüsselt

Viola Amherd und Ueli Maurer nutzen ihr iPhone oft. Anders als das geheime Bundesrats-Handy. Amherd hat es noch gar nie benutzt. Es ist mit Verschlüsselungs-Technologie der Crypto International AG geschützt. Jener Crypto, die bis 2018 im Besitz der CIA war.

Othmar von Matt und Stefan Schmid
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Ueli Maurer zeigt an einer Medienkonferenz sein iPhone.

Ueli Maurer zeigt an einer Medienkonferenz sein iPhone.

Keystone

Der Chip gleicht einer simplen Speicherkarte, wie man sie für ein Samsung-Handy verwendet. Er wird auch genauso ins Handy gesteckt.

Die Mikro SD Karte Crypto Mobile HC-9100 kann unendlich viel mehr. Mit ihr besitze man «die kleinste Hochsicherheits-Verschlüsselungs-Plattform der Welt», schreibt die Crypto International AG. Sprachkommunikation werde «in maximalem Ausmass» geschützt – durch einen Hardware-Prozessor auf dem Chip. Und sollte das Handy «in falsche Hände geraten, kann niemand auf die Daten zugreifen, die auf der Karte gespeichert sind».

Der hoch entwickelte Verschlüsselungs-Chip der Crypto.

Der hoch entwickelte Verschlüsselungs-Chip der Crypto.

ZVG

Den hoch entwickelten Verschlüsselungs-Chip sollen die Bundesräte auf ihren verschlüsselten Krypto-Handys benutzen, sagt eine Quelle aus dem Nachrichtendienst-Milieu. Auch das Kader des Nachrichtendienst des Bundes (NDB) verwende den Chip der Crypto International AG in Steinhausen. Das ist die internationale Nachfolgeorganisation der Crypto AG, die bis 2018 von der CIA geführt wurde.

Tatsächlich Verschlüsselungs-Hardware von Crypto

Recherchen zeigen: Die Bundesräte verwenden auf ihren Krypto-Handys tatsächlich Verschlüsselungs-Hardware der umstrittenen Crypto International AG. Das bestätigen sehr gut informierte Kreise. Ob es sich tatsächlich um den Chip Crypto Mobile HC-9100 handelt, lässt sich aber nicht verifizieren.

Damit stellt sich die Frage: Handelt die Regierung verantwortungslos, wenn sie noch immer mit Verschlüsselungstechnologie der Crypto telefoniert? Die Antwort: Beim Verteidigungsministerium (VBS), das die geheimen Bundesrats-Handys hütet, weiss man seit langem, wie heikel  die Verschlüsselungstechnologie der Crypto ist. Man hat den Artikel von Frank Garbely von 2015 auf Infosperber genau zur Kenntnis genommen. Er beschrieb dort detailliert, wie die Nachrichtendienste der USA und Deutschlands mit Hilfe der Zuger Firma Crypto AG jahrelang andere Länder ausspionierten.

Technisch abgeändert - aus Sicherheitsgründen

Recherchen zeigen weiter, dass die Führungsunterstützungsbasis (FUB) die heiklen Verschlüsselungsgeräte der Crypto AG von vornherein technisch so abgeändert hat, dass sie sicher sind. Zwar soll die Schweiz gemäss den Enthüllungen von «Rundschau», ZDF und «Washington Post» von der Crypto AG Geräte ohne Hintertüre erhalten hat. In der FUB gilt aber bei Anschaffungen das Prinzip: Traue niemandem.

Zu den geheimen Bundesrats-Handys will niemand etwas sagen. «Es gibt geschützte Kommunikation für den Bundesrat», sagt Bundesrats-Sprecher André Simonazzi. «Aus Sicherheitsgründen geben wir darüber aber keine Auskunft.» Und VBS-Kommunikationschef Renato Kalbermatten hält generell fest, es seien in der Bundesverwaltung Geräte der Firma Crypto im Einsatz.

Zum Beispiel rund 1000 Verschlüsselungsgeräte, die das Bundesamt für Rüstung 2015 für den Aufbau des «Führungsnetzes Schweiz» beschafft hat - für gut 60 Millionen. Auch vor und nach 2015 gab es Beschaffungen bei Crypto.

Threema ist die wichtigste App für normale Handys

«Gemäss heutigem Kenntnisstand können Schwächen in den an Schweizer Behörden gelieferten Verschlüsselungssystemen ausgeschlossen werden», sagt Kalbermatten. «Deren Prüfung wurde in den vergangenen Wochen erneut auf mögliche Sicherheitslücken analysiert.» Bundesräte benützen sowieso sehr selten das Krypto-Handy, wie das Beispiel von Viola Amherd zeigt. Sie telefoniere fast nur mit dem iPhone, sagte die Verteidigungsministerin in «10vor10». Im ersten Jahr brauchte sie es nie.

Für die Kommunikation von Inhalt, der als vertraulich klassifiziert wurde, darf in der Bundesverwaltung inzwischen auch die App Threema Work benützt werden, wie Gisela Kipfer vom Informatiksteuerungsorgan des Bundes (ISB) sagt. Sie löste 2019 die Verschlüsselungsapp Ianus ab, die das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) 2012 in Eigenregie entwickelt hatte. Nur noch privat genutzt werden darf hingegen WhatsApp.

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