INTERVIEW
«Schlimmer kann es nicht mehr werden» – warum die St.Galler Nationalrätin Susanne Vincenz trotzdem nicht FDP-Chefin sein möchte

Sie will nicht Nachfolgerin von Petra Gössi im Präsidium der FDP Schweiz werden. Ihr Entscheid habe nichts mit den internen Querelen in der Klima- und Europapolitik zu tun, sagt die Ostschweizer Anwältin.

Stefan Schmid
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FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher.

FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher.

Britta Gut

Susanne Vincenz, Sie wollen nicht Präsidentin der FDP Schweiz werden. Warum?

Es freut mich, dass viele mir dieses Amt zugetraut haben. Zum einen aus der Fraktion. Zum anderen auch aus der Basis. Als mich dann auch noch die Findungskommission kontaktierte, habe ich meine Ferien im Toggenburg zur Klausur umgestaltet. Vieles sprach dagegen, wenig dafür.

Was sprach dafür?

Mein Feuer für die FDP, meine Leidenschaft für die Politik. Es ist ein Privileg, mitgestalten zu können. Dafür spricht auch, dass ich gerne Führungsverantwortung übernehme und in einem Team arbeite. Auch meine Erfahrungen im Zusammenbringen von verschiedenen Meinungen hätten dafür gesprochen, das Amt zu übernehmen.

Dennoch verzichten Sie.

Ich bin eine überzeugte Anhängerin des Milizsystems. Für mich stimmt das Gleichgewicht momentan sehr. Ich arbeite gerne als Anwältin, wo ich auf einen breiten Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. Auch meine Tätigkeiten als Ombudsfrau und Präsidentin Stiftung Opferhilfe machen Freude. Die Gefahr, Politik im Elfenbeinturm zu betreiben, ist damit gebannt. Mit dem Präsidialamt wäre dieses Gleichgewicht ins Wanken geraten.

Die FDP hat turbulente Monate hinter sich. Die Partei ist in zentralen Fragen gespalten und ihre Mitglieder streiten sich öffentlich. Da will man doch nicht Präsidentin werden, oder?

Das hätte mich eher beflügelt. Schlimmer kann es ja nicht mehr werden. Ernsthaft: Allen ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Es hätte mich gereizt, diese Gräben, die sich aufgetan haben, zuzuschütten.

Petra Gössi wurde vom rechten Flügel wiederholt desavouiert. Sie kämpfte für das CO2-Gesetz während andere wenige Minuten später via Twitter das Gegenteil verkündeten. Auf solche Grabenkämpfe hätten Sie tatsächlich Lust gehabt?

Nein, das nicht. Da haben wir uns als FDP nicht mit Ruhm bekleckert. Aber glauben Sie mir, so schnell hätte ich mich nicht unterkriegen lassen. Das war für mich wirklich nicht ausschlaggebend. Mir ist meine politische Unabhängigkeit wichtig. Diese zeichnet mich aus. Das würde ich preisgeben als Präsidentin der FDP. Zudem: Ich bin bereits Präsidentin der FDP Frauen. Wir haben mit der Volksinitiative zur Individualbesteuerung ein Grossprojekt am Start, das ich weiter begleiten möchte. Die Stimme der liberalen bürgerlichen Frauen ist auch bei den anstehenden Revisionen der Sozialwerke sehr wichtig.

Wie kann die FDP, in welcher so viele Vertreter von Partikularinteressen sitzen, geeint werden?

Die Partei wird geschlossener auftreten. Alle haben gemerkt, dass es so nicht geht. Wir müssen es wieder schaffen, die verschiedenen Meinungen als Stärke zu sehen und nicht als Schwäche. Es braucht eine Kultur, wie man mit Verschiedenheit umgeht.

Das klingt nach Durchhalteparolen.

Wir haben viele Themen, wo wir uns einig sind. Selbst bei der Ökologie besteht weitgehend Eintracht beim Ziel. Über den Weg ans Ziel müssen wir streiten, aber intern.

Braucht es ein Co-Präsidium?

Das sehe ich nicht. Reibungsverlust und Abstimmungsaufwand sind zu gross.

Marcel Dobler aus dem Kanton St.Gallen ist der bisher einzige Kandidat. Unterstützen Sie ihn?

Ich schätze Marcel Dobler. Aber es ist aktuell zu früh, sich zu einzelnen Personen zu äussern.

Sie gelten als Vertreterin des ökologisch-progressiven Flügels. Wer steigt nun an Ihrer Stelle in den Ring?

Da gibt es verschiedene geeignete Personen. Zumindest für das interne Verfahren wäre es schon gut, wenn sich Optionen ergeben täten.

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