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Investigative Grossrecherchen: Der blinde Fleck der neuen Journalismus-Netzwerke

Investigative Recherchen in internationalen Medienverbünden machen Schlagzeilen. Die problematischen Seiten dieser neuen Journalismusform werden ausgeblendet.
Christian Mensch
Whistleblower landen mit ihren Geschichten nicht selten auf den Titelseiten von Zeitungen und Magazinen weltweit. (Bild: Alamy/PD (Montage))

Whistleblower landen mit ihren Geschichten nicht selten auf den Titelseiten von Zeitungen und Magazinen weltweit. (Bild: Alamy/PD (Montage))

Rui Pinto ist vor vier Wochen von Ungarn an Portugal ausgeliefert worden. Der 21-Jährige hatte gehackte Datensätze von Fussballfunktionären zusammengetragen und sie einem Medienkonsortium unter dem Lead des «Spiegels» zur publizistischen Auswertung überlassen. Für die Medien ist er ein Whistleblower, der Zivilcourage beweist, um den Sumpf des Weltfussballs trockenzulegen. Für die portugiesische Justiz ist Pinto ein Krimineller, der sich widerrechtlich Daten ­beschafft hat. Der Fall Pinto zeigt exemplarisch einen blinden Fleck der Investigativrecherche neuerer Prägung: Die zentrale journalistische Frage des «cui bono» – wem nutzt eine Indiskretion? – ist weitgehend ausser Kraft gesetzt, wenn die zugespielten Informationen eine brisante Geschichte versprechen.

Pinto steht mit seinen «Football ­Leaks» in einer langen Tradition. Daniel Ellsberg, ein hochrangiger Mitarbeiter des US- Verteidigungsministeriums leakte 1971 der «New York Times» die «Pentagon Papers», die Unliebsames zum ­Vietnam-Krieg ans Licht brachten. FBI-Agent William Felt war 1973 als «Deep Throat» die wichtigste Quelle der «Washington Post» für deren «Watergate»-Recherche, die zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon führte. Computeranalyst der US-Streitkräfte Bradley (Chelsea) Manning spielte 2010 der Plattform Wikileaks ein vom US-Militär zurückgehaltenes Video zu Luftangriffen in Bagdad zu. Edward Snowden griff als Mitarbeiter Daten des Geheimdienstes NSA ab, die er dem «Guardian» sowie der «Washington Post» zukommen liess.

Beinahe im Monatstakt werden konzertierte Skandalgeschichten auf die Reise geschickt. Anfang März berichteten die Tamedia-Zeitungen über den «Troika Laundromat», über die Geldwäscherei russischer Geschäftsleute. 18 vorwiegend europäische Medien beteiligen sich an der Kampagne, die vom «Organized Crime and Corruption Reporting Project» (OCCRP) koordiniert ist. Grundlage seien 1,3 Millionen geleakte Banktransaktionen, heisst es auf der begleitenden Website. Das jüngste Beispiel investigativer Grossrecherche enthält die Ingredienzen, die häufig solchen Kampagnen eigen sind: Die Umstände des Datenlecks sind unklar; Ausgangspunkt ist eine grosse, meist unstrukturierte Datenmenge; eine zwischengeschaltete Organisation übernimmt die technische Aufbereitung; die Berichterstattung erfolgt multinational, multimedial und zeitlich abgestimmt.

Immer mehr Daten

Die neuen Instrumente der forensischen Informatik und des Datenjournalismus ermöglichen es, grosse Datenmengen grafisch aufzubereiten, wie bei den «Panama Papers», oder sie mit Algorithmen nach Auffälligkeiten zu durchsuchen, und treiben die Entwicklung voran. Für diese komplexe Arbeit haben sich Intermediäre gebildet wie das OCCRP, das die Kampagne «Troika Laundromat» betreut. Das Antikorruptionsprojekt gehört der US-Gesellschaft Journalism Development Network Inc., die gemäss vorliegenden Geschäftsberichten in den vergangenen Jahren wesentlich von der US-Regierung finanziert wurde.

Das Projekt ist auch Teil eines verwirrenden Netzes von miteinander verbundenen Verbandsorganisationen, die sich dem investigativen Journalismus verschrieben haben. Weitgehend unabhängig von Konzernstrukturen, aber weitgehend einig in ihrer ideologischen Ausrichtung haben sie die Globalisierung des traditionell national strukturierten Journalismus befördert. Die einflussreichste ist das mittlerweile zwanzigjährige «International Consortium of Investigative Journalists» (ICIJ).

Bis vor zwei Jahren gehörte das ICIJ zum Center for Public Integrity, einer gemeinnützigen US-Organisation, die sich auf die Fahne geschrieben hat, «Machtmissbrauch, Korruption und Pflichtversäumnis einflussreicher öffentlicher und privater Institutionen offenzulegen». Finanziert werden beide Organisationen von namhaften Stiftungen wie der Ford Foundation, dem Omidyar Network von Ebay-Gründer Pierre Omidyar, der niederländischen Adessium Foundation oder der von George Soros gegründeten Open Society Foundation. Das ICIJ ist 2013 mit den «Offshore Leaks» bekannt geworden. Datenbasis waren 2,5 Millionen Dokumente über die Gründung und Verwaltung von Gesellschaften in bekannten Steueroasen. Die Informationen stammten aus einer anonymen Quelle, die zuvor ein noch grösseres Datenpaket den US-Steuerbehörden übergeben hatte. An der Auswertung waren 86 Journalisten in 46 Ländern beteiligt, aus der Schweiz Medienschaffende der «Sonntags-Zeitung». 2015 stand das ICIJ hinter der Kampagne «Swiss Leaks». Diese beruht auf 60 000 Dokumenten, die der ehemalige Bankmitarbeiter Hervé Falciani bei der HSBC entwendet hatte. Ein Quantitätssprung waren die «Panama Papers». 11,5 Millionen Dokumente, die der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca entwendet worden waren, wurden der «Süddeutschen Zeitung» zugespielt. Diese lagerte die Aufarbeitung an das ICIJ aus. Nach einjährigem Vorlauf unter absoluter Geheimhaltung starteten 2016 gleichzeitig 109 Medien in 76 Ländern mit den Publikationen.

In der Arbeitsteilung im Aufstöbern und in der Aufbereitung investigativer Geschichten bildeten sich Redaktionen, die keiner Publikation angeschlossen sind. Als Vorbild gilt das 2007 in New York gegründete Institut «Pro Publica», das der Immobilienmilliardär Herbert Sandler mit jährlich zehn Millionen Dollars alimentiert. Die Redaktion startet eigenständig Recherchen, bietet diese in der Endphase zunächst einem etablierten Medium zur Exklusivverwertung an, bevor die Geschichten honorarfrei von lizenzierten Medien übernommen werden dürfen. Als deutsches Pendant entstand das Kollektiv «Correctiv» als «erstes gemeinnütziges Recherchezentrum». Die stiftungsfinanzierte Redaktion initiiert Recherchen, die mit Kooperationspartnern realisiert werden.

Der Kreis der Redaktionen, welche die Aufklärungs- und Verwertungsmaschinerie betreiben, ist überschaubar. In Deutschland spielt häufig die Achse zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern WDR und NDR und der «Süddeutschen Zeitung». Alternativ kommt der «Spiegel» zum Zug. Über den bestehenden Artikelaustausch kann die Tamedia direkt die Recherchen der «Süddeutschen Zeitung» beziehen. Mit seinem mehrköpfigen Recherchedesk bietet sich der Zürcher Medienkonzern aber auch unabhängig davon an, Teil der Kampagnen zu sein.

Quelle ist oft unbekannt

Skeptische Stimmen zu den problematischen Seiten konzertierter Recherchen finden sich kaum. Zum einen gehören die Meister der Investigativrecherche häufig einer der beteiligten Redaktionen an und stehen für das modisch gewordene Erfolgsmodell. Zum anderen wurde an einer Tagung des deutschen Vereins «Netzwerk Recherche» der «Neidreflex» als Grund für eine ausbleibende Selbstreflexion benannt: Journalisten, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht dazugehören, würden eine oppositionelle Haltung vermeiden, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, ihre Position sei vom Neid der Ausgeschlossenen diktiert.

Journalistische Kampagnen sind unbestritten bestes Marketing. Die komplexen, hochprofessionell aufgemachten und mehrheitlich relevanten Geschichten helfen den Redaktionen, das Label «Qualitätsjournalismus» zu pflegen – und den Konzernen Kosten zu sparen. Schliesslich sind die Vorleistungen häufig durch Drittmittel mitfinanziert. Die beteiligten Medienschaffenden sind zudem Anwärter für Journalismuspreise, was ihren Status erhöht. Gehört es zum gewöhnlichen Alltag eines Journalisten, täglich einen Beitrag zu verfassen, können sich Investigativjournalisten wochenlang in eine Geschichte verkrallen. Verbundjournalismus kaschiere aber auch den fortschreitenden Abbau auf den Redaktionen, stellt der ehemals in der Schweiz lehrende Journalismusforscher Stephan Russ-Mohl fest: «Es ist schon augenfällig, wie auf der einen Seite Rechercheabteilungen für grosse Geschichten wie Pilze aus dem Boden schiessen und es andererseits zunehmend an journalistischen Kapazitäten fehlt, die Geschichten vor Ort zu recherchieren.»

Verbundrecherchen moderner Prägung haben neuralgische Schwachstellen. Den Journalisten ist die Quelle der Indiskretionen entgegen ihrer üblichen Arbeitsweise in vielen Fällen unbekannt. Damit kennen sie auch dessen Motiv­lage nicht. Augenscheinlich problematisch wurde dies mit den E-Mails aus dem Clinton-Umfeld, die im Vorfeld der US-Wahlen Wikileaks zugespielt worden sind. Die berichtenden Medien waren faktisch manipulierte Träger einer Kriegsführung mit gelenkten Informationen. Einen «Spin» droht den Kampagnen auch durch die Intermediäre, die von interessengeleiteten Geldgebern abhängig sind. Weshalb finanziert die US-Regierung ein journalistisches Antikorruptionsprojekt, in dessen Fokus russische Geschäftspraktiken stehen? Selbst wenn es sich bei den Financiers um wohltätige Stiftungen mit untadeligem Ruf handelt, haben diese eine Intention. Die Rede ist von «Impact Journalism», was den Anspruch meint, dass die Recherchen Wirkung zeitigen.

Verbundjournalismus verändert nicht zuletzt den Journalismus in einer Kernfunktion, wie sich Medien nämlich gegenseitig kontrollieren und zitieren. Durch den Informationsvorsprung und den exklusiven Zugang zu Daten eines geschlossenen Medienkreises wird eine «Gegenrecherche» durch ein anderes Medium praktisch verhindert. Ausser es kommt zu einer spektakulären Enttarnung wie im Falle des Rui Pinto und einem juristischen Nachspiel. Nun können andere Medien immerhin über den Portugiesen berichten, dem in der Heimat nun ein Strafprozess droht.

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