Interview
Intensivmediziner: «Das Alter der Covid-Patienten auf der Intensivstation verschiebt sich nach unten»

Seit über einem Jahr bilden sie die Heeresspitze in der Pandemiebekämpfung: Die Intensivmediziner. Peter Steiger ist einer von ihnen. Eigentlich sehnt er sich nach Ferien am Meer. Doch solange sich die Menschen nicht an die Massnahmen halten, rückt sein Wunsch in weite Ferne.

Sarah Serafini/watson.ch
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Seit einem Jahr im Dauerstress: Das medizinische und pflegende Personal auf den Schweizer Intensivstationen.

Seit einem Jahr im Dauerstress: Das medizinische und pflegende Personal auf den Schweizer Intensivstationen.

Michel Canonica

Herr Steiger, seit über einem Jahr kümmern Sie sich um Covid-Patienten auf der Intensivstation. Wie geht es Ihnen damit?

Peter Steiger: Ich habe mich daran gewöhnt. Es ist ganz anders als bei der ersten Welle, die uns relativ unvorbereitet traf. Wir wussten, dass da etwas kommt, aber nicht, was genau. Es gab erst wenig Wissen zur Krankheit und entsprechend gross waren unsere Unsicherheiten. Wir mussten zuerst mal Schutzkonzepte ausarbeiten, herausfinden, wie wir die Patienten überhaupt behandeln können, Reserven schaffen für Plätze.

Das war während der zweiten Welle einfacher?

Ja, weil wir da bereits wussten, wie es funktioniert. Unterdessen haben wir die Krankheit kennengelernt und konnten reagieren. Allerdings war die zweite Welle viel grösser als die erste. Wir sind die Sache insgesamt zwar ruhiger angegangen, aber es war viel intensiver. Das Problem war auch, dass wir zwischen der ersten und zweiten Welle nie Zeit hatten, uns richtig zu erholen. Kräftemässig und psychisch. Das Personal war im Herbst bereits am Anschlag als uns die zweite Welle mit voller Wucht traf.

Wie hält man so etwas aus?

Man hält es eben aus. Es gab Zeiten, da war mein Team ziemlich k.o. Und jetzt, da wir dachten, die zweite Welle sei endlich durch, geht es direkt weiter.

Peter Steiger, stellvertretender Direktor Institut für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich.

Peter Steiger, stellvertretender Direktor Institut für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich.

zvg

Wie ist die Situation momentan auf der Intensivstation im Unispital Zürich?

Wir haben derzeit elf Covid-Patienten auf der Intensivstation. Das ist viel. Vor einiger Zeit hatten wir mal nur zwei, doch jetzt spüren wir bereits, wie es wieder anzieht. Schon wieder. Auffällig ist, dass sich das Alter der Patienten nach unten verschiebt.

Was heisst das konkret?

Seit Beginn dieser neuen Welle hatte ich bereits drei unter 30-jährige Patienten auf der Intensivstation. Zum Vergleich: In der gesamten zweiten Welle mit über 200 Patienten waren neun unter 30 Jahre alt. Jetzt sind wir noch ganz am Anfang und haben schon drei, davon zwei Schwangere. Aber es ist noch zu früh, um daraus etwas Repräsentatives abzuleiten.

Merken Sie denn etwas von einem ersten Impferfolg? Die Risikogruppe sollte bald vollständig geimpft sein.

Geimpft sind vor allem die über 80-Jährigen und die kamen nur selten auf die Intensivstation. Sie blieben entweder zu Hause oder in einer Alterseinrichtung oder wurden auf der normalen Abteilung behandelt. Viele hatten auf der Patientenverfügung vermerkt, dass sie nicht auf die Intensivstation verlegt werden wollen.

In Frankreich und Österreich gibt es bereits wieder Spitäler, die voll ausgelastet sind. Fürchten Sie sich vor einem solchen Szenario auch in der Schweiz?

«Ich hoffe wirklich sehr, dass die nächste Welle nicht mehr so hoch wird wie die letzte.»

Aber voraussehen können wir das nicht. Im Moment versuchen wir mit allen Möglichkeiten, die Covid-Patientinnen und Patienten so über das Haus zu verteilen, dass wir nicht erneut eine Isolationsintensivstation aufmachen müssen. Weil das für uns extrem anstrengende Arbeitsbedingungen bedeutet. Momentan schaffen wir das noch.

Worauf bereiten Sie sich vor?

Für uns ist wichtig, dass wir uns überlegen, wie wir uns organisieren, wenn wieder mehr Covid-Patienten kommen. In der zweiten Welle mussten wir die Operationsprogramme massiv runterfahren. Kommen nun erneut mehr Corona-Patientinnen zu uns, so hat es wieder weniger Platz für andere, Nicht-Covid-Patienten. Dazu kommt, dass schwer kranke Covid-Patientinnen meistens relativ lange auf der Intensivstation bleiben und einen Platz entsprechend lange belegen. Das ist zum Glück derzeit noch nicht gravierend. Doch unsere bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass sich das jederzeit schnell ändern kann.

Inzwischen hat sich die englische Virusmutation B.1.7.7 in der Schweiz als die dominante Variante durchgesetzt. Macht sich das auf der Intensivstation bemerkbar?

Die Mutation B.1.7.7 ist ansteckender und gefährlicher als die Vorgängerversion. Ob sich das auf der Intensivstation bemerkbar macht, kann ich noch nicht sagen, dazu ist es noch zu früh. Beruhigend ist immerhin, dass die Impfungen die britische Variante gut abzudecken scheinen. Viel mehr Sorgen machen mir andere Mutationen.

Welche meinen Sie?

Es werden immer wieder neue Varianten gemeldet. Wenn diese nicht durch den aktuellen Impfschutz abgedeckt sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich ausgebreitet haben.

«Die entscheidende Frage wird dann sein, wie schnell die Industrie neue Impfstoffe entwickeln und wie schnell die Bevölkerung auch gegen die neuen Virus-Typen geimpft werden kann.»

Optimal wäre, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung bis im Sommer den doppelten Impfschutz hat und dann im Herbst zusätzlich eine ergänzende Variantenimpfung erhält.

Das würde voraussetzen, dass es bis dann entsprechende Variantenimpfungen gibt.

Genau. Und wie realistisch das ist, kann ich nicht sagen. Fakt ist: Es wird immer wieder Virusvarianten geben, die uns beschäftigen werden. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir bis ins Jahr 2022 immer wieder Covid-Wellen erleben werden. Ganz aufhören wird es nie. Irgendwann wird es einfach nicht mehr solche Spitzen geben wie während der Pandemie.

Der Infektiologe und Ex-Taskforce Mitglied Manuel Battegay sagt, schrittweise Öffnungen würden drin liegen, sofern sie von strengen Kontrollen begleitet werden. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Wenn man sicher sein kann, dass die Massnahmen zu 100 Prozent eingehalten werden, dann könnte ich mir das schon vorstellen. Doch die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass das nicht funktioniert. Kaum wurde es vergangenes Jahr wärmer, kaum gingen die Zahlen runter, schlugen viele die Sicherheitsvorkehrungen in den Wind. Obwohl stets vor den Konsequenzen gewarnt wurde. Jetzt sind wir wieder am genau gleichen Punkt. Trotz den Erfahrungen, die wir letztes Jahr gemacht haben. Und obwohl wir inzwischen wissen, wie gut die Massnahmen wirken. Wir sind das beste Beispiel dafür.

Inwiefern?

Wir arbeiten in einem hoch ansteckenden Milieu.

«Im Verhältnis zur restlichen Bevölkerung haben wir bei unserem Personal eine sehr tiefe Durchseuchung. Das heisst, wenn die Massnahmen richtig angewandt werden, sind sie sehr wirksam.»

Darum ist meine persönliche Meinung: Ja, wir können es lockerer angehen, sofern wir uns alle streng an die Hygienevorschriften halten. Aber das scheinen nicht alle einzusehen.

Macht Sie das wütend?

Ich habe Mühe damit. Wissen Sie, ich hätte auch nichts dagegen, wenn Corona endlich vorbei wäre. Privat und vor allem auch beruflich. Wenn dann in Liestal 6000 Personen an einer Demo mehrheitlich ohne Maske herumlaufen, dann will mir das einfach nicht so recht in den Kopf. Solche Aktionen führen dazu, dass wir hier wieder mehr Patienten behandeln müssen.

Herr Steiger, haben Sie eigentlich auch mal Zeit, durchzuatmen? Planen Sie Sommerferien?

Ja, irgendwann brauche ich schon Ferien (lacht). Was wir machen, ist noch unklar. Derzeit gibt es zu wenig Planungssicherheit.

«Ich würde gerne wieder mal ans Meer. Aber wer weiss, ob das klappt.
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